31.08.2010 Drucken Empfehlen
[X]
 per eMail empfehlen


   

Die Faszination hält an

In Hausen im Wiesental ist Johann Peter Hebel ein Museum gewidmet

Die kleine Gemeinde Hausen im Wiesental hat sich und ihrem berühmtesten Sohn, Johann Peter Hebel, zu dessen 250. Geburtstag ein besonderes Geschenk gemacht: das Hebel-Haus, ein Literaturmuseum.

Anzeige


PETRA WALHEIM
Artikelbild: In Hausen im Wiesental ist Johann Peter Hebel ein Museum gewidmet Die Möbel in der Wohnstube des Hebel-Hauses sind verhüllt, denn die Räume standen zur Jugendzeit des Dichters stets ein halbes Jahr leer. Foto: Petra Walheim

Hausen im Wiesental Der Weg lohnt sich. Für Menschen, die an Literatur interessiert sind, allemal. Auch wenn Johann Peter Hebel nicht gerade einer der populärsten Dichter und Denker im Land ist, der Besuch des neuen Literaturmuseums, das in Hausen im Wiesental, ganz im Südwesten des Landes, am Fuße des Feldbergs, eingerichtet wurde, ist eine Bereicherung. Und es gibt Besucher, die reisen mit ein paar Brocken Halbwissen über den alten Hebel an, und sie verlassen das Hebel-Haus und den Flecken mit dem Wunsch, mehr über diesen armen Menschen und von seiner Dichtkunst lesen zu wollen.

Hebel hat einen Teil seiner Kindheit im Obergeschoss des heutigen Hebel-Hauses verbracht, allerdings immer nur die Winter. Die Sommer verlebte er mit seiner Mutter in Basel, wo er am 10. Mai 1760 geboren worden ist. Das ist 250 Jahre her, doch die Hausener halten ihm bis heute die Treue: Seit 150 Jahren feiern sie an seinem Geburtstag das Hebel-Fest, das einen unverrückbaren Ablauf hat. Zum 250. Geburtstag ihres Dichters wollten sie sich und ihrem Hebel etwas Besonderes schenken: Mit Hilfe des Literaturwissenschaftlers Thomas Schmidt vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach wurde aus dem Haus, in dem Hebel 13 Winter verbracht hat, ein Literaturmuseum. Jahrzehntelang war das Haus, das 1562 errichtet und 1718 in seine heutige Form umgebaut wurde, das Heimatmuseum von Hausen. Es galt als eine Art "kulturelles Gedächtnis des Ortes", so formuliert es Schmidt. Es war eingerichtet wie ein Wohnhaus: ein buntes Sammelsurium aus alten Möbeln, die jedoch nicht von den Hebels stammten. Das Haus wurde geleert, das Sammelsurium gesichtet, katalogisiert und eingelagert.

"Es gab aber auch ein paar wertvolle Autografen", sagt Schmidt. Und ein paar wenige Möbelstücke, die authentisch sind. Dazu gehört der Auszahlungstisch des Hausener Eisenwerks aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der steht heute, halb von weißen Laken verhüllt, im früheren Wohnzimmer der Hebels. Die Laken sollen verdeutlichen, dass die nach dem frühen Tod des Vaters und der Schwester verbliebene Familie immer nur ein halbes Jahr in Hausen wohnte.

Ein Täfelchen informiert darüber, dass der Tisch ein Geschenk der Familie des Berginspektors Herbster ist, dem Hebel die Erstausgabe seiner "Alemannischen Gedichte" gewidmet hatte. An diesem Tisch soll Hebel seinen Lohn bekommen haben. Denn im Winter hat er mit seiner Mutter in der Schmiede des Bergwerks gearbeitet, hat Schlacke und Holzkohle geschleppt oder Steine zerkleinert.

Die Erfahrungen, die er dabei gemacht hat, flossen in sein Gedicht "Der Schmelzofen" ein. Es ist eines von mehreren Beispielen dafür, wie im Hebel-Haus Gegenstände aus Hebels Zeit mit seinen Gedichten in Verbindung gebracht wurden. Das ist auch in der Küche zu beobachten: Dort steht auf dem alten Herd ein dreibeiniges "Tüpfi", dessen Abstand von der Herdplatte verhindert, dass der Brei, das Hafermus, allzu schnell anbrennt. Was genau es damit auf sich hat, ist im Gedicht "Habermus" nachzulesen.

Dort, wo die Hebels einst geschlafen haben, sind mehrere Ausgaben der "Alemannischen Gedichte" ausgestellt, darunter die erste, in der Hebel noch nicht den Mut hatte, sich als Verfasser anzugeben. An einer Hörstation bekommen die Besucher auf Knopfdruck Hebels bedeutendste Gedichte vorgelesen: "Die Wiese" und "Die Vergänglichkeit".

Über eine enge, steile Stiege erreicht der Besucher das ausgebaute Dachgeschoss. Darin sind Beispiele des literarischen Wirkens Hebels ausgestellt. "Die Faszination seiner Werke hält bis heute an", sagt Schmidt. Das zeige sich auch an den vielen Übersetzungen.

Bis heute wird alle zwei Jahre beim Hebel-Fest der Hebel-Preis verliehen. Die Preisträger sind im Dachgeschoss versammelt, darunter Elias Canetti, Gerhard Jung, Albert Schweitzer und Martin Heidegger. In diesem Jahr ging er an Arnold Stadler aus Oberschwaben. Gleich daneben sind die Träger der Hebel-Plakette ausgestellt, die alljährlich am Hebel-Fest an Menschen aus der Oberrhein-Region verliehen wird. Die haben sich besondere Verdienste um die Landschaft erworben. Dazwischen laufen auf einem Bildschirm Ausschnitte aus Filmen von den Hebel-Festen der vergangenen Jahrzehnte.

Davor lädt eine kleine Sitzgruppe zum Verweilen, Schmökern und Zuhören ein. An einer Hörstation liest die bekannte Schauspielerin Hannelore Hoger "Kalendergeschichten" vor, die Hebel für den "Rheinländischen Hausfreund" geschrieben hat. In einem Regal stehen Werke Hebels und der Hebel-Preisträger.

Hebel ist der Stolz der Hausener, doch nicht alle mögen das HebelHaus in seiner heutigen Form. Eine Besucherin beschwert sich, das Heimelige des vorherigen Museums sei verloren gegangen. Doch verloren gegangen ist gar nichts. Sämtliche Gegenstände, die im Haus waren, sind erhalten geblieben und werden in Sonderausstellungen gezeigt. Die erste öffnet am 18. September unter dem Titel, der von einem Hebel-Gedicht abgeleitet ist: "Es ist keine Sache verloren."

31.08.2010 - 08:30 Uhr
Anzeige


Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T�bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Anzeige


Martin Scorsese verbeugt sich mit der märchenhaften Geschichte eines Pariser Waisenjungen vor den Altmeistern des Fantasy-Films.

»weiter...