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Mit dem Duft Afrikas

Schon immer ein Hauch Exotik: Marseille erfindet sich neu

Am Hafen protzen neue Museen. Im einstmals berüchtigten Altstadtviertel Panier locken Schickimicki-Cafés. Nicht nur deshalb wird Marseille 2013 Europäische Kulturhauptstadt.

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SABINE GLAUBITZ, DPA

Marseille Marseille ist anders. Schon bei der Ankunft im Sackbahnhof Saint-Charles drängt sich dieser Eindruck auf. Statuen aus Afrika und dem Nahen Osten erzählen von Reisen und Handel, von fremden Sprachen und exotischen Gewürzen. "Ich bin sicher, dass Marseille die schönste Stadt Frankreichs ist. Sie ist so anders!" befand Schopenhauer schon vor mehr als 100 Jahren. 2013 ist die französische Metropole Europäische Kulturhauptstadt.

Artikelbild: Schon immer ein Hauch Exotik: Marseille erfindet sich neu Eine Stadt im Umbau: Die alte Hafenstadt bekommt ein neues Gesicht. Foto: Lisa Ricciotti, dpa

Vielleicht stand der deutsche Philosoph 1904 auf dem heiligen Hügel Charles, als er diesen Satz schrieb und sich Marseille in seiner Vielfalt offenbarte: Ein Auf und Ab von Straßenzügen und Treppen, die hinunter auf die Lebensader Canebière führen oder hoch auf die Basilika Notre-Dame de la Garde. Dazwischen der alte Hafen, das einst berüchtigte Altstadtviertel Panier, das süße Aroma von Kardamom-Kaffee und der Duft gebratener Merguez.

Seit über 2600 Jahren treffen in Frankreichs ältester Stadt Europa und Afrika aufeinander. Viele der mehr als 800 000 Marseiller sind marokkanischen, algerischen, italienischen, chinesischen oder senegalesischen Ursprungs.

"Was ein Marseiller ist?", wiederholt Anthony die Frage. "Schauen Sie mich an. Meine Mutter ist gebürtige Italienerin aus Korsika, mein Vater ein jüdischer Pied noir." Ein Schwarzfüßler, wie die mehr als eine Million Franzosen genannt werden, die ab 1950 nach Algerien gegangen sind. Viele sind nach der Unabhängigkeit Algeriens ins Mutterland zurückgekehrt. Anthony arbeitet für Euroméditerranée. Dahinter verbirgt sich ein Großprojekt, das Marseille seit 1995 auf den Kopf stellt. Die Wahl 2008 zur Kulturhauptstadt Europas 2013 hat die Metamorphose beschleunigt und das Budget um 600 Millionen Euro erhöht. Seitdem erfindet sich das von Seefahrern gegründete Massalia neu - nur einen Steinwurf vom Gare Saint-Charles entfernt zwischen Altstadt und Meer. Mit über 480 Hektar ist es eine der größten Baustellen Europas. "Wirtschaftlich ist diese Schönheitskur notwendig", erklärt Anthony. Zwischen 1970 und 1995 habe die Stadt viele Einwohner verloren, der industrielle Rückgang hat die Arbeitslosigkeit erhöht. Jeder dritte Einwohner lebt an der Armutsgrenze. Marseille ist nicht nur die größte Stadt im Süden Frankreichs, sondern auch die ärmste. Damit und mit den Schlagzeilen über Drogen und Bandenkriege wollen die Stadtväter Schluss machen.

Das neue Marseille soll bis 2020 fertig sein. Daran arbeiten die renommiertesten Architekten. Wie es aussehen wird? Wie der 147 Meter hohe Glas- und Betonturm von Zaha Hadid im neuen Hafen. Schick, modern, sauber. Er ist der Sitz der CMA CGM, der drittgrößten Reederei der Welt. Vor wenigen Monaten wurde im Hafen der ehemalige Kornspeicher Le Silo eröffnet. Wo früher Mehl gelagert wurde, werden Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen organisiert.

Anthony steigt in den Aufzug, der im fünften Stock hält. Der Blick vom Dachrestaurant ersetzt jeden Stadtplan: Rechts das Hadid-Hochhaus, in der Mitte Fähren, im Rücken die zur Einkaufs- und Büromeile umgebauten Backsteinspeicher, links futuristische Architektur: die Villa Méditerranée und das MuCEM, die Aushängeschilder von Marseille 2013.

Die Villa Méditerranée ist ein protziges Kulturzentrum. Knapp die Hälfte des Gebäudes liegt unter Wasser. Oben eine Ausstellungsfläche, unten das große Unter-Wasser-Auditorium. Ein Prestigeobjekt, mit dem sich der sozialistische Senator und Präsident der Region Provence-Alpes-Côte dAzur, Michel Vauzelle, ein Denkmal gesetzt hat. Die Villa Méditerranée stiehlt dem Quader von Rudy Ricciotti fast die Schau. Der Glaskasten ist über einen Betonbalken-Steg mit der Festung Saint-Jean verbunden. Zusammen bilden sie das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (MuCem), gewidmet den Geschichten und Visionen der Mittelmeer-Kulturen. Im Frühling wird es eröffnet.

Marseille 2013. Das sind Bauzäune, hinter denen Großes passiert. Das sind auch die Straßen um den Bahnhof Saint Charles, wo eine Stimmung herrscht wie auf der anderen Seite des Meeres. Eine Stadt zwischen Okzident und Orient, eine Stadt, die anders ist. Noch.

29.12.2012 - 08:30 Uhr

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