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Später hast du immer frei

Demnächst erscheint eine CD von Max Julian Otto & Elektrik Gisela

Tübingen. Vor zwei Jahren zog der Storyboardschreiber, Musiker und oftmalige LTT-Bühnenbildner Max Julian Otto nach Köln. Eine längere Bühnenbildpause, unter anderem um endlich den großen Comic zu zeichnen, der ihm schon lange vorschwebt. Mit so was darf man ja nicht zu lange warten.

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Max Julian OttoArchivbild: Metz Max Julian OttoArchivbild: Metz

„Später, wenn alles geschafft ist / später hast du immer frei / später genießt du die Aussicht / später bist du wieder dabei“ singt Max Julian Otto in „Später“ und man ahnt als Zuhörer, dass es später vielleicht zu spät sein könnte oder eben genau so wie es vorher war.

Vielleicht hat er ja zu viele Filme gesehen

Später. Jetzt hat Max Julian Otto erst mal eine CD aufgenommen. Eine ruhige, etwas traurige, eine erstaunlich direkte, eine spröde und poetische, die auch sehr lustige Stellen hat. Nur Otto und Elektrik Gisela, seine Gitarre. Verstärkt also, aber wohltemperiert, leise, meist gezupft, ganz selten mal geschlagen und sehr sparsam klangverändert. Genre: Küchenlieder. Nichts was die Herzen im Sturm erobert, sondern etwas, das irritierend nachklingt. Wie war das gerade? Man spult noch mal zurück: „Es gibt ein Für und viele Wider / und Orden, die niemand verleiht / im Radio spielen sie Liebesleider / und wir verwarten unsre Zeit.“ Nicht immer geht es so ruhig und melancholisch zu. Man muss allerdings schon Max Julian Otto heißen, um eine so vertrackte wie höchst prosaische Alltagssuada eines Vaters an sein Kind zu treibenden, Song-tauglichen Verszeilen zu machen: „Wenn ich damals gehabt hätte / was du heut hast, hätte ich die Chancen / die ich dann gehabt hätte / genutzt, wäre da hin gegangen, wo ich wollte / wenn ich damals gehabt hätte / was du jetzt hast, hätte ich bestimmt / wo hin gewollt, wo ich die Chancen / die ich sicher gehabt hätte. . .“ und so weiter, dass es einem die Ohren raushaut, nervig, furchtbar lustig, fast valentinesk und vielleicht ja kathartisch.

Artikelbild: Demnächst erscheint eine CD von Max Julian Otto & Elektrik Gisela

Wie überhaupt das sperrige Um-die-Ecke-Sprechen auch in diesen Liedern ein paar Feste feiert. Aber dazwischen gibt es diese Momente stiller Beseeltheit, somnambul und rätselhaft: „Manchmal träum ich / dann seh ich / das Tal im Schnee / am Brückenrand dich / ein paar Sterne am Fluss / vielleicht habe ich / zu viele Filme gesehen.“ Auch dies übrigens aus einem Beziehungs- und Familienlied.

Viel Selbstver(un)gewisserung stimmen diese Lieder an, gerne in Form von Aufzählungen: „Eine Salbe / Ein paar Pillen / ein Kamm / einer von vielen / ein Opfer / Diät / der Heiland / Integrität / mehr Sex / Alchemie / Alkohol / mehr Phantasie / weniger Angst /Respekt / eine Farbe, die die Risse verdeckt“. Der Titel: „(Zeig mir) Irgendwas das hilft“. Dringlich. Und Gisela klagt und röhrt dazu. Aber „immer noch reicht nichts aus“ heißt es in einem anderen Lied, wobei manches ja offenbar überreichlich vorhanden ist, denn: „Die Erinnerung trägt ein Halsband und ist fett / Ich setz’ sie am nächsten Rastplatz aus.“

Eine weitere Aufzählung ist dagegen sehr appolinisch-heiter gestimmt, musikalisch fast im Reinhard Mey-Kosmos siedelnd, eine Paarpromenade, und da wären sie doch, die kleinen Lebenshelferchen: „Gegen Unfall versichert / keinen Unfall gehabt / Nie genug Geld / aber nie Hunger / . . .große Hunde gestreichelt / alle Hände noch dran. . . oft ein Ziehen im Kopf / aber keine Befunde / Tiefe Wunden gefunden / aber keinen, der leckt“, was sich bis zu einem „Oft allein geduscht / aber nie erstochen worden“ erstreckt (vielleicht hat er wirklich zu viele Filme gesehen, der Max Julian Otto) und in einer wunderschönen Kinderliedstrophe endet: „Mehl und Eier im Haus / einen Kuchen gebacken / Je mehr Kuchen man ißt / desto mehr muss man kacken.“

Und plötzlich hören die Worte auf

Es gibt Textstellen, die sind so entwaffnend, ungeschützt und manchmal auch nah am schlechten Schlagertext, und doch, hier, in diesem Zusammenhang, packt es einen und man ist unversehens ergriffen: „Ich bin alles was ich hab / ich nehme meine Masken ab /. . . Und plötzlich hören die Worte auf / und da ist nur noch Regen / weder kalt noch warm nur laut und dann ist da diese Tür / und dann wird dir jedes Morgen / endlich wieder unbekannt / und ich spür mein Herz so groß. . .“

„Fluchtfahrzeuge“ heißt diese CD, produziert haben sie Otto und der auch vom LTT bekannte Regisseur und Musiker Stefan Rogge. Sie erscheint am 27. Oktober. Ab da kann man ja mal reinhören, auf der Homepage www.fluchtfahrzeuge.de

Peter Ertle

15.10.2011 - 08:30 Uhr

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