Männer schlagen zu, Frauen sind die Opfer - so die Vorstellung, wenn es um Gewalt in Paarbeziehungen geht. Aber auch Frauen können gewalttätig sein. Nur langsam kommt das Thema aus der Tabuzone.
Anzeige
TANJA WOLTER
Weibliche Gewalt ist bis heute ein Tabu-Thema. Einer der Gründe: Männer trauen sich häufig nicht, die Polizei zu rufen. Foto: dpa
Eigentlich mochte er ihr Temperament, oder das, was er dafür hielt. Es war ein Grund, warum Markus Scheffler (Name von der Redaktion geändert) mit der Frau zusammenkam, die später eine ernsthafte Bedrohung für ihn werden sollte. Damals ahnte er nicht, dass hinter dieser Hitzköpfigkeit Aggressionen stecken, die in massive Gewalt umschlagen können. Die ersten "Fetzereien" aber ließen nicht lange auf sich warten. Zuerst richtete sich die Gewalt gegen Dinge: Teller, die auf dem Fußboden zerschellten, eine Türe, die mit voller Wucht eingetreten wurde. Irgendwann, Jahre später, traf es vor allem ihn - Attacken mit Gegenständen, Schläge mit den bloßen Fäusten, immer wieder. "Durch den ersten Übergriff ist bei ihr eine Hemmschwelle gefallen", sagt Scheffler im Rückblick.
Es gibt Frauen, die Männer töten. So geschehen etwa beim Amoklauf von Lörrach im September 2010, als eine 41-jährige Frau ihren Ex-Partner, ihren Sohn und einen Pfleger umbrachte und dann von Polizisten erschossen wurde. Solche extremen - und seltenen - Fälle von weiblicher Gewaltkriminalität erschüttern die Öffentlichkeit.
Es gibt auch Frauen, die Männer schlagen, sei es aus Eifersucht, sei es, weil ihr Ideal von einer Beziehung und einer heilen Familienidylle nicht mit der Realität in Einklang zu bringen ist. Von dieser weiblichen Gewalt erfährt die Öffentlichkeit nur selten. Und wenn doch, wird vielfach das Klischee vom "Hausdrachen" bemüht, der zur Wiederherstellung der heimischen Ordnung das Nudelholz schwingt. Da habe wohl die Frau die Hosen an, ist dann oft die Reaktion, als handle es sich um die lustige Szene aus einer Filmkomödie.
Für Scheffler war die Beziehung mit der Frau nicht lustig. Der Mittfünfziger aus dem norddeutschen Oldenburg ist ein friedfertiger Mensch, beschreibt sich selbst als zurückhaltend, weich und "eher androgyn". Ein Künstlertyp, der in der Musikbranche tätig ist. Scheffler wehrte sich nicht, schlug nach eigenen Angaben nie zurück, sondern versuchte, seine Partnerin zu beruhigen. Er suchte die Schuld bei sich, fragte sich, womit er sie so gereizt hat. "Vermeintliche Anlässe gab es immer." Und er deutete ihre Übergriffe als "Akt der Hilflosigkeit". Es dauerte lange, bis Scheffler die Angriffe nicht mehr verharmloste, bis er die Polizei einschaltete und sich trotz Paartherapien und einer gemeinsamen Tochter zur Trennung durchrang.
"Häusliche Gewalt gegen Männer" - bis heute ist das weitgehend ein Tabu-Thema. Doch immer mehr wird am weit verbreiteten Mythos, dass Gewalt in Paarbeziehungen vom Mann ausgeht, gekratzt. Forscher, Soziologen und Kriminologen machen zunehmend auf die Problematik weiblicher Übergriffe aufmerksam. Den Anstoß gaben Studien insbesondere aus den USA, nach denen Frauen in Beziehungen ähnlich oft Gewalt anwenden wie Männer. Die Forschungsergebnisse werden auch in Deutschland von höchster Stelle akzeptiert. So heißt es im "Gender Datenreport" des Bundesfamilienministeriums: "Dunkelfeldstudien zeigen: Von körperlicher Gewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen scheinen Männer zunächst - rein quantitativ - in annähernd gleichem Ausmaß wie Frauen betroffen zu sein."
Dadurch alarmiert nahm das Ministerium 2004 selbst eine Pilotstudie zur Gewalt gegen Männer vor. Sie umfasste auch eine Befragung von 266 Männern. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, weisen aber in dieselbe Richtung: Ein Viertel der Männer berichtete, schon einmal von ihrer Partnerin oder einer Ex-Partnerin attackiert worden zu sein. Wobei es sich - darauf verweist das Ministerium ausdrücklich - überwiegend um weniger schwerwiegende Gewalt mit einem deutlich geringeren Verletzungsrisiko handelt, als wenn Männer Frauen verprügeln. Ohrfeigen, Tritte oder Bisse werden als Beispiele für weibliche Gewalt genannt.
Auf die Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Gewalt weist auch Barbara Kavemann hin. "Wir haben zwar ein statistisches Gleichgewicht", sagt die Soziologin am Sozialwissenschaftlichen Frauenforschungsinstituts Freiburg. Aber es gebe geschlechtsspezifische Unterschiede. Beim klassischen Beziehungskrach - Kavemann spricht hier von "situativer Gewalt" - sei es tatsächlich so, dass die Aggression genauso von der Frau wie vom Mann ausgehen kann. Eine "kontrollierende, beherrschende Gewalt", die weit bedrohlicher für die Opfer sein kann, geht nach Einschätzung der Wissenschaftlerin dagegen eher von Männern aus.
Dass Frauen letztlich weitaus häufiger schwere Verletzungen davontragen, heißt aber nicht, dass nicht auch Männer Opfer von schwerer Gewalt und Misshandlungen in ihrer Beziehung werden können, auch wenn diese Fälle nicht oft bekannt werden. Weibliche Opfer suchen eher Hilfe oder alarmieren die Polizei. Betroffene Männer hingegen machen solche Erfahrungen oft mit sich selbst aus. "Für Männer ist schon das bewusste Eingeständnis vor sich selbst, Opfer von Gewalt einer Frau zu sein, mit ihrer Geschlechterrollenidentität kaum vereinbar", schrieb der Kriminologe Michael Bock in einem Beitrag zur häuslichen Gewalt.
Sogar Frauenrechtlerinnen räumen inzwischen ein, dass bei Gewalt in Partnerschaften die Täter auch weiblich sein können. Die Frauenschutzorganisation "Terre des Femmes" geht von einer steigenden Zahl gewalttätiger Frauen aus. "Strukturell" seien aber in erster Linie mehr Frauen als Männer von häuslicher Gewalt betroffen, heißt es in einer Stellungnahme von Kerstin Horak, die bei "Terre des Femmes" das Referat "Häusliche Gewalt" leitet.
Bei Markus Scheffler war das nicht so. Die Prellungen, die Wunden im Gesicht und die psychischen Folgen trug er davon. Seine Erfahrungen als Gewaltopfer spielte er dennoch lange Zeit herunter. Das müsse man einfach wegstecken, sei sein Gedanke gewesen. "Ein Mann macht in seiner Sozialisation ja viel häufiger Erfahrungen mit Gewalt als eine Frau."
Das alles ist lange her. Seit nunmehr zehn Jahren ist Scheffler ehrenamtlich für die Oldenburger "Männerwohnhilfe" tätig. Der Verein bietet Männern in Krisensituationen Unterschlupf in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Oft handelt es sich um Männer in Trennungssituationen, mitunter auch um Opfer weiblicher Gewalt.
Seine eigene Krise hat Scheffler inzwischen überwunden. Mit seiner Ex-Partnerin kann er wieder normal reden, etwa über die Schulbildung der Tochter. "Ich habe keinen Hass mehr", sagt Scheffler. Dass er seine Geschichte dennoch erzählt, begründet er mit der Hoffnung, dadurch mit falschen Vorstellungen aufräumen zu können.