Björks neuester Streich "Biophilia" ist weit mehr als ein Album
Musikalisch hat die Isländerin Björk schon immer alle Grenzen gesprengt. Mit "Biophilia" erweitert sie den Begriff Multimedia und lässt die Fans jetzt in ein digitales Gesamtkunstwerk eintauchen.
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UDO EBERL
Mit ihrem neuen Album "Biophilia" lässt Björk ihre Fans in ein digitales Gesamtkunstwerk eintauchen. Foto: Inez van Lamsweerde and Vinoodh Matadin
Björk galt bereits als Markenzeichen Islands bevor diverse Buchautoren die Restwelt erobert oder Vulkanwolken den Blick gen Norden gelenkt haben. Die Dame mit der einzigartigen, bisweilen aufdringlichen Mädchenstimme drückte zunächst mit "The Sugarcubes" dem Punk einen eigenen Stempel auf, um dann die elektronische Musik mit erstklassigem Pop zu verknüpfen. Sie überzeugte als Hauptdarstellerin in Lars von Triers preisgekröntem Film "Dancer in the Dark", sie eröffnete die Olympischen Spiele in Athen mit dem Song "Oceania" und entfaltete ein stadionfüllendes Kleid, auf dem die Weltkarte zu sehen war.
Da war längst klar, dass Björk weit mehr ist als der herkömmliche Popstar. Die 45-Jährige versteht Kultur als multimediales Ereignis, und mit "Biophilia" wagt sie nun den entscheidenden Schritt, nutzt alle derzeit habhaften technischen Möglichkeiten, um ein Gesamtkunstwerk zu gestalten. Herkömmliche Medien wie Tonträger, Videos und Homepage sind nur Teile des Ganzen. So richtig spannend wird es im Björk"schen Universum erst, wenn man noch mehr investiert. Mit 1,59 Euro pro App ist man dabei, im Apple-Kosmos, der in der iWelt naturwissenschaftliche Phänome begreifbar und erlebbar macht. Ja, das ist wirklich eine neue Popwelt, die Frau Guðmundsdóttir hier mit Entwicklern erschließt.
Die Liebe zur Natur in all ihren Ausprägungen, zum Begreifbaren und Unbegreiflichen, lebt die Isländerin genauso aus wie ihren Forschergeist und Hang zum Ätherischen. Und hier liegt der vielleicht einzige Haken des Projekts, das wie kein anderes Poperlebnis im digitalen Zeitalter angekommen ist. In der Musik, die sich zwischen gehauchtem Minimalismus, entbeintem Bass-Gebrummel, elektronischem Gefrickel und Hohe-Priester-Chorälen bewegt, kann man nicht viel Neues erkennen, auch wenn sich so manches erst in den Zwischenräumen entfaltet. Ja, hier wird Neue Musik im weitesten Sinne mit Pop gepaart. Aber ist das nun der große Wurf? Oder doch nur der Soundtrack für die biophile Apple-Welt, die hier geschaffen wurde?
Ob es nun um Mondzyklen, und deren Einfluss auf unseren Planeten und den Menschen oder um die regelmäßig wiederkehrenden Muster der Musik geht, Björk hat mit ihrer App-Kultur ein Fass aufgemacht, aus dem sich noch reichlich schöpfen lässt. Und ganz nebenbei hat sie aufgezeigt, auf welche Weise sich darbende Popkünstler künftig Geldquellen erschließen können.
Und natürlich erweitert sich nicht nur das Universum als solches rasant, sondern auch das von Björk. Geplant sind Workshops, eine Welttournee, ein Dokumentarfilm, weitere Videos und ein Instrumentarium, das der Künstlerin auf den Leib geschneidert wird.