Wie Geschichten aus Tausendundeiner Nacht: Erstmals ist die weltberühmte Kunstsammlung des Aga Khan in Deutschland zu sehen. Sie dokumentiert mehr als tausend Jahre Kulturgeschichte der Moslems.
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SIGRID HOFF EPD
Schätze aus der Aga-Khan-Sammlung (v.l.): Die Malerei "Gayumars Hof" (Persien, 16. Jh.), ein Teller mit aufgemaltem Löwen (Türkei, 16. Jh.) und eine Flasche mit Löwenbändiger (Persien, 17. Jh.). Ausstellungsfotos
Berlin Zeilen mit kantigen Schriftzeichen, unterbrochen von langgezogenen Linien, leuchten in kostbarem Gold auf intensivem Blau. Das Pergament ist mit Versen in der frühen Kufi-Schrift, benannt nach der Stadt Kufa im Irak, dicht bedeckt. Es gehört zu einer der wertvollsten Koran-Handschriften überhaupt, dem vermutlich in Nordafrika im 10. Jahrhundert verfassten "Blauen Koran".
Das Blatt gehört zu der wertvollen Sammlung des Aga Kahn. Karim Aga Khan IV, geistiges Oberhaupt der Ismailiten, der sich als direkter Nachkomme Mohammeds versteht, zeigt im Berliner Martin-Gropius-Bau erstmals in Deutschland eine Auswahl seiner in den letzten 25 Jahren zusammengetragenen Sammlung islamischer Kunst. Unter den 200 Exponaten befinden sich Gemälde, Buchillustrationen, wertvolle Manuskripte, aber auch Keramiken, Schmuck, Metallgefäße und Elfenbeinarbeiten. 2013 soll die Sammlung in Toronto eine feste Heimstätte erhalten.
Man wolle damit nicht in Konkurrenz zu den großen europäischen Museen Islamischer Kunst in Paris, London oder auch in Berlin treten, betont Kurator Benoit Junod vom Aga Khan Trust in Genf. "Unsere Sammlung umfasst rund 1000 Objekte, das ist im Vergleich zu den 13 000 Stücken im Louvre nicht viel, aber jedes Objekt wurde sorgfältig ausgewählt aufgrund seiner Bedeutung für die islamische Kunst und wegen seiner Schönheit."
Die Ausstellung dokumentiert den hohen künstlerischen Stand und die Vielfalt der Ausdrucksformen der islamischen Welt. In ihrem ersten Teil widmet sie sich der Heiligen Schrift: Zu sehen sind kostbare Koran-Manuskripte, darunter ein ungewöhnliches, auf grünen Stoff gedrucktes Exemplar aus dem Mogulindien des 18. Jahrhunderts, in dem persische und indische Kunst verschmelzen.
Bemerkenswert ist auch ein vergoldetes Kastanienblatt, mit kalligrafisch verzierten Versen bedeckt, das aus der osmanischen Türkei des 19. Jahrhunderts stammt. Oder eine Gebetsnische, in deren Fliesendekor sich bei genauem Hinsehen sogar figurale Darstellungen von Fischen entdecken lassen. Sie widerlegen das vermeintliche Dogma des Bilderverbots im Islam. "Wir wollen mit der Ausstellung auch mit dem westlichen Missverständnis aufräumen, es existiere ein allgemeines Bilderverbot im Islam", erläutert Kurator Junod. "Das gilt zwar für Teile der sunnitischen Kultur, aber in der islamischen Kultur gibt es viele Häuser."
Vor allem im zweiten Teil der Ausstellung wird die Vielfalt muslimischer Welten vom Maghreb und der Iberischen Halbinsel über die Kernländer zwischen Ägypten und dem Iran bis nach Indien und China deutlich. Zu den kostbarsten Stücken der Aga-Khan-Sammlung gehören fünf Blätter aus dem persischen "Buch der Könige" des Dichters Firdausi, das auf schriftlichen Quellen und mündlichen Erzählungen basiert: Wunderbar detailreiche Miniaturmalereien in lebhaften Farben, die Figuren inmitten fantasievoller Landschaften zeigen. Diese Blätter des häufig kopierten Epos, stammen aus einer überaus prachtvollen, im 16. Jahrhundert verfassten persischen Handschrift.
Farbige Keramik aus China oder auch aus Andalusien dokumentiert, wie die islamischen Künstler sich durch lokale Traditionen beeinflussen ließen. Vom Wissenstransfer zwischen Orient und Okzident erzählen Objekte wie die Handschrift des "Kanons der Medizin" aus dem 11. Jahrhundert, der das medizinische Wissen der islamischen Welt wiedergibt und in lateinischen und griechischen Übersetzungen ein wichtiges Nachschlagewerk auch in Europa wurde. Oder ein blauschwarz glasiertes Gefäß zur Aufbewahrung von Arznei, das europäischen Apotheken als Vorbild diente.
Mit diesen Zeugnissen macht die Ausstellung die engen Beziehungen zwischen der islamischen und der christlichen Welt im Mittelalter deutlich. Zugleich wirbt sie für mehr Offenheit in der Begegnung der Kulturen heute. "Immer wieder erlebt man Reaktionen wie das engstirnige Minarettverbot in der Schweiz", kritisiert der Kunsthistoriker Junod. "Der Islam ist heute genauso als Teil unserer Zivilisation zu verstehen, das will diese Ausstellung zeigen."
Info
Schätze des Aga-Khan-Museums.
Martin-Gropius-Bau, Berlin. Bis 6. Juni, täglich außer Di,