Früherer Wurmlinger Pfarrer soll sich mehrfach an Buben vergangen haben
Jahrelang soll der von 1953 bis 1965 in Wurmlingen tätige Pfarrer Knaben unsittlich berührt und geschlagen haben. Der selbst betroffene Hobby-Dichter Anton Birlinger veröffentlichte jetzt Verse darüber. Der Pfarrer, den die Wurmlinger 1968 zum Ehrenbürger machten, starb 1991.
Wurmlingen. Seit er voriges Jahr pensioniert wurde, hat der 60-jährige, in Wurmlingen aufgewachsene Hobby-Dichter Anton Birlinger Ruhe, belastende Kindheitserinnerungen zu verarbeiten. „Früher habe ich die Geschehnisse immer wieder weggeschoben, verdrängt,“ sagte er im Gespräch in der Rottenburger TAGBLATT-Redaktion, „aber im Sommer 2009 habe ich es mir von der Seele geschrieben“.
Unbarmherzig und brutal habe der Pfarrer bei kleinen Vergehen der Knaben zugeschlagen, „oft mit einem Kabelstrang, der besonders schmerzhafte Striemen verursachte“. Umso verstörender erlebte Birlinger die sexuelle Zudringlichkeit des Priesters bei anderer Gelegenheit, allein mit ihm beim Nachsitzen in der Wurmlinger Schule. Birlinger: „Er nahm mich auf den Schoß, griff in meine Hose und betastete meine Genitalien“.
Wurmlinger Jugendliche haben in den 60er Jahren über die Neigung des Pfarrers zu sexuellen Übergriffen auf Knaben vor der Pubertät untereinander gesprochen. Das bestätigte G. (Name der Redaktion bekannt), der gleichaltrige, am Gespräch teilnehmende Bekannte Birlingers. „Auch später, bei den in Wurmlingen gut besuchten Jahrgangstreffen ist immer wieder davon gesprochen worden“, sagte er.
Eine Seite von insgesamt 144 in seinem im Selbstverlag erschienenen Büchlein „Streuobst“ hat Birlinger der Missbrauchs-Erfahrung gewidmet. Er ist kein professioneller Dichter, manches gerät ihm holpernd. In der letzten Strophe thematisiert er das „unterwürfige, ängstliche Schweigen“ über die „sexuellen Abartigkeiten“ des Pfarrers. Lange habe er sich überlegt, erzählt Birlinger, ob er jene Verse überhaupt erscheinen lassen solle. Dann habe er sich entschieden: „Jetzt muss es endlich mal raus!“
Manche wussten von des Pfarrers Neigung
Ende Oktober 2009 war das „Streuobst“-Manuskript in der Druckerei, also noch bevor die Missbrauchs-Fälle im Canisius-Kolleg publik wurden, die die Welle weiterer Enthüllungen über sittliche Verfehlungen Geistlicher in Rollen gebracht hatten. Birlingers Bekannter G. ist Anfang der 60er Jahre ebenfalls von diesem Pfarrer sexuell bedrängt worden. Tatort war das Wurmlinger Pfarrhaus. Dennoch hat G. nicht mit dem Pfarrer gebrochen. „Ich habe vermieden, mit ihm allein zu sein“, sagte er, „habe darauf geachtet, nicht als letzter aus dem Pfarrhaus zu gehen“. Mit ihren Eltern oder Lehrern hätten die Knaben über die Vorfälle nicht gesprochen, sagen Birlinger und G. Allerdings erinnert sich G. an eine Bemerkung seines Vaters: „Der Pfarrer hat es doch mit Buben.“
Das ängstliche Schweigen soll aufhören
Einige der damals schon Erwachsenen müssten also etwas gemerkt haben, vermutete G. im Gespräch gestern. Seines Wissens sei 1968 die Entscheidung des Wurmlinger Gemeinderats, dem damals schon als Theologieprofessor in Königstein im Taunus lehrenden Geistlichen für seine Verdienste um die Wurmlinger Kapelle die Ehrenbürgerwürde zu verleihen, nicht einstimmig erfolgt. Zwei Ratsleute hätten wohl etwas von den pädophilen Attacken des Priesters geahnt.
Dem Pfarrer jetzt – bald zwanzig Jahre nach seinem Tod – die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen, lehnte G. ab: „Die damals etwas ahnten, hätten es damals auch sagen sollen.“ Birlinger stimmte zu: „Mir liegt daran, dass das ängstliche Schweigen endlich aufhört, und dass die Kirche das Gespräch mit den Opfern sucht.“
Einige der Kinder erzählten damals ihren Eltern von den brutalen Schlägen des Pfarrers, einige Eltern baten ihn wenigstens, weniger hart zu strafen. Ohne Erfolg. Birlinger erinnert sich an einen Ausspruch seiner Mutter, damals ein geflügeltes Wort: „Eine geweihte Hand schlägt nicht.“ Zu verwirrend, zu verstörend wirkte der Missbrauch auf ihn, um darüber mit anderen zu reden als mit den Altersgenossen. Birlinger: „Der Pfarrer predigte von Keuschheit, vom Leib als Tempel, den man nicht mit sexuellen Handlungen schänden dürfte. Und schändete uns. Dann stand er wieder da, sonntags in der Kirche, in seinem Talar.“
Seitdem Birlinger vor wenigen Tagen die den Pfarrer betreffenden Zeilen nach einer Lesung aus seinem Buch in kleinem Kreis erwähnte, hätten sich einige Männer der Jahrgänge 1949 bis 1952 wieder über die Übergriffe unterhalten, deren Opfer sie vor fünf Jahrzehnten wurden. Das berichtete G. Einem von ihnen sei übel geworden, als ihn die Erinnerung einholte.
Der jetzige Wurmlinger Ortspfarrer hat die von weiteren Männern bestätigten Anschuldigungen an die Kommission „Sexueller Missbrauch“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart gemeldet, die sich in ihrer morgigen Sitzung damit befassen will. Am 19. Februar hatte Kommissionsleileiter Robert Antretter auf TAGBLATT-Anfrage gesagt, es seien über die bekannten Fälle hinaus keine neuen angezeigt worden.
OB: Ein Ehrenbürger muss Vorbild sein
Das änderte sich binnen zwei Wochen. Am 11. März teilte die Pressestelle der Diözese mit, es seien weitere Hinweise über Vergehen eingegangen, „die in den allermeisten Fällen viele Jahre beziehungsweise Jahrzehnte zurückliegen“. Über die Zahl werde die Kommission nach ihrer morgigen Sitzung die Öffentlichkeit informieren. Ob den damaligen kirchlichen Vorgesetzten des belasteten Wurmlinger Pfarrers Hinweise vorlagen, wird die Kommission zu klären haben.
Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher sagte gestern, er werde, sofern sich die Anschuldigungen als richtig erwiesen, im Gemeinderat die Aberkennung der Ehrenbürger-Würde beantragen. Die Ehrenbürgerwürde sei die höchste Auszeichnung, die eine Stadt vergeben kann; wer sie erhalte, solle über seine spezielle Leistung hinaus Vorbild sein.