07.02.2013 Drucken Empfehlen
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Durch Nacht zum Licht?

Große Landesausstellung in Mannheim beleuchtet die Arbeiterbewegung

Selten gibt es eine Ausstellung, die so viel mit der Lebenswirklichkeit - auch der heutigen - zu tun hat, wie die des Mannheimer Technoseums. Ihr Untertitel: "Geschichte der Arbeiterbewegung von 1863 bis 2013".

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HENNING PETERSHAGEN

Mannheim Ein hyperaktiver moderner Industrieroboter steht am Ende der Ausstellung - zusammen mit einem Call-Center und einer dieser erbärmlichen Großnähereien, in denen Frauen der Dritten Welt im Auftrag westlicher Textilproduzenten schuften. Auf einem Foto fordert ein weinender Chinese Aufklärung über den Tod seines Sohnes - eines der Arbeiter beim iPhone-Hersteller Foxconn, die aus Verzweiflung über die Arbeitsbedingungen in den Tod sprangen. Ein paar Schritte weiter zeigt eine Vitrine die Streikwesten südwestdeutscher Redakteure, die 2012 für den Fortbestand der Tarifbindung ihres Zeitungsverlages gestreikt haben.

Artikelbild: Große Landesausstellung in Mannheim beleuchtet die Arbeiterbewegung Dieses Blatt von 1913 mit den Porträts der Väter der deutschen Arbeiterbewegung erinnert an die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1863. Foto: © Sächsisches Industriemuseum Chemnitz

Alle diese Exponate der Großen Landesausstellung "Durch Nacht zum Licht?" spiegeln die aktuelle Arbeitswelt wider: die menschenleere in den Roboterhallen, die unterbezahlte in den Call-Centern, die in Billiglohnländer verlegte, die des Lohndumpings. Weiter zeigen demonstrierende Menschen in Spanien und Griechenland, welche die Not auf die Straße getrieben hat.

Artikelbild: Große Landesausstellung in Mannheim beleuchtet die Arbeiterbewegung Auch Streikwesten aus dem Jahr 2012 sind vertreten.

Was hat das alles mit der deutschen Arbeiterbewegung zu tun? Das erschließt der Gang durch die perfekt durchdachte Ausstellung. Ihre hervorragende Architektur führt die Besucher gewissermaßen durch das düstere Getriebe einer gewaltigen Maschine, symbolisiert durch Baugerüste und Zahnräder. Wo üblicherweise Plexiglas die Exponate vor dem Zugriff der Besucher schützt, leistet dies ein feuerverzinktes Hühnerdrahtgitter.

Doch das Vorfeld der Maschinerie - sie verarbeitet den Zeitraum von 1863 bis heute - ist der vorindustriellen Epoche gewidmet. Dort lernt man zum einen die Traditionen kennen, aus denen die Arbeiterbewegung geboren ist: die bis ins Mittelalter zurückreichenden Organisationen der Handwerksgesellen mit ihrer Vernetzung und ihrer Kultur. Zum anderen geht es auch hier schon um Formen des Protests gegen die Not der arbeitenden Bevölkerung: um Hungerkrawalle und Maschinenstürmereien.

Dies ist noch die Zeit der Abwehrkämpfe, der Defensive, gegen die sich erste Organisationsformen bilden. So ist ein besonderes Prunkstück dieser Abteilung eine Seite des von Karl Marx handgeschriebenen Entwurfs zum Kommunistischen Manifest.

Die Geschichte der organisierten deutschen Arbeiterbewegung beginnt 1863 mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, deren 150. Wiederkehr am 23. Mai ansteht - und den Anlass für diese Ausstellung bot. Ihr Titel ist - bis auf das Fragezeichen - dem Internationalen Knappenlied entnommen. Anlass war ein bis dahin unerhörtes Ereignis: der Massenstreik von 1889, an dem rund 150 000 Bergarbeiter im ganzen Deutschen Reich teilnahmen. Er richtete sich gegen das Sozialistengesetz, mit dem Bismarck die erstarkende Arbeiterbewegung zu unterdrücken versuchte. Der Streik machte dem ein Ende. Dieses Ereignis feiert die Ausstellung mit einen stilisierten Stollen zum Thema Bergarbeiter.

Dem Erstarken der Arbeiterbewegung bis zum Ersten Weltkrieg, ihre Aufsplitterung in der Weimarer Republik und ihre Niederlage unter der Nazi-Herrschaft folgt ihre Aufspaltung in Ost und West nach dem Zweiten Weltkrieg.

Diese Spaltung symbolisiert ein Raumteiler eigener Art, ein ewig langer Pittler-5-Spindel-Automat. Konstruiert wurde er 1939 in Leipzig für die Kriegsproduktion; nach 1945 trug er in der Bundesrepublik zum Wirtschaftswunder bei. Links und rechts von ihm, getrennt durch einen diesmal sehr stabilen Maschendrahtzaun, ist das Wiedererstarken der Arbeiterbewegung im Westen und ihre Vereinnahmung durch das Regime im Osten materialreich aufbereitet.

Der letzte Raum schildert die Veränderung durch neoliberale Wirtschaftspolitik und wild gewordene Finanzmärkte. Hier erschließt sich das Fragezeichen nach dem Ausstellungstitel. Und der Industrieroboter schreibt Forderungen an die Wand wie "Gesetzlicher Mindestlohn!"

07.02.2013 - 08:30 Uhr

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