04.02.2012 Drucken Empfehlen
[X]
 per eMail empfehlen


   

Liebling, gesamtdeutsch

Zum 75. Geburtstag des Volksschauspielers Manfred Krug

Er spielte in der DDR die fröhlichen Kumpels und überhaupt alles und später im Westen charmante Misanthropen wie den Anwalt in "Liebling Kreuzberg": Manfred Krug feiert seinen 75. Geburtstag.

Anzeige


JÜRGEN KANOLD
Artikelbild: Zum 75. Geburtstag des Volksschauspielers Manfred Krug "Jurek Becker, bei uns zu Besuch an einem der letzten Tage in Ost-Berlin. ,Wann kommst du?, fragte ich ihn. ,Schätze, ein Jahr, sagte er." Das Foto stammt aus Manfred Krugs Bilderbuch "MK". 1977 reiste Krug mit seiner Frau Ottilie in den Westen aus - Becker schrieb für ihn später das Drehbuch zur TV-Serie "Liebling Kreuzberg".

Man blättert durch dieses Bilderbuch und stößt auf Haudegen und Spaßvögel mit gehobenem Selbstbewusstsein, aber immer auf Manfred Krug. "Mir nach, Canaillen!" heißt einer seiner typischen frühen Defa-Filme. Und besonders drängt sich dieser Schauspieler als nur so vor Kraft strotzender Zimmermann und Brigadier Hannes Balla in Frank Beyers Baustellen-Western "Spur der Steine" in den Vordergrund. 1966 war das, ein Film in der DDR über verheuchelte Parteimoral und katastrophale Arbeitsbedingungen und auch darüber, wie sich Kerle um Frauen prügeln. Großes deutsches Kino, aus dem Osten. Nie war der Schauspieler Krug besser.

Artikelbild: Zum 75. Geburtstag des Volksschauspielers Manfred Krug Manfred Krugs "Sammelsurium".

Aber bevor der Streifen richtig anlief, war er schon abgesetzt. "Es gab da oben Leute, die diesen Film als Durchbruch verstanden, eine Art Perestroika-Vorläufer, und eine wohl mächtigere Gruppe von Feiglingen, die den Sieg davontrugen", erinnert sich "Manne" Krug in seinem "Sammelsurium" aus Fotos, das zum 75. Geburtstag des Schauspielers am 8. Februar erscheint.

"Spur der Steine" kam erst 1990, nach der Wende, ins Kino. Krug war da längst im Westen und als Götterspeise löffelnder Anwalt "Liebling Kreuzberg" oder charmant-miesepetriger Tatort-Kommissar Stoever - als "deutscher Kojak" - beliebt. Krug, die Allzweckwaffe der DDR-Unterhaltung war jetzt bundesrepublikanischer Serienheld.

Deutsch-deutsch: Manfred Krug hat eine wechselhafte Ost-West-Biografie. Geboren wurde er 1937 in Duisburg, im Ruhrgebiet, als Scheidungskind zog er 1949 in die DDR, wo sein Vater eine Stahlkocherei leitete und auch er selbst Stahlschmelzer lernte. Ein Arbeiter im Arbeiter-und-Bauern-Staat, der allerdings lieber die Werktätigen amüsieren wollte: als Schauspieler. Auf frühen Bildern sieht Krug aus, als wäre er gern ein James Dean des Ostens geworden, dann setzte er sich aber mit seinem Quadratschädel als kerniger Was-kostet-die-Welt-Typ durch. Auch als Sänger ohne wirkliche Stimme, als Jazzer und Chansonier, machte er Karriere, und in der Rolle des Sporting Life stand er jahrelang in "Porgy and Bess" auf der Bühne der Komischen Oper Berlin.

Krug war Superstar, und er gehörte zu den Kapitalisten im Sozialismus, mit Villa und Mercedes. Aber er habe eine Lockerheit an den Tag gelegt, die manchen unheimlich gewesen sei, erinnert sich der Schauspieler heute: "Dass ich deswegen eine Nacktschnecke war, verletzlich wie jeder andere, wussten viele Leute gar nicht . . ."

Und er hatte Zivilcourage. Krug gehörte zu jenen Prominenten im SED-Reich, die im November 1976 gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestierten. In seiner Wohnung trafen sich die Künstler und Intellektuellen, die einen Brief gegen den Biermann-Rauswurf unterzeichnet hatten, zum finalen Gespräch mit Politbüro-Mitglied Lambertz. Wie verblendet die SED-Führung war, wie sehr sie die Stimmung im Lande verkannte, dokumentiert der Wortwechsel - Krug hatte heimlich das Tonbandgerät eingeschaltet und veröffentlichte das Protokoll samt seinem Tagebuch 1996 in dem sensationellen Buch "Abgehauen".

Die DDR-Karriere des Nationalpreisträgers Krug war 1977 jedenfalls gelaufen. Bespitzelungen, Berufsverbot. Die Rampensau Krug ohne Auftrittsmöglichkeiten? Undenkbar. Er reiste aus. "Das Rauhbein, das von drüben kam", betitelte die West-Illustrierte "Petra" ein erstes Interview. Aber so prominent war das alles nicht. Krug musste auch in der "Sesamstraße" anheuern, ehe er als Brummi-Fahrer für die ARD-Vorabendserie weltweit "Auf Achse" ging - für einen ehemals eingesperrten DDR-Menschen eine Traumrolle.

Dann kam der "Tatort", wo Kommissar Stoever sich als "Swinging Cop" auch wieder an seine musikalische Vergangenheit erinnerte. Krug brillierte aber vor allem als unangepasster Anwalt in der Serie "Liebling Kreuzberg", für die sein alter Freund Jurek Becker das Drehbuch schrieb. Ja, in den 90er Jahren war Krug eine gesamtdeutsche Berühmtheit, ein Volksschauspieler. Und er verkaufte dem Volk in Werbespots auch die "Volksaktie" der Telekom - wofür sich der schon in DDR-Zeiten luxusverwöhnte Proletarierdarsteller allerdings, in Crash-Zeiten, von Herzen entschuldigte.

04.02.2012 - 08:30 Uhr

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln (hier klicken)

Anzeige

Anzeige


Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T�bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Anzeige


Doku über die neue Büroarbeitswelt, in der die Beschäftigten zu perfekten Rädchen in der Profit-Maschine getrimmt werden.

»weiter...