Man sagt gelegentlich von Dramatikern, sie würden ihre Stücke im Stehen schreiben, während die Romanciers ihre Romane im Sitzen betreiben. Bereits im Vorgang des Schreibens müsse ein Dramatiker sich hinstellen und fragen: Ist der Text überhaupt sprechbar? Ist er stimmlich, ja körperlich erträglich? Hat er einen Rhythmus? Ist er anderen Menschen (z.
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Joachim Zelter in seinem Element: Der Tübinger Schriftsteller liebt es, aus seinem Büchern vorzulesen. Foto: Privat
Schauspielern) zumutbar? Romanciers dagegen, so die unterschwellige Meinung, müssen das nicht. Ob die Sprache eines Romans sprechbar oder genießbar oder auch nur verständlich ist, scheint nicht so wichtig. Viel wichtiger sei beispielsweise die Frage der Handlung. Erst die Handlung, dann die Sprache. Wichtig ist am Ende nur der Umstand, dass der Roman geschrieben ist. Nicht der Autor, sondern der Leser muss ihn lesen. Leise lesen genügt. Von Sprechen keine Rede. Im Mittelpunkt steht die Autorität des geschriebengedruckten Worts. Logozentrismus.
Demgegenüber steht der Phonozentrismus: die Wollust des Sich-Selbst-Vernehmens im gesprochenen Wort. Viele Autoren durchlaufen Odysseen vergeblicher Versuche, ihre Romane veröffentlicht zu bekommen. Irgendwann geben sie die Hoffnung auf. Die einzige Form von Veröffentlichung, die ihnen bleibt, ist die literarische Lesung. Wo man nicht überall lesen kann, nicht nur an privaten Orten für Freunde, oder unter freiem Himmel für x-beliebige Passanten. Nicht nur in Büchereien oder Volkshochschulen, auch in Hotels, Psychiatrien, Autohäusern, Eisenwarengeschäften oder auf Kreuzfahrtschiffen.
Diese Autoren machen aus ihrer Not eine Tugend und entdecken die Lesung als eigene Kunst. Sie lesen frei von der Autorität des gedruckten Wortes. Sie lesen ohne Netz. Autor und Publikum begegnen hier einander in der unmittelbarsten Form. In vino veritas. In Lesungen liegt noch mehr Wahrheit. Das Publikum reagiert unmittelbar, in den kleinsten Bewegungen, Blicken und Gesten. Jede schwächere Passage teilt sich den Zuhörern sogleich mit, ist körperlich manifest, ist für den Autor sichtbar, hörbar, spürbar. Er merkt schnell, an welchen Stellen er ein Publikum gewinnt und wieder verliert. Ein Publikum sagt (ohne ein Wort sagen zu müssen) so viel mehr als der strengste Lektor.
Diese Autoren nenne ich Phonozentriker - und ich genieße jede Silbe dieses Wortes. Sie agieren frei von der Autorität des gedruckten Wortes. Sie arbeiten ohne Netz. Sie sind Wollüster des gesprochenen Wortes. Keine Schriftsitzer, sondern Sprechsteller. Sie bleiben es ihr Leben lang, selbst dann, wenn ihre Romane irgendwann einmal veröffentlicht sind. Lesen ist für sie keine lästige Pflichterfüllung, noch eine dem Gedruckten nachgeordnete Zweitrangigkeit. Ganz im Gegenteil. Sie behandeln ihre Romane wie Libretti zu Lesungen. Oder wie signierte Andenken an wunderschöne Abende.
Vor einigen Jahren veranstaltete ich mit einem anderen Schriftsteller eine gemeinsame öffentliche Lesung - durchaus in einer großen Stadt. Es kamen zwei Zuhörer. Zwei Zuhörer für zwei Schriftsteller. Wir waren also nicht in irgendeiner Lesung, sondern gleich am Rande einer Katastrophe. Zwei Zuhörer sind für einen Schriftsteller bereits eine Katastrophe - umso schlimmer noch, wenn diese zwei gleich auf zwei Schriftsteller treffen. In der Physik existiert der Begriff der kritischen Masse. In der Lesekunst steht demgegenüber der Begriff der kritischen Nicht-Masse. Ab einer bestimmten Zahl - oder besser) Nicht-Zahl - oder Unzahl von Publikum kann keine Lesung, wie brillant sie auch sein mag, sich wirklich entzünden. Die Lesung ist von vornherein atmosphärisch zerstört. Die wenigen Zuhörer sitzen vereinzelt, mit einem abgewandten Ausdruck, der in etwa bedeutet: Wäre ich doch nicht gekommen. Ein großer Saal - und nur fünf Zuhörer. Ab dieser Zahl beginnt die kritische Nicht-Masse, die kategorische Unmöglichkeit einer gelingenden Lesung.
Bereits die zeitlichen Begrenzungen literarischer Lesungen sind vielsagend. Eine Lesung darf nach allgemeiner Meinung nicht länger als 60 Minuten dauern. Besser nur 45 Minuten. Wie Schulstunden. Noch besser 30 Minuten. Man vergleiche dies mit anderen Künsten. Ein Drama darf durchaus drei Stunden dauern. Auch Opern. Selbst Fußballspiele dürfen länger dauern als literarische Lesungen. Welch niederschmetternder Vergleich!
Kurz vor einer Lesung fragte mich die Veranstalterin, wie lange ich denn zu lesen gedenke. Ich dachte an etwa 60 Minuten. Sie blickte entsetzt. Dann fragte sie mich, ob die Lesung eine Pause beinhalte. Ich verneinte. Sie wurde geradezu panisch, sagte, eine Pause sei unerlässlich. Ein kaltes Büffet sei vorbereitet. Das Publikum müsse spätestens nach 25 Minuten etwas zu essen bekommen. Es war ihr voller Ernst! Als ob Babys oder Hunde dieser Lesung beiwohnen würden. Als ob ohne Essen eine literarische Lesung nicht einmal mehr körperlich durchführbar wäre. Haben wir Autoren das angerichtet?.