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Spätes Single-Debüt

Familie Hesselbach gibt's nun als Vinyl-„re-issue“

Tübingen. Damals wäre es vielleicht noch durchgegangen, sie zur Kultband zu stempeln, heute ist das ein Unwort. Umreißen wir also den Part der Familie Hesselbach im Tübingen der frühen achtziger Jahre lieber so: Auf einer Szene, die New-Wave-Musik als Kristallisationspunkt für ihre Ambitionen entdeckt hatte, großstadtbohemehaftes Gehabe endlich auch in der universitären Provinz lebbar zu machen, waren diese sechs jungen Männer Jedermanns Liebling.

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Artikelbild: Familie Hesselbach gibt's nun als Vinyl-„re-issue“

Das könnte, wiederum aus eher zynischer Gegenwartssicht, nach fadem Kompromisslertum oder gar abgefeimt zielgruppenorientierter Designer-Lifestylemucke aussehen. Aber es war eben genau das Gegenteil.

Denn erstens hatten sich die Hesselbachs die Rauheit des Punk Rock erhalten, der Ende der Siebziger die Demarkationslinie zwischen zeitgenössischer und altbackener Popmusik neu gezogen hatte, seine Lust an ungehobelter Ekstase. Und zweitens waren sie, wenn schon keine Übermusikanten, so doch hemmungslose Eklektiker und damit ganz Kinder ihrer Zeit. Was immer interessant tönte und groovte, von Rap über Funk, Ska und Psychedelia bis hin zum Pseudo-Free-Jazz: Die Familie Hesselbach verleibte es sich ein, verdaute es erstaunlich locker und do-it-yourselfte aus den Komponenten, garniert mit manchmal schon sehr originellen deutschen Texten, immer wieder höchst Eigenes.

Am Vorabend der Neuen Deutschen Welle schien diese energiegeladene und witzige Tanzmusik tatsächlich das Zeug zu Höherem zu haben, eine Pop-Karriere womöglich mit Hitparaden-Präsenz nicht völlig auszuschließen – und wer in Tübingen hätte es ihnen nicht gegönnt! Aber daraus wurde nichts, auch, weil die selbstproduzierte LP etwas zu glatt geriet und nicht an die rohe Wucht ihrer ersten Cassetten-Veröffentlichung anknüpfen konnte. Schon gar nicht an das Live-Erlebnis Hesselbach: Modern, wie man das damals nannte, in Trevirahemden und Krawatten gewandet, aufgekratzt und hypermotorisch wirbelten die jungen Männer über die Bühne und erwarben sich schon mit ihren ersten Konzerten als Live-Act einen Ruf wie Donnerhall.

Da passt es ganz gut, wenn ein Hesselbach-„re-issue“ auf Live-Material zurückgreift, aufgenommen 1982 in der Stuttgarter „Mausefalle“ und zuvor nur auf einem der damals so beliebten Städte-Sampler (mit Beiträgen verschiedener Bands aus ein- und derselben Region) veröffentlicht. Als 7-Zoll-Single sind drei Stücke von damals nun als exklusives Hesselbach-Produkt auf Vinyl erschienen, herausgegeben von Studenten der Stuttgarter Merz Akademie (früher einfach Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien), die aus dem Re-Issuing ein Semesterprojekt machten und auch das Cover samt ausführlichem Info-Beiblatt gestaltet haben.

Letzteres verrät dem Leser, dass sich in den vergangenen 30 Jahren am kräftig soziologisierenden Seminar-Jargon wenig geändert zu haben scheint. Erfreulichererweise hat aber auch die durchschlagende Wirkung der Hesselbach-Musik nicht nachgelassen: In „Warnung vor dem Hunde“, einem Paradestück der Familie, bellt Sänger Gottfried über ein muskulöses, rhythmisch minimal aufgefächertes Riff eine groteske Litanei von Verbotsschildern herunter, ehe schrille Trompeten-, Klarinetten- und Orgeleinwürfe das Ganze etwas auf Avantgarde trimmen.

Seite B deutet dann die Breite des (frühen) Band-Schaffens an: hier das noch stark bolzengerader Punk-Rhythmik verpflichtete „Wo bist du?“, da die melancholisch im Mid-Tempo dahinscheppernden „Gesichter“. Wllibald Ruscheinski

Info Familie Hesselbach: re-issue Süddeutscher New Wave 1981-85. 7-Zoll-Single. In Tübingen erhältlich bei Rimpo, Preis: 9,90 Euro.

30.11.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 03.12.2011 - 09:27 Uhr

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