Sie gilt als "schöne Böse", als "Fachfrau fürs Fiese", als "Übermutter der Pop-Literatur". Die Autorin Sibylle Berg erobert die deutschen Bühnen - neulich die Wiener Burg, nun auch das Stuttgarter Staatstheater.
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OTTO PAUL BURKHARDT
Stuttgart "Romantik ist Bullshit": Mit solchen Wortrempeleien zerdeppert Sibylle Berg immer mal gerne beliebte Klischees über die Liebe. Sie redet Klartext, wo andere drumherum schwiemeln. Vielleicht deswegen gilt sie manchen als "Zynikerin der Zweisamkeit".
Doch das trifft es nicht. In Wirklichkeit ist Sibylle Berg eine Moralistin. In ihren Texten geht es um den täglichen Kampf der Menschen mit Normen, Träumen und Sehnsüchten. Ums Scheitern. Und hinter aller vordergründig schnoddrigen Ironie durchzieht ein leiser Ton der Melancholie ihre Texte.
Seit längerem hat sich die Romanautorin ins Theater verliebt: Das Theater liebt sie zurück - derzeit landet sie eine Uraufführung nach der andern, und das an renommierten deutschsprachigen Bühnen, so am Schauspielhaus Zürich und am Wiener Burgtheater. Jetzt am Samstag hat ihr neuestes Stück "Hauptsache Arbeit!" am Stuttgarter Staatsschauspiel Premiere. Regie führt Intendant Hasko Weber.
Im wahren Leben ist sie eigentlich kein Kind von Traurigkeit. Berührungsängste? Kennt sie nicht, neulich war sie Gast in der TV-Show von Harald Schmidt. Befragt zum Thema Sex im Osten plauderte sie los: "Es gab keine andere Beschäftigung. In alle Öffnungen und ohne Spülen danach, das ging alles gut." Da war selbst Dirty Harry etwas baff, und die Yellow Press bejubelte die "Star-Autorin" sofort als neue "Mutter aller Feuchtgebiete".
Sibylle Berg (1962 oder 1966 in Weimar geboren - das lässt sie gerne offen) begann in der Ex-DDR als Puppenspielerin am Theater Naumburg. Nach der Übersiedlung in den Westen 1984 besuchte sie eine Akrobatenschule im Tessin, verdingte sich als Transvestitin in einer Show und schlug sich in Berlin mit Küchen- und Putzjobs durch.
Mit pointierten, brillant gehässigen Kolumnen erschrieb sie sich schnell den Ruf einer frechen Pop-Literatin. Bei ihrem ersten Roman 1997 - "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" (dessen Bühnenversion bereits vier Spielzeiten in Stuttgart läuft) - kam dann der volle Schreib-Kick. Weil sie auch ihr Konterfei auf einem Buchcover einsetzte, wurde sie als "gewalttätigster Lidstrich der Republik" tituliert. Ansonsten mag sie Motorroller und liest gern Elfriede Jelinek - oder Bret Easton Ellis.
Und das Theater? Früher fand sie sowas stinklangweilig. Soll es doch sterben, ätzte sie in einer Kolumne. Heute sieht sie das anders. Sie mag Schlingensief, ganz doll aber René Pollesch: Das seien "Leute, die nicht einfach Quatsch machen, sondern Quatsch mit Inhalt". Mit der Wiener Burg hat sie selbst bereits den Götterhimmel erreicht: In "Nur nachts", uraufgeführt unter der Ägide des neuen Burgherren Matthias Hartmann, geht es um mittelprächtige Menschen, die an "bösen Geistern" leiden. Das Echo war gut, obwohl manche Kritiker einen "Hang zum Edelboulevard" in der Art von Yasmina Reza bemängelten.
Doch auch das neueste Berg-Werk "Hauptsache Arbeit!" - am Samstag ist Uraufführung in Stuttgart - will mehr als nur Spaßtheater. Nämlich "Hardcore-Kritik" an der modernen Lebens- und Arbeitswelt. Der Plot: Ein Betriebsfest auf einem Freizeitdampfer gerät aus den Fugen. Die Zwänge einer nur noch ökonomisch orientierten Welt kippen dabei ins Groteske. Die Stuttgarter Berg-Novität ist bereits nach Berlin eingeladen - im April gastiert sie dort am Deutschen Theater.
Regisseur Hasko Weber sieht in dem Stück die "Überspitzung einer Lebensrealität, die wir alle kennen". Mit derlei Übertreibungen öffne die Autorin viel "Assoziationsraum" für die Zuschauer. Im Text entdeckt Weber aber auch ein "Gefühl von Traurigkeit, von Sehnsucht". Dennoch ist bei Sibylle Berg schon der Untertitel eine Pointe: Mit viel Selbstironie nennt sie ihr Stück einen "Straßenfeger von Frau Berg".