Das Museum Tate Britain in London präsentiert den "ganzen" Henry Moore
Das ganze vielfältige Schaffen des Bildhauers Henry Moore und zugleich die komplexe Persönlichkeit des Künstlers stellt die Tate Britain in London vor.
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ANNA TOMFORDE, DPA
Eine der große Figuren aus Holz in der Londoner Moore-Schau. Foto: apn
London Eine "Neubewertung der Essenz" von Henry Moores Werk möchte eine Ausstellung erreichen, die in der Tate Britain in London frisch eröffnet wurde. Rund 150 Steinskulpturen, Holzschnitzereien, Bronzen und Zeichnungen des Künstlers zeigt das Museum jetzt bis zum 8. August. "Wer glaubt, Henry Moore nur über seine Skulpturen vor Regierungsgebäuden und in Parks zu kennen, liegt einfach falsch", urteilt Kurator Chris Stephens. Zweck der ersten großen Moore-Ausstellung seit 30 Jahren sei, den 1986 verstorbenen britischen Künstler im "Kontext seiner Zeit" zu porträtieren. Sie versucht aufzuzeigen, dass Moores Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg, die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, die Enthüllungen über den Holocaust und der Kalte Krieg ihn und sein Werk nachhaltig geprägt haben.
Der "Schatten der Schützengräben" liege über den frühen Skulpturen, die zugleich maßgeblich von Moores Studium afrikanischer Kunst sowie der mittelamerikanischen Maya-Kultur beeinflusst wurden. Darin werde eine "dunkle und erotisch aufgeladene Dimension" des Künstlers erkennbar, die die bisherige Vertrautheit mit ihm und seinem Werk infrage stelle. Eine "Fusion von Form und Leidenschaft" kennzeichne die frühen Werke aus den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sagte Stephens.
Das bei Moore immer wiederkehrende Motiv von Mutter und Kind wird in der Ausstellung neu untersucht. So sieht Stephens in Moores zahlreichen Plastiken nicht nur die herkömmlich "nährende Verbundenheit" von Mutter und Kind, sondern erkennt auch Distanz durch abweisende Gesten und Blicke. Moores "elementare Besessenheit" mit dem Thema habe seine Wurzeln ebenso in der engen Beziehung zu seiner Mutter wie in der Tatsache, dass seine 1929 mit Irina Radetsky geschlossene Ehe bis 1946 kinderlos blieb.
Moores Entwicklung zum Modernismus und der abstrakten Form verbindet die Ausstellung mit enttäuschten pazifistischen Hoffnungen. Die Entwicklung zum Faschismus in Europa sowie der Spanische Bürgerkrieg hätten eindeutig Einfluss auf die "klaustrophobische" Kunst der späten 30er Jahre gehabt. Als eindeutiges Beispiel dafür gilt die 1939 geschaffene Bronze "Der Helm", in der - zugleich bedrohend und schützend - Spannung und Angst eingefangen werden.
Als Höhepunkt der Ausstellung muss allerdings das weniger bekannte nicht-bildhauerische Schaffen Moores während des Zweiten Weltkriegs gewertet werden. Nach der kriegsbedingten Aufgabe seines Studios in Kent zog er nach London, wo er als offizieller staatlicher Kriegskünstler bemerkenswerte Zeichnungen und Mini-Aquarelle über die Folgen der deutschen Luftangriffe im so genannten "Blitz" von 1940 schuf.