02.12.2010 Drucken Empfehlen
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Die andere Karriere des Ex-Wunderkinds

Der Pianist Mark Ehrenfried auf Tour

Nicht ohne seine Mutter und die Bibel reist das einstige Wunderkind Mark Ehrenfried zur Zeit durch Deutschland. Er begeistert Jung und Alt in freikirchlichen Gemeindehäusern. Eine etwas andere Karriere.

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SUSANNE RUDOLPH
Artikelbild: Der Pianist Mark Ehrenfried auf Tour Mark Ehrenfried geht seinen Weg - einen ganz eigenen.

Ulm Mark Ehrenfried? Nie gehört. Oder doch? Da war doch was. . . Google sei Dank, da war viel. Sehr viel. Denn der junge Pianist hat eine klassische Wunderkind-Karriere hinter sich: erste öffentliche Konzerte in Berlin mit sieben, TV-Auftritte, Medienpreise, ein paar weniger bedeutende Klavierpreise, zahlreiche Konzerte im In-und Ausland, Presserummel. "Ein zweiter Mozart" war geboren, wieder mal. 2007 engagierte Phillip Merckle ihn für sein Ratiopharm-Projekt "World in balance" (was ist eigentlich daraus geworden?), soeben absolvierte er zwei Musikdiplome an der Royal Schools of Music in London und, fast nebenbei, in Berlin das Internationale Abitur. Wahnsinn.

Dennoch ist der jetzt 19-jährige Wunderknabe nie so wirklich ins Bewusstsein der Klassikfans gedrungen, dennoch ignorieren ihn die großen Feuilletons. Derzeit tingelt er durch Deutschlands freikirchliche Gemeindehäuser. Sofort klingeln alle Alarmglocken im deutschen Bildungsbürgerhirn: Ist der junge Pianist vom sensationsgeilen Musikbetrieb verheizt worden? Leidet er unter Spätfolgen eines pubertären Kreativitäts-Einbruchs? Liegt sein Riesentalent eben doch nur im Handwerklichen, im bloßen "Tastenfeuerwerk", wie er zuweilen seine Konzerte durchaus treffend deklariert? Ach, armer Junge. Doch dann, im Konzert der freikirchlichen Gemeinde Ecclesia Ulm, die Überraschung.

Fröhliche Erwartung bei den gut 130 Gemeindemitgliedern, darunter - das Herz eines jeden Profi-Konzertveranstalters würde hüpfen! - viele Jugendliche und einige Kinder. Sie alle hängen an Marks Lippen und Fingern. Nein, da sitzt kein gebrochener Ex-Star am Flügel, der verkrampft um verlorene Anerkennung bettelt. Vergnügt und entwaffnend natürlich sagt Mark seine Stücke selber an. Lacht über die eigenen Versprecher, guckt rasch aufs Notizblatt, weil ihm der Titel des nächsten Werkes nicht einfällt, oder klopft sich fröhlich auf die Schulter, wenn er seine eigenen - Keith Jarrett fantasievoll nachempfundenen - Kompositionen ankündigt.

Ohne Scheu donnert er den Anfang des Klavierkonzerts von Tschaikowsky in die Tasten, berücksichtigt fein abschattiert sogar den Orchesterpart. Schubert und Chopin in unsäglichen Godowski-Bearbeitungen, Liszts Ungarische Rhapsodien, Tschaikowskys Nussknacker-Suite oder ein rauschhafter Boogie Woogie: alles kein Problem. Er bewältigt die Stücke mit Empfindungskraft, elektrisierend rhythmischem Gespür und Witz. Technisch beherrscht er sie sowieso, auch wenn hie und da einige Noten unter den Tisch fallen oder neue dazugedichtet werden. Man merkt: Dieser junge Mann hat einfach einen Heidenspaß am Musizieren, egal, in welchen Saal seine Manager ihn schicken. Sicher: profunde Substanz, spirituelle Tiefe darf - noch? - nicht erwartet werden. Aber muss das zwingend sein? Sieht man die Jugendlichen, dann freut man sich fast, dass es Mark Ehrenfried gelingt, sich unbeschadet an den Klippen hehren Bildungsanspruchs vorbeizustehlen. Und man glaubt ihm aufs Wort, wenn er sagt: "Ich mache meinen Weg, so oder so." Die nächste Etappe führt ihn wieder nach London. "Business und Finanzen" will er dort studieren: "Damit es mir eines Tages nicht so geht wie vielen anderen verarmten Musikern." Clever ist er auch noch.

02.12.2010 - 08:30 Uhr

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