31.12.2012 Drucken Empfehlen
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Rilke hatte Schnupfen

Hundert Jahre zurück: Florian Illies Geschichtspanorama "1913"

Eines der meistverkauften Sachbücher des Jahres 2012 war "1913" von Florian Illies - ein feuilletonistischer Blick auf das Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Kulturelle Blüte kurz vor dem Untergang.

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JÜRGEN KANOLD

Mit einem Wetterbericht beginnt eines der berühmtesten Bücher des 20. Jahrhunderts: "Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen." Das ist der erste Satz aus Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften", und der erste Abschnitt endet mit dem Fazit: "Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913."

Artikelbild: Hundert Jahre zurück: Florian Illies Geschichtspanorama "1913"

Das war Literatur, und so friedensvoll war auch dieser Sommertag nicht. Aber ein Jahr später, am 1. August 1914, folgte das Deutsche Reich ganz real in Nibelungentreue dem Verbündeten Österreich-Ungarn in den Krieg. Und was war dann 1913? "Ein Moment höchster Blüte und zugleich ein Hochamt des Untergangs", ein Jahr, in dem alles möglich schien und dem doch der Verfall schon innewohnte - behauptet Florian Illies in seinem Bestseller "1913", der jetzt, zum Jahresende 2012, noch immer auf Platz eins der "Spiegel"-Charts steht.

Bevor Deutschland 2014 ganz und gar in das 100-Jahre-Erster-Weltkrieg-Gedenken verfällt, hat der Kunsthistoriker und Journalist Illies das Panorama von 1913 aufgezeichnet. Monat für Monat schildert Illies von einer faszinierenden Gleichzeitigkeit, er liefert keine Geschichtsschreibung, sondern kleine und große feuilletonistische Szenen, auch Mini-Dramen. Und Schlaglichter, Anekdoten, Lapidares: "Rainer Maria Rilke hat Schnupfen", heißt es einmal. Krank scheint die Künstlerwelt freilich grundsätzlich zu sein, zumindest egomanisch. Die Neurasthenie, eine chronische Erschöpfung - sie ist das Leiden der beginnenden Moderne. 100 Jahre später gibt es diese Nervenschwäche als eine Art Burn-Out-Syndrom übrigens immer noch.

In den Hauptrollen wirken mit: Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, Rainer Maria Rilke, Pablo Picasso, Egon Schiele, Thomas Mann, Gottfried Benn, Ernst Jünger, Arnold Schönberg und viele andere. Auch Oskar Kokoschka, der seine "Windsbraut" Alma Mahler auf einer Leinwand malt, so groß wie das Bett seiner Geliebten. Und selbstverständlich Sigmund Freud. Die Untiefen der Erinnerung, das Unbewusste, die Träume gehören zum Jahr 1913.

Illies ist in seinem Buch mit Thesen vorsichtig, eher fließen ironische Kommentare in sein Geschichts-Kaleidoskop, aber in einem Text des jungen Bruno Frank findet er eine Zeitdiagnose. Dieser Autor feiert Thomas Mann als einen "tapferen Dichter" in einer völlig götterlosen Welt, "da wir so beziehungslos sind und völlig auf uns selber zurückgeworfen, wie vermutlich niemals menschliche Generationen vor uns waren . . ."

Götterlos? Durchaus. Festzumachen ist das 1913 besonders in der Kunst, die in die Abstraktion drängt: Marcel Duchamp montierte ein erstes Ready-Made, das Vorderrad eines Fahrrads auf einen gewöhnlichen Küchenschemel; in Moskau malte Malewitsch das erste "Schwarze Quadrat". Zwei Nullpunkte der modernen Kunst.

So kann man sich festlesen in diesem 1913-Band. Und manchmal erinnert Illies Chronik an Marcel Prousts "Recherche", an dessen Versuch, "die Vergangenheit in Sprache bannen zu können - gegen die rennende Zeit". Der heutige Leser ist angetan von einem Buch, das von Literaten, Künstlern, Musikern der klassischen Moderne handelt, die wir heute, 100 Jahre später, so schätzen. Warum verehren wir diese Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, den Jugendstil, die französische Malerei der Moderne? Alles nur Nostalgie? Oder leben wir in einer ähnlichen Umbruchsituation?

Aber lässt sich nicht jedes Geschichtsjahr theatralisch beleben wie 1913? Und welcher Zauber wird eigentlich das Jahr 2012 entfalten, rückblickend im Jahre 2112? Gibt es dann noch eine Menschheit? Fragen über Fragen, die heute Abend mit den Silvesterböllern nicht verpuffen.

31.12.2012 - 08:30 Uhr

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