09.07.2012 Drucken Empfehlen
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Das Glück kommt plötzlich

Bob Dylan veranstaltet großen Rock'n'Roll-Zirkus in Bad Mergentheim

Selten hat man ihn mit so viel Spaß bei der Sache gesehen: Bob Dylan spielt, singt und ja, er tanzt, bei "Lieder im Schloss" in Bad Mergentheim. Eine Glanzstunde in der unendlichen Dylan-Erzählung.

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ULRICH RÜDENAUER

Bad Mergentheim Es gibt manchmal jenen einen Moment, der die Magie eines Abends zu bündeln vermag. Es dämmert bereits an diesem Freitagabend über dem Schlosshof in Bad Mergentheim, ein sanftes Licht wie in einer Idylle aus dem 19. Jahrhundert. Bob Dylan spielt den Song "Sugar Baby", und die Zeile "Happiness comes suddenly" zelebriert er förmlich. Er dehnt das Wort "Happiness" ins Endlose, reißt die Vokale so weit auf, dass die Buchstaben selbst lauthals zu lachen scheinen, und der pokerfacehafte Jokerman Dylan strahlt mit diesem hübschen Wort um die Wette.

Artikelbild: Bob Dylan veranstaltet großen Rock'n'Roll-Zirkus in Bad Mergentheim So gut aufgelegt wie hier im englischen Kent war Bob Dylan auch auf seiner Tour-Station in Bad Mergentheim. Fotografieren ließ sich der lichtscheue Künstler diesmal aber nicht. Foto: afp

Sehen wir einmal großzügig darüber hinweg, dass die Zeile noch weiter geht und der Meister uns im nächsten Halbsatz darauf hinweist, dass das Glück eine flüchtige Sache sei, so bleibt doch dieses in den Nachthimmel hineinjubilierte "Happiness". Und tatsächlich: Selten hat man Bob Dylan so entspannt gesehen, selten seinen Zuhörern so zugewandt, selten so erpicht darauf, Spaß zu haben am eigenen Tun. Mit seinem schwarzen Jackett, den weißen Hosen und Schuhen wirkt er ein bisschen wie ein millionenschwerer Yachtbesitzer auf Landgang, der dem Publikum gleich mit dem ersten Stück "Leopard-Skin Pill-Box Hat" signalisieren will, dass hier und heute noch eine Party zu feiern wäre.

Vor 21 Jahren machte Dylan schon einmal auf seiner "Never Ending Tour" Station in Bad Mergentheim. Für den Autor dieser Zeilen erschien das damals wie etwas ganz Unwirkliches. Dylan war diese mythische Gestalt, die aus einem fernen Jahrzehnt kommend das brave Kinderzimmer in eine bohemistische Höhle verwandelt hatte. Wenn sich "Blonde on Blonde" auf dem Plattenteller drehte, war das wie ein Versprechen auf ein Leben jenseits von Einfamilienhäusern und Schulhof-Langweilern. Für den 14-Jährigen, der gerade Dylan entdeckt hatte, ergab das Leben nun einen Sinn, weil das Unverständliche sich nie mehr auflösen musste, sondern einfach besungen werden konnte.

Und nun kam Dylan also leibhaftig in die eigene Kleinstadt, und dieser grummelige, betrunkene, rücksichtslose, wild den eigenen Werkkatalog dekonstruierende Sänger hinterließ damals ein hoffnungslos verstörtes Publikum. Es war grandios! Wütende Leserbriefe in der Lokalpresse zeugten davon. Manche der damaligen Besucher haben sich bis heute noch nicht davon erholt. Jetzt ist er wieder da, und die Stadt wird erneut heimgesucht von Dylan-Aficionados aus der halben Republik. Und wie schön das ist: Die fast schon schwebende Atmosphäre auf der Bühne überträgt sich auf den gefüllten Schlosshof; Dylan stößt heute keinen vor den Kopf.

Etwas Neues ist auch zu erleben. Nachdem er in den letzten Jahren vornehmlich hinter seiner Miniorgel einen Georgie Fame auf Speed gegeben hatte, verbringt Dylan nun den Großteil des Abends hinter einem Flügel und macht uns den Little Richard. Zwischendurch tritt er, die Mundharmonika in der Linken, die Rechte lässig in die Hüften gestemmt, ans Mikrofon und wird zum Entertainer. Dylan, man muss sich das einmal vorstellen, Dylan tanzt - im Rahmen seiner Möglichkeiten zwar, aber durchaus mit einer Hingabe, die vergessen lässt, dass hier ein 71-jähriger Bluessänger auf der Bühne steht.

Seine Working Band um Charlie Sexton und Tony Garnier ist inzwischen so eingespielt, sie swingt und groovt und rockt mit solcher Eleganz und zugleich Wucht, dass Dylan das wunderbarste Fundament zur Deklamation seiner Stücke gelegt bekommt. An diesem Abend sind das 17 Songs, darunter eine hinreißend schaukelnde Version von "Tangled Up In Blue", eine wütend diabolische von "Ballad Of A Thin Man", eine schier ewig dahinrollende von "The Levees Gonna Break", eine herzzerreißend schwärmerische von "Make You Feel My Love", eine spielerisch leichtfüßige von "Desolation Row". "The Circus is in town" singt er da - und tatsächlich ist das Konzert eine Mischung aus Kirmes und Rock"n"Roll-Zirkus.

Dylan hustet seinen Texten ja inzwischen eher was - ein Caruso war er, unter uns gesagt, noch nie. Er fällt punktgenau mit den Silben in den Song, wütet durchs imposante Oeuvre, singt, als würde er den Staub aller Straßen dieser Welt geschluckt haben und nun wieder loswerden wollen. Die Biographie lässt sich bei Dylan an der Stimme ablesen. Seine Phrasierung und sein Rhythmus sind ein Kunstwerk für sich; das Hinweggleiten über manche Zeilen und das Herausbrummen einzelner Wörter gehen weit darüber hinaus, semantische Signale im Bedeutungsfluss des Liedes zu setzen - die Stimme selbst erzählt die Geschichten, die in den Texten schlummern.

Jeder Abend ist bei Dylan neu, jeder Abend wie ein weiteres Kapitel einer nie endenden Erzählung. Weshalb man natürlich kein einziges Dylan-Konzert verpassen sollte. Oder zumindest solche Glanzstunden wie in Bad Mergentheim erleben müsste - denn: "Happiness comes suddenly".

09.07.2012 - 08:30 Uhr

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