Das Spendhaus Reutlingen zeigt Druckgrafik von Lyonel Feininger
Bei ihm wirken Kirchen wie lichte Kristalle. Die Welt gleicht einer "inneren Vision". Mit einer Werkschau Lyonel Feiningers unterstreicht das Spendhaus Reutlingen seinen Ruf als Zentrum des Holzschnitts.
Anzeige
OTTO PAUL BURKHARDT
Im Spendhaus Reutlingen zu sehen: Lyonel Feiningers Aquarell "O Du goldene Abendsonne! I" aus dem Jahr 1926. Foto: Spendhaus
Reutlingen Seine kubistisch geprägten Ölbilder der Kirchen in Gelmeroda, Zirchow oder Mellingen gehören zum Kanon der klassischen Moderne. Eine Ausstellung im Städtischen Kunstmuseum Spendhaus mit 85 Arbeiten von Lyonel Feininger (1871 bis 1956) rückt mit Druckgrafik und Aquarellen nun weniger bekannte Seiten des 1919 ans Bauhaus berufenen Künstlers ins Bewusstsein.
Gastweise präsentiert sich im Spendhaus nämlich die Lyonel-Feininger-Galerie Quedlinburg und zeigt Blätter der renommierten Sammlung Dr. Hermann Klumpp. Der in New York geborene Feininger, der von 1887 bis 1937 vor allem in Berlin und Weimar lebte, berichtete selbst, "wie ein Rasender" zeitweise mit Holzschnitten experimentiert zu haben. Eine Technik, die damals auch von den Expressionisten neu entdeckt wurde und in reger Wechselwirkung mit der Malerei stand.
An den berühmten, von Feininger bevorzugten Thüringer Kirchen, von denen die berühmteste - Gelmeroda - heute als Autobahnkirche dient, kommt auch diese Druckgrafik-Schau nicht vorbei.
Interessant zu sehen, wie sich die "Gelmeroda"-Holzschnitte 1918 bis 1922 vom Expressionismus entfernen - zunächst düster, dramatisch, mit tiefschwarzen Blöcken, später hell, luzide, mit kristallinen Konturen.
Feiningers Kirchen wirken zunehmend entmaterialisiert: Im Titelblatt des Bauhaus-Manifests 1919 ("Kathedrale") beginnt eine Entwicklung, an deren Ende abstrahierte Architektur-Visionen stehen, prismatisch schillernde Licht-Welten. Wobei Feininger seine kristallinen Kathedralen nicht als christliche Symbole verstand, sondern als Utopie einer vom Bauhaus angestrebten (Wieder-)Vereinigung von Kunst und Handwerk.
Daneben punktet die thematisch bezugsreich gehängte Ausstellung mit weniger geläufigen Aspekten im Werk Feiningers, der 1937 zurück in die USA fliehen musste. Besonders in einem weiteren Motivkreis - Küsten, Meer und Schiffe - zeigen sich überraschende Rückbezüge zur deutschen Romantik. So erinnern Aquarelle wie "O Du goldene Abendsonne! I" (1926) oder "Ruine am Meer" (1934) an Caspar David Friedrichs Bildwelten.
Derweil bietet die Ausstellung auch Streiflichter auf die künstlerischen Anfänge mit Bildern von Eisenbahnen und Aquädukten. Auch die handwerkliche Ader des Bauhaus-Meisters ist dokumentiert: mit einem Segelbootmodell und einer Holzeisenbahn "Marke Feininger", für die er mit dem Slogan "international - modellgetreu - unzerbrechlich" warb.
Begonnen hat Feininger aber als Karikaturist für Magazine wie "Ulk" und "Lustige Blätter" - in satirischen Szenarien nimmt er Bismarck oder den russischen Zaren aufs Korn ("Die Duma liebt mich - liebt mich nicht"). Empfohlen sei auch ein Blick in Feiningers Comic-Serien für die "Chicago Sunday Tribune", die bis heute als Klassiker des Genres gelten - etwa "The Kin-der-Kids" (1906), die vor ihrer Lebertran verabreichenden Tante fliehen und in einer Badewanne durch die Weltmeere abenteuern. Noch im Jahr 1999 listete das renommierte "Comics Journal" Lyonel Feiningers Serie auf Platz 40 - in den ewigen Top Hundert.
Info "Lyonel Feininger. Ein Sinnbild höherer Wirklichkeit" ist bis 15. April im Spendhaus Reutlingen (Spendhausstr. 4, Tel.: 07121 303-2322) zu sehen: Dienstag bis Samstag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr, sonn- und feiertags bis 18 Uhr.