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Zwangsprostitution in Baden-Württemberg

Der freie Wille ist nur Farce

Offiziell gibt es im Land wenig Zwangsprostitution. Dafür sei die Dunkelziffer umso höher, sagen Experten. Der Übergang sei fließend: Denn wo hört Freiwilligkeit auf, und wann fängt Zwang an?

ULRIKE SCHLEICHER
Artikelbild: Der freie Wille ist nur Farce Das so genannte Rotlicht-Milieu ist zwar gesellschaftsfähiger geworden - etwa durch edel ausgestattete Etablissements. Hinter den Kulissen jedoch wird das große Geschäft gemacht, indem Frauen ausgebeutet und bedroht werden. Archivfoto

Stuttgart Auf Daniela (Name geändert) mussten die Polizeibeamten lange warten. Es dauerte, bis sie ihre drei Koffer gepackt hatte und bereit war, den "Pussy-Club" in Fellbach bei Stuttgart fürs Erste zu verlassen. Florentina (Name geändert) dagegen brauchte nur zwei Minuten, um ihre wenigen Habseligkeiten in die Plastiktüte zu stopfen.

Die beiden sowie rund 80 weitere Prostituierte waren an diesem Sonntagnachmittag im Juli überrascht worden von einer Razzia in dem so genannten Flatrate-Bordell. Die Staatsanwaltschaften in Stuttgart und Mannheim hatten sie veranlasst, weil Verdacht auf Hinterziehung von Sozialversicherungsbeiträgen sowie in einem Fall auf Zwangsprostitution bestand.

"Florentina haben wir mitgenommen", sagt Doris Köhncke, Leiterin des Fraueninformationszentrums (FIZ) in Stuttgart. Sie sei verängstigt gewesen, habe nicht gewusst, wohin sie gehen soll. Köhncke war bei der Razzia dabei, als Fachberaterin der Polizei. Das FIZ ist eine von drei Beratungsstellen im Land für Prostituierte in Not; es besteht ein Kooperationsvertrag mit der Polizei. Inzwischen ist klar, dass es im "Pussy-Club", der aufgrund seiner aggressiven Werbung - " für 70 Euro Sex mit allen Frauen, so lange du willst, so oft und wie du willst" für Empörung sorgte - keinen Fall von Zwangsprostitution gab.

Beruhigt ist Doris Köhncke trotzdem nicht. "Man muss wissen: Die Übergänge sind fließend", sagt sie. "Wo hört Freiwilligkeit auf, und wann fängt Zwang an?" Seitdem osteuropäische Länder wie Rumänien Mitglied der EU sind, gehe es zwar nicht mehr so häufig um illegale Aufenthalte. "Aber es geht weiter darum, unter welchen Bedingungen die Frauen hier arbeiten, mit welchen Versprechen sie hergelockt werden, und wie sehr sie unter Druck gesetzt werden, wenn sie nicht spuren."

So sei auch im "Pussy-Club" auf den ersten Blick vieles in Ordnung gewesen. Zum einen hätten dort viele Rumäninnen gearbeitet - "sie sprechen die gleiche Sprache, kommen zum Teil sogar aus dem gleichen Ort und haben deshalb einen großen Rückhalt". Aber es gebe innerhalb solcher Clubs Hierarchien - Frauen, die besser gestellt seien als andere. Sie hätten gute Kontakte, verdienten auch besser - siehe die Frau mit den drei Koffern, merkt die 36-Jährige an. "Diese Frauen können es sich beispielsweise leisten, bestimmte Sexpraktiken und auch Männer abzulehnen", sagt Köhncke, die das Flatrate-Angebot durchaus im Zusammenhang mit Menschenhandel sieht. Denn diejenigen, die auf der Leiter ganz unten stünden - wie etwa Florentina - hätten keine Möglichkeit, sich zu wehren. Die Selbstbestimmtheit gehe verloren - "der Mensch wird völlig ausgeblendet." Florentina ist nach kurzer Zeit wieder in den Club zurückgegangen, lehnte die Hilfe des FIZ ab. Köhncke weiß nicht, ob sie in dem dort neu eröffneten "FKK-Safari-Club" arbeitet, oder woanders ist.

Köhncke wundert sich nicht darüber. "Aussteigen ist schwer, die Abhängigkeit ist groß." Abgesehen von Sprachproblemen, hätten viele Frauen keinen Pass mehr - die Zuhälter nehmen ihn weg. Sie würden durch Gewalt gefügig gemacht, oder "indem man dem Kind und der Familie zu Hause Gewalt androht". Oft würde ihnen suggeriert, sie hätten Schulden bei den Zuhältern, die sie nun abarbeiten müssten. Und das Misstrauen gegenüber Menschen sei bei diesen Frauen grundsätzlich groß. "Warum sollen sie uns glauben, wenn sie zuvor ebenfalls mit vielen Versprechen hergelockt worden sind?"

Verbesserungen verspricht sich das FIZ, das Mitglied im "Bündnis gegen Menschhandel und Zwangsprostitution Baden-Württemberg" ist, "durch offenere Strukturen". Ein Schritt dazu könnte sein, dass Bordelle künftig unter das Gewerberecht fallen, dazu gibt es eine Arbeitsgruppe im Bund. "So könnte mehr kontrolliert werden", sagt Köhncke. Hilfe könnte man auch von der Seite der Kunden erwarten: "Ein aufmerksamer Freier kann Missstände erkennen und melden."

17.10.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 17.10.2009 - 10:22 Uhr
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