28.12.2012 Drucken Empfehlen
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Mal mehr, mal weniger, mal nichts

Wer und was 2012 für kulturelle Schlagzeilen gesorgt hat

Mal werden aus zweien drei - zum Beispiel Filme. Mal werden aus zweien eins - zum Beispiel Orchester. In der Welt der Kultur herrschen längst die Zahlen, und so lassen wir 2012 numerisch Revue passieren.

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MAGDI ABOUL-KHEIR

1 großes Sinfonieorchester weniger hat der SWR künftig. In diesem Jahr wurde, trotz allerlei Gegenstimmen, die Fusion des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg beschlossen: Intendant Peter Boudgoust hatte den Ton vorgegeben. Der SWR wird sich damit von 2016 an fünf Millionen Euro pro Jahr sparen - bei einem Jahresertrag des Senders von 1,14 Milliarden. Standort des künftigen Klangkörpers ist Stuttgart.

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2chinesische Schriftsteller standen in diesem Jahr im Mittelpunkt der Literaturszene. Liao Yiwu ("Für ein Lied und hundert Lieder"), der China verlassen hat und in Berlin lebt, erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sein Landsmann Mo Yan, der in China lebt und sich mit dem Regime arrangiert, wurde mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Liao Yiwu gefiel das nicht: "Ein Schriftsteller darf Gewissen und Moral nicht verlassen."

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3 Filme macht Peter Jackson nun auch aus dem "Hobbit". Was bei der "Herr der Ringe"-Trilogie noch angebracht schien, verwunderte angesichts der eher dünnen "Hobbit"-Vorlage. Dennoch wurden nur wenige Filme in diesem Jahr von Fantasy-Freunden so heiß ersehnt. Der fertige erste Teil mit Martin Freeman als Bilbo Beutlin gefiel den Fans denn auch, und der Drehort Neuseeland gibt sich längst völlig dem Mittelerde-Fieber hin.

4 Europäische Filmpreise konnte Michael Haneke mit seinem berührenden Sterbedrama "Liebe" gewinnen - da war der Österreicher in Sachen Dankesrede schon geübt. Denn "Liebe" hatte bereits beim Filmfestival von Cannes die Goldene Palme gewonnen. Und nun nimmt "Liebe" Kurs auf die Golden Globes und die Oscars.

5Mal durften die Fans dahinschmelzen und die Verächter aufstöhnen, nun ist Schluss: Mit "Breaking Dawn - Bis(s) zum Ende der Nacht (Teil 2)" ist die "Twilight"-Saga auf der Leinwand am Ende angekommen. Die zuweilen krude Mischung aus Teenie-Romanze und Schauermär war fantastisch erfolgreich, hat Milliarden eingespielt und Kristen Stewart wie Robert Pattinson zu Weltstars gemacht - aber nun bekommen die beiden Schauspieler endlich ein Leben ohne Vampire und Werwölfe zurück, sind nicht mehr auf Bella und Edward festgelegt.

6 Monate verspätet wurde im Februar das sanierte Stuttgarter Schauspielhaus eröffnet - und alsbald munkelte man von Baumängeln, die rasch ein Desaster deutlich machten: Einige Zuschauer hatten schlechte Sicht, die Akustik war schwierig und die Drehscheibe für die Bühne laut Intendant Hasko Weber schlicht "Schrott", auch wenn sie von einem "Weltmarktführer" stammt. Das Haus musste wieder schließen und wird neuerlich für 5,5 Millionen Euro saniert - daher sind die Theatermacher nun wieder in provisorischen Spielstätten am Werk. Und die Verantwortung für das Staatstheater-Debakel? Da wandert der schwarze Peter fleißig hin und her.

7 Welt-Bestseller hat Joanne K. Rowling geschrieben, natürlich ihre "Harry Potter"-Romane, nun versuchte sie es erstmals mit einem Buch für Erwachsene. Ende September erschien unter ohrenbetäubendem Marketinggetöse in Deutschland - zur gleichen Zeit wie die englische Originalausgabe - "Ein plötzlicher Todesfall". Die erste Auflage umfasste hierzulande 500 000 Exemplare. Der gesellschaftskritische Krimi kam allerdings nur mittelmäßig gut an.

8 Superhelden wie Iron Man, Hulk, Thor & Co. bilden zusammen die "Avengers". Die spektakuläre Verfilmung des Marvel-Comics spielte in diesem Jahr weltweit so viel Geld ein wie kein anderer Film: 1,5 Milliarden Dollar. In Deutschland landete der Streifen aber nicht in den Top Ten. Nummer eins war "Ziemlich beste Freunde": Der Überraschungshit aus Frankreich zählte hier sensationelle 8,9 Millionen Besucher.

9 Mitarbeiter hatte sie bislang gerade mal unter sich, nun werden es zehn Mal so viele: Christiane Lange wechselt von der Hypo-Kunsthalle in München nach Stuttgart, wo sie als Direktorin der Staatsgalerie auf Sean Rainbird folgt. Die Kunsthistorikerin, Jahrgang 1964, kommt zwar "nicht als Heilsbringerin", soll aber die zuletzt stark abgesackten Besucherzahlen des Museums wieder anheben.

10 Oscar-Nominierungen errang der Film "The Artist" - und das als französischer Film, als Schwarz-Weiß-Film, ja als Stummfilm! Letztlich gewann das nostalgische Werk fünf Oscars, darunter die Auszeichnung für den besten Film und für den besten Hauptdarsteller: Jean Dujardin. Dessen Leistung lobte Natalie Portman bei der Oscar-Gala derart: "Nur zwei Worte sprichst Du in dem Film, aber Dein George Valentin spricht Bände." Oscars gewannen in dem Jahr unter anderem auch Meryl Streep und Woody Allen. Und an den Oscar-gekrönten Spezialeffekten für "Hugo" waren viele Stuttgarter Tüftler der internationalen Trickfabrik Pixomondo beteiligt.

13 Gedichtbände hat Ursula Krechel in den vergangenen Jahrzehnten veröffentlicht - nun hat die Autorin mit ihrem zweiten Roman den großen Wurf gelandet: Die dokumentarische Justiz-Geschichte "Landgericht" erhielt im Oktober den Deutschen Buchpreis. Die anderen Kandidaten auf der Shortlist: Ernst Augustin ("Robinsons blaues Haus"), Wolfgang Herrndorf ("Sand"), Clemens J. Setz ("Indigo"), Stephan Thome ("Fliehkräfte") und Ulf Erdmann Ziegler ("Nichts Weißes").

20 Jahre alt sind diese Tattoos auf dem Körper von Evgeny Nikitin: Sie stammen aus seiner Dark-Metal-Vergangenheit. Doch nun machten sie ihm richtig Ärger. Denn unter den Motiven waren Nazi-Symbole. Somit war der Bassbariton für die Titelpartie des "Fliegenden Holländers" in Bayreuth untragbar. Nikitin sagte, ihm sei nicht bewusst gewesen, was "diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspielgeschichte auslösen".

23 Mal hat James Bond auf der Kinoleinwand gegen die größenwahnsinnigen Schurken dieser Welt gekämpft - und noch nie so erfolgreich wie zum 50. Geburtstag der Filmserie. Meisterregisseur Sam Mendes und Daniel Craig als 007 gelang mit "Skyfall" eines der besten Bond-Abenteuer: sowohl zeitgemäß intelligent als auch liebevoll traditionsbewusst. Das Publikum wusste das zu schätzen, in Deutschland gingen mehr als sieben Millionen Menschen ins Kino.

30 Jahre lassen es die Toten Hosen bereits krachen - aber 2012 hatten sie einen ihrer größten Hits. Denn seit "Tage wie diese" nach dem dramatischen Ende im Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC gespielt und ins Fernsehen übertragen wurde, hörte man das Lied bei jeder Gelegenheit, wo Menschen feiernd zusammenkamen. Nicht zuletzt dank der Fußball-EM wurde es zum Sommerhit 2012 schlechthin.

39 Prozent hält Hans Barlach über die Medienholding AG Winterthur am Suhrkamp Verlag - mehr als genug, um Ärger zu machen. Barlach betreibt die Ablösung von Suhrkamp-Geschäftsführerin Ulla Unseld-Berkéwicz, die über eine Familienstiftung 61 Prozent hält. Gerichte wurden beschäftigt, Schlichter eingeschaltet, und namhafte Suhrkamp-Autoren von Handke bis Tellkamp meldeten sich böse zu Wort. Ein kultureller Machtkampf der unschönsten Art.

65 Jahre gibt es jetzt die Augsburger Puppenkiste, aber für die "Stars an Fäden" ist das kein Grund, in den Ruhestand zu gehen. Urmel, Jim, Hotzenplotz & Co. treten nicht nur weiterhin fleißig auf (das Theater ist zu gut 90 Prozent ausgelastet), sie führen auch auf DVD ein erfolgreiches Leben. "Vor der Zukunft ist uns nicht bange", sagt Theaterleiter Klaus Marschall, räumt aber ein: "Die Konkurrenz ist gewiss größer geworden."

85 und kein bisschen leise: kaum ein Thema, zu dem Deutschlands Großschriftsteller Martin Walser und Günter Grass nicht befragt werden - und zu dem ihnen nichts einfallen würde. Manchmal legen sie auch ungefragt los, was zu mindestens ebenso großen Schlagzeilen führt. So sorgte Grass mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" für Aufruhr: Der Iran sei von einem israelischen Atom-Präventivschlag bedroht. "Mit letzter Tinte" will Grass das geschrieben haben, doch dichtete er gleich munter weiter. Und? Die neue "Cicero"-Rangliste deutschsprachiger Intellektueller führt Grass auf Platz eins, gefolgt von Peter Handke und Martin Walser.

100 Jahre ist es her, dass Mitarbeiter des deutschen Archäologen Ludwig Borchardt in Ägypten die 3500 Jahre alte Büste der Nofretete ausgruben und alsbald nach Berlin brachten. Die Umstände, unter denen das geschah, sind bis heute umstritten: Hatte Borchardt den französisch geleiteten ägyptischen Antikendienst getäuscht und reingelegt? Ägypter sehen das so und fordern daher in schöner Regelmäßigkeit die Rückgabe der weltberühmten Büste. Einstweilen aber ist und bleibt die rätselhaft faszinierende Nofretete die schönste Berlinerin.

104 Jahre wurde Oscar Niemeyer alt - wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag starb der berühmte brasilianische Architekt und Vater der Hauptstadt Brasilia. Andere Kulturschaffende und Künstler, um die 2012 getrauert wurde: Elliot Carter, Dave Brubeck, Ravi Shankar, Dirk Bach, Günther Kaufmann, Larry Hagman, Herbert Rosendorfer, Ray Bradbury, Whitney Houston, Donna Summer, Wolfgang Menge, Dietrich Fischer-Dieskau, Ernest Borgnine, Susanne Lothar und Jon Lord.

300 Künstler halfen mit, die 13. documenta in Kassel - die weltweit wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst - zu einem wirklich besonderen Ereignis zu machen. Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev war zuvor von vielen Besserwissern und Mäkelmäulern attackiert worden, provozierte auch mit Hunden und skurrilen Einlassungen über Erdbeeren und Menschen, stellte aber eine äußerst vielfältige, vitale, aussagekräftige Kunstschau auf die Beine. Und 860 000 Besucher sorgten für einen Rekord.

50 000Euro wert ist der Adorno-Preis der Stadt Frankfurt. So viel Schlagzeilen wie in diesem Jahr hat er aber selten gemacht. Denn er wurde an die amerikanische Philosophin und Gendertheoretikerin Judith Butler vergeben, und die hatte sich zuvor ziemlich israelkritisch geäußert - oder antisemitisch, je nach Sichtweise. Der Zentralrat der Juden in Deutschland protestierte scharf, und am Abend der Preisvergabe gab es lautstarke Wortmeldungen vor der Paulskirche. Butler hingegen sprach von einer Denunziation und einem Missverständnis.

120 000 000

Dollar war dem New Yorker Finanzmanager Leon Black Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei" wert. Für diese Summe wurde das weltberühmte Bild bei Sothebys versteigert - nie zuvor wurde bei einer Auktion mehr für ein Gemälde gezahlt. Überhaupt werden bei Versteigerungen Rekorde vermeldet: Abermillionen wurden gezahlt für Werke von Matisse, Richter, Warhol und anderen. Wo "Der Schrei" künftig hängt, ist noch nicht bekannt.

28.12.2012 - 08:30 Uhr

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