13.04.2010 Drucken Empfehlen
[X]
 per eMail empfehlen


   

Spenden ja, Kontrolle mangelhaft

Experten kritisieren mangelnde Transparenz der Geldflüsse bei Hilfsorganisationen

Die Spendenbereitschaft der Deutschen sinkt. Ein Grund: Hilfsvereine stehen im Verdacht, Geld zu veruntreuen. Es sind Ausnahmen. Doch sie schaden seriösen Verbänden. Lässt sich Missbrauch vermeiden?

Anzeige


CHRISTINA WENDT
Artikelbild: Experten kritisieren mangelnde Transparenz der Geldflüsse bei Hilfsorganisationen

Es kann das Schicksal von Menschen in Deutschlands oder in Krisenregionen der Welt sein, das einen zum Spenden bewegt. Es gibt auch Spender, die Geld aus steuerlichen Vorteilen verteilen. Alle sind jedoch daran interessiert, dass Bedürftigen geholfen wird. Alice Schwarzer, ehemalige Chefredakteurin der Zeitschrift "Emma", hat ihren "Wer wird Millionär"-Gewinn von 500 000 Euro dem Verein "Hatun und Can" vermacht. Der Verein, vor drei Jahren gegründet, will Frauen vor Gewalt schützen. Die großzügige Spenderin hinterfragte Monate nach ihrem Fernsehauftritt den Verbleib ihrer Spende. Eine Antwort blieb ihr der Verein schuldig. Inzwischen sitzt der Chef der Organisation wegen Betrugsverdachts in Untersuchungshaft.

Artikelbild: Experten kritisieren mangelnde Transparenz der Geldflüsse bei Hilfsorganisationen Spenden veruntreut: Zwei Hilfsvereine schaden mit ihren Machenschaften einer ganzen Branche. Fotos: dpa

Der Berliner Verein "Treberhilfe", der sich um Obdachlose kümmert, geriet ebenfalls in die Schlagzeilen. Dessen Chef, Harald Ehlert, fuhr einen Maserati als Dienstwagen. Mit Vereinsgeldern soll er ihn angeschafft haben. Auf Kosten der Obdachlosenbetreuung wurde zudem eine Dienstvilla im brandenburgischen Caputh renoviert. Dabei seien für mehr als 78 000 Euro Sauna und Whirlpool eingebaut worden. Für weitere knapp 153 000 Euro seien zudem Bootshaus und Steg der See-Villa verschönert worden. Ehlert soll für die Villa 870 Euro Miete gezahlt haben. Die Treberhilfe arbeitet vor allem mit öffentlichen Zuwendungen.

Auch das Bundesentwicklungsministerium blieb Anfang des Jahres vor Veruntreuung nicht verschont. Der deutsche Verein Katachel, der in Nordafghanistan Projekte leitet, gab zu, dass mehrere 100 000 Euro verschwunden seien. Offenbar haben, so heißt es aus dem Ministerium, lokale Projektmitarbeiter in Afghanistan Gelder abgegriffen.

Dabei ist die Kontrolle durch das geldgebende Ministerium äußerst engmaschig. "Die privaten Träger und ihre Projekte werden von den zuständigen Referaten geprüft, zudem begleiten wir die Projektförderung und bekommen einen Schlussverwendungsnachweis", erklärt eine Sprecherin. Wenn dann doch Geld abhanden käme, handle es sich um "schwarze Schafe".

Ähnlich schätzt Burkhard Wilke, Geschäftführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), die Situation ein. Sein Institut vergibt jährlich so genannte Spenden-Siegel an Hilfsorganisationen. Doch auch dieses schützt nicht immer vor Missbrauch, wie Wilke zugibt. Der Verein Katachel schmückt sich auf seiner Internetseite mit eben jenem Qualitätsnachweis des DZI - und steht am Pranger. "Unser Spenden-Siegel wird jährlich neu vergeben", sagt Wilke. Katachel unterliege jetzt einer besonderen Prüfung, habe daher noch kein neues Siegel erhalten. "Es gibt sie, die schwarzen Schafe", fügt Wilke hinzu. Die mit einem DZI-Siegel versehenen Hilfsorganisationen sammeln jährlich 1,4 der geschätzten fünf Milliarden Euro Spenden. "Doch viele andere Organisationen, die nicht unserer Prüfung unterliegen, arbeiten genauso seriös", sagt der Geschäftsführer. Letztlich sollte sich jeder Spender genau informieren, wem er Geld gibt.

Möglichkeiten der Kontrolle von Hilfsvereinen gebe es schon, sagt Wilke. Alle drei Jahre erfolge zum Beispiel eine Gemeinnützigkeitsprüfung durch die Finanzämter. "Unregelmäßigkeiten können bei einer routinemäßigen Buchprüfung aber kaum festgestellt werden", räumt er ein. Im Jahresabschluss seien Automarken wie der Maserati der Treberhilfe wohl nur verschlüsselt ausgewiesen. Solche Geldverschwendung würde nur die Außenprüfung aufdecken, die bei gemeinnützigen Organisationen selten stattfindet - auch weil die Finanzämter personell unterbesetzt seien, weiß der DZI-Geschäftsführer. Und: Deckt ein Finanzamt einen Missbrauch auf, unterliegt dies der Schweigepflicht. Die Öffentlichkeit erfährt nichts davon.

Fehlende Transparenz bei Hilfsorganisationen kritisiert auch Birgit Galley, von der School of Governance, Risk & Compliance in Berlin. "Es fühlt sich keiner wirklich zuständig für die Kontrolle", sagt sie. Und manchmal seien Institutionen auch die Hände gebunden. Zur Treberhilfe etwa gehört sowohl ein Verein als auch eine gemeinnützige GmbH. Der Verein gehörte dem Paritätischen Wohlfahrtsverband an, die Gesellschaft arbeitete unter dem Dach der Diakonie. "Die Dachorganisationen haben keine Möglichkeiten, in die geschlossenen Strukturen ihrer Mitglieder hineinzuschauen", so Galley, die die Diakonie berät. Sie könnten erst handeln, wenn das Unglück passiert sei.

Die geschlossenen Strukturen eines Vereins, auf die der Dachverband nicht einwirken kann, unterliegen aber dem Vereinsrecht, sagt Juraprofessor Artur-Axel Wandtke von der Berliner Humboldt Universität. Ein Verein sei verpflichtet, in seinen Statuten Ziele zu formulieren. "Die Vereinsmitglieder kontrollieren ihren Vorstand, die Einhaltung der Ziele und haben Anspruch auf einen Rechenschaftsbericht", erklärt der Rechtswissenschaftler. Doch trotz dieser Rahmenbedingungen gibt es Betrugsfälle oder Veruntreuungen. In diesem Fall hafte der Verein mit seinem Vermögen.

Das bischöfliche Hilfswerk Misereor, das jährlich das DZI-Spenden-Siegel erhält, befolgt den Grundsatz der Buchhaltung: "Bei uns müssen immer zwei Personen auf die Finanz- und Projektunterlagen schauen. Das ist das so genannte Vier-Augen-Prinzip", sagt Thomas Antkowiak, Geschäftsführer bei Misereor. Je nach Wichtigkeit des Projekts schauten Vorstandsmitglieder, Geschäftsführer oder Abteilungsleiter wechselseitig drauf.

"Als dem Kinderhilfswerk Unicef vor zwei Jahren das Spenden-Siegel aberkannt wurde, weil Gelder verschwunden waren, stellte sich heraus, dass man nie nach dem Vier-Augen-Prinzip gearbeitet hatte", sagt Antkowiak. Gerade bei großen Hilfsorganisationen mit komplexen Strukturen seien solche Mechanismen unverzichtbar. Misereor unterliege Kontrollen des Verbandes der Diözesen Deutschlands, des Bundesentwicklungsministeriums und externer Wirtschaftsprüfer. "Missbrauch, wie ihn die Treberhilfe betrieben hat, wäre bei uns undenkbar", betont Antkowiak.

13.04.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 13.04.2010 - 08:39 Uhr
Anzeige


Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T�bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Anzeige


Anzeige


Ihr Kontakt zur Redaktion

Single des Tages
Anzeige
Testbericht.de - vergleichen Sie über 100.000 Produkte mit Tests und Preisangeboten.