Noch schnell vor Weihnachten ein paar klassische CD-Tipps
Riegelotto, Rosenklavier, Lodengrün, die wulstigen Leiber von Windsor und der Ring, der nie gelungen - nein, der Opernkritiker ist nicht besoffen. Und er hat solches Musiktheater auch weder auf Platz 131 in der Reihe 5 im Parkett der Stuttgarter Staatsoper noch in der Loge 18 im Parkett der Mailänder Scala erlebt.
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Semperoper, Mailänder Scala, Münchner Nationaltheater - ein guter Platz, um Klassik zu hören, ist auch das heimische Sofa. Foto: Volkmar Könneke
Das nämlich sollen die besten Plätze dieser Opernhäuser sein.
Die Verballhornungen von Operntiteln und die Tipps für die Kartenreservierung, aber auch eine Liste mit Werken, die in der Tonart Es-Dur komponiert sind, oder letzte Worte in Opern finden sich in dem musikalischen Sammelsurium "Einsteins Violine", das Winfried Bönig und Tilmann Claus herausgegeben haben (C.Beck, 159 Seiten, 16 Euro). Ein wunderbares Buch mit lauter Sachen, die man nicht unbedingt wissen muss. Aber mit solchem Wissen kann man gut in Pausengesprächen protzen.
Übrigens: Oper, Operette und Gesang sind bei Frauen (32,8 Prozent) beliebter als bei Männern (22,6). Deshalb seien an dieser Stelle nicht bevorzugt die sonnenfeurige CD "Mexico" von Rolando Villazón (Deutsche Grammophon) für eisige Wintertage oder Aufnahmen der derzeit nicht nur bestaussehenden, sondern wirklich edel und schmachtend singenden Tenöre Jonas Kaufmann ("Verismo Arias", Decca) und Vittorio Grigolo ("The Italian Tenor", Sony) genannt. Vielmehr ein besonderer CD-Tipp für die Männer, die ja aufholen müssen: "Habanera" (Deutsche Grammophon) mit Elina Garanca, der "Carmen unserer Zeit".
Die Mezzosopranistin stammt zwar aus Lettland, dafür ist ihr Ehemann im Süden, in Gibraltar, aufgewachsen. Diese nordische Schönheit, die nicht dem Rollenklischee entspricht, singt wirklich herrlich verrucht nicht nur die Carmen-Hits von Bizet, sondern noch andere Zigeunerweisen. Aber der Ehemann passt auf: Karel Mark Chichon dirigiert das Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI. Wer Elina Garanca auch sehen will: Sie tritt als Carmen im kommenden Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker auf, das Gustavo Dudamel leiten wird.
Und wer schwärmt eigentlich für die Countertenöre, diese Falsettsänger mit ihren Kastratenpartien? Frauen und Männer. Countertenöre haben offenbar immer stärker Konjunktur. Allen voran der junge Franzose Philippe Jaroussky, der mit seiner engelhaft hellen, verführerischen Stimme jetzt auch auf einer unglaublich besetzten Einspielung der von Fabio Bondi rekonstruierten Vivaldi-Oper "Ercole" vertreten ist. Und zwar als sehr androgyn singendes Wesen neben den sehr weiblichen Opernstars Diana Damrau, Joyce Di Donato und Vivica Genaux (Virigin Classics/EMI).
Die Barockmusik ist natürlich die große Domäne der Countertenöre, die allerdings meistens männlicher auftreten als Jaroussky: Andreas Scholl ist mit dem Purcell-Album "O solitude" (Decca) neu auf dem Markt, großartig unterstützt von der Accademia Bizantina; Bejun Mehta heißt ein neuer Stern der Szene, der sich in Begleitung des Freiburger Barockorchesters unter René Jacobs mit Händel-Arien vorstellt: "Ombra cara" (Harmonia mundi). Und von dem 29-jährigen Argentinier Franco Fagioli, der an der Staatsoper Stuttgart in der Titelpartie von Händels "Teseo" begeisterte, gibt es jetzt eine geschmackvolle CD mit "Canzone e Cantate" (Carus).
Das besagte "musikalische Sammelsurium" führt auch auf, dass die Sächsische Staatskapelle Dresden 159 Musiker zählt und damit das größte deutsche Orchester ist. Und sie kann, was nicht im Buch steht, nicht nur Strauss wunderbar spielen. Nach dieser schlanken Barockmusik also noch etwas fett Spätromantisches für den Gabentisch: Anton Bruckners 8. Sinfonie.
Es war eine "Brautschau mit Bruckner" gewesen, ein monumentales Probedirigat, als Christian Thielemann am 14. September 2009 in der Semperoper vor die Staatskapelle trat. Thielemann hatte zuvor seinen Abschied von den Münchner Philharmonikern erklärt, und Dresden suchte einen Nachfolger für Fabio Luisi. Wer den Mitschnitt der mehr als 80-minütigen 8. Sinfonie Bruckners hört (Profil/Edition Günter Hänssler), der versteht, dass Thielemann und die Staatskapelle eine deutsche Traumbesetzung sein können. Der altvordere Zeremonienmeister des spätromantischen Repertoires und der traditionsreiche Edelklangkörper: großdimensionaler, wuchtiger Bruckner, aber mit Goldglanz.
Die besten Plätze in der Dresdner Semperoper sollen ja im Parkett, Reihe 7, Nummer 22 und 23, zu finden sein. Zu empfehlen ist dieser Bruckner auch für den besten Platz zu Hause: das Sofa vor der Stereo-Anlage. JÜRGEN KANOLD.