Bibliophile so weit das Auge reicht: Auf der 50. Antiquariatsmesse in Stuttgart werden bis zu 3000 Besucher erwartet. Internationale Aussteller bieten Erstausgaben, Briefwechsel und seltene Kunstbücher an.
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NINA RECKMANN
Diese Raritäten stehen bei der Antiquariatsmesse zum Verkauf: Links eine Illustration aus der "Bible Historiale" von 1470 - das Buch kostet 1 450 000 Euro. Rechts das "Tableau von Menschenköpfen von Bewohnern verschiedener Südseeinseln" im Wert von 35 000 Euro. Fotos: Verband Deutscher Antiquare
Stuttgart Das hätte man von einem Büchlein, das 19 000 Euro wert ist, nicht unbedingt erwartet: Die Erstausgabe des "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang von Goethe kommt schlicht, beinahe unscheinbar daher. Der Buchdeckel ist aus leichter Pappe, beige mit ein paar Flecken. Darauf steht außer dem Titel des Schauspiels nicht mehr viel. Die mit altdeutscher Schrift bedruckten Seiten sind leicht angegilbt.
Dennoch - das kleine Büchlein erfüllt den Betrachter mit Ehrfurcht. Eine Ahnung warum, gibt die Jahreszahl: Im Jahr 1773 ist die Erstausgabe des "Götz" erschienen. Heute sei das Buch eines von nur sechs Exemplaren dieser Ausgabe, die in den vergangenen 50 Jahren im Handel aufgetaucht seien, sagt der Stuttgarter Antiquar Herbert Blank (Bericht links), der das Werk auf der 50. Stuttgarter Antiquariatsmesse zum Kauf anbietet. Und er weiß: "Große Literatur braucht keinen Pomp. So ein Exemplar bringt einen auch so zum Staunen: Es ist eine Begegnung mit Weltliteratur."
Insgesamt bietet der 81-Jährige sieben Erstausgaben von Goethe auf der ältesten deutschen Antiquariatsmesse an, zu der an die 3000 Besucher erwartet werden. Außer ihm sind dort 79 andere internationale Aussteller vertreten. Die Spanne ihres Angebots reicht von Handschriften, etwa einem Briefwechsel Albert Einsteins mit seiner später geschiedenen Frau Mileva Einstein-Maric, über Kunstbücher, etwa Longus "Daphnis et Cloe" mit Originallithografien von Marc Chagall, bis hin zu Grafiken, etwa ein Porträt des amerikanischen Dichters Ezra Pound von Oskar Kokoschka.
Das wohl teuerste Werk auf der Messe präsentiert das Antiquariat Bibermühle aus der Schweiz. Es handelt sich um eine "Bible Historiale" mit 51 Illustrationen und 60 Initialen in Blattgold. Das Werk entstand um 1470 in Nordfrankreich oder Flandern. Der Preis: 1 450 000 Euro. "Solch illustrierte Handschriften aus dem Mittelalter haben einen Wert, den man kaum beziffern kann. Man befindet sich damit schon fast im Kunstbereich", sagt Eberhard Köstler. Er ist Vorsitzender des Verbands Deutscher Antiquare, der die Messe organisiert.
Seiner Einschätzung nach gilt die Stuttgarter Antiquariatsmesse als einer der wichtigsten internationalen Treffpunkte der Branche - auch zu Zeiten des Internets. "Das Problem ist, dass die seltenen Sachen immer seltener werden", sagt Köstler, der selbst Antiquar ist. Aus eigener Erfahrung weiß er: "Wenn ich etwas Einzigartiges habe, dann stelle ich es nicht ins Internet, sondern präsentiere es auf einer Messe." Die Gefahr, dass der Preis gedrückt werde, sei einfach zu hoch.
Dieser Meinung ist auch Björn Biester, der im Börsenverein des Deutschen Buchhandels für den Bereich Antiquariate zuständig ist. "Mit dem Internet hat sich die Zahl der Anbieter antiquarischer Bücher stark vergrößert", sagt er. Die wenigsten davon würden allerdings von diesem Geschäft leben. "Viele Anbieter sind Privatpersonen." Biesters Schätzungen zufolge gibt es etwa 600 selbstständige Antiquare in Deutschland. "Deren Zukunft liegt darin, sich zu spezialisieren."
Dennoch hat das Internet auch Vorteile: "Man kann besser recherchieren und erreicht viele Kunden", sagt Antiquar Michael Banzhaf aus Tübingen. Wie die meisten seiner Kollegen bietet er ein gewisses Kontingent seiner Bücher online über das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) an. "Gewisse Preissegmente bis 2000 Euro laufen im Internet gut", weiß er.
Sein Hauptgeschäft macht er jedoch auf Messen - die Stuttgarter Antiquariatsmesse ist die erste, die er 2011 besucht. Auch er wird ein Unikat mitbringen: Ein "Ethnographisches Tableau von Menschenköpfen von Bewohnern verschiedener Südseeinseln" im Wert von 35 000 Euro, das bislang als verschollen galt.