Die Band trennte sich vor 39 Jahren, von dem einstigen Quartett leben nur noch Paul McCartney und Ringo Starr. Dennoch: Die Beatles stürmen die Hitparaden - mit ihren alten Hits in neuem Sound.
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HELMUT PUSCH
Die erfolgreichste Pop-Band der Welt: Im Oktober 1965 wurden die Beatles von der Queen mit dem Orden Members of the Most Excellent Order of the British Empire ausgezeichnet. Foto: dpa
Die 241 Songs der Beatles sind die Klassiker des Pop schlechthin. Seit vier Jahrzehnten. Aufgenommen wurde der Großteil in den Londoner Abbey Road Studios. Von dort kommen auch die aktuellen Bearbeitungen, die jetzt den Hype um eine Band auslösten, die es seit 40 Jahren nicht mehr gibt. In jahrelanger Arbeit haben die Toningenieure der Abbey-Road-Studios die alten Masterbänder einer Frischzellenkur unterzogen. Manche vergleichen dieses Vorgehen mit der Restaurierung eines alten Bildes. Falsch: Professionelle Studio-Masterbänder altern kaum, Vinyl-Platten sowieso nicht.
Was steckt also hinter der Aufarbeitung des gesamten Katalogs der Beatles? Da ist zum einen der Zeitgeschmack - so seltsam das im Zusammenhang mit mehr als 40 Jahre alten Popsongs klingen mag. Aber die heutigen Produktionen warten mit einem ganz anderen Frequenzumfang auf. Vor allem im Bassbereich ist heute dank Digitaltechnik wesentlich mehr möglich.
Und die heutigen Hörer sind ein anderes Klangbild gewöhnt. Mittlerweile werden selbst Klassik-Aufnahmen komprimiert. Der Dynamikumfang einer Aufnahme wird dabei auf wenige Dezibel eingeengt. So klingt eine Aufnahme lauter und druckvoller: im Autoradio und vor allem auf In-Ear-Kopfhörern, den heute üblichen Schallwandlern der I-Pod-Generation. Dieses Klangwerkzeug haben auch die EMI-Toningenieure eingesetzt, allerdings bei weitem nicht so stark wie üblich. Und sie haben dank digitaler Nachbearbeitung auch manches Störgeräusch herausgefiltert.
Sie haben aber auch versucht, die Stimmen und einzelne Instrumente präsenter zu machen - mit Erfolg. Die Stimmen von McCartney, Lennon und Co. waren noch nie so präsent zu hören, die Gitarrenverstärker klangen noch nie so klar. Nur: Die Beatles klangen auch noch nie so wenig nach den Beatles.
Denn die Beatles waren nicht nur ein Quartett höchst talentierter Musiker und Songschreiber, ihre Scheiben waren von Beginn an auch das Produkt des höchst sensiblen Produzenten George Martin, der an manchen Arrangements mehr Anteil hat als das Komponisten-Duo Lennon/McCartney.
Die feine Statik von Martins Endmischungen wird aber jetzt durch die klanglichen Eingriffe der EMI-Toningenieure empfindlich gestört. Da kiekst McCartney nicht mehr nur bei Chuck Berrys "Rock n Roll Music" vernehmlich, sondern auch in anderen Songs, da klingen die Gitarren plötzlich genauso ruppig wie bei anderen Bands. Das bedeutet ein Stück mehr Ehrlichkeit, die Giganten werden so menschlicher und auch eine Spur sympathischer. Doch die Magie leidet.
Die Sehnsucht nach mehr Wohlklang war es also nicht, die das Großprojekt Beatles remastered angetrieben hat. Und das Streben nach historischer Aufführungspraxis scheidet in einem Genre, dessen eigentliches Kunst-Produkt immer schon die Schallplatte war, ebenso aus. Was bleibt, ist die Vorbereitung auf einen markttechnischen Coup, zu dem die derzeitigen Hitparadenerfolge der neu gemasterten Beatles-CDs nur der Auftakt sein dürften: die Beatles als digitale Bezahl-Downloads im Netz. Der größte Anbieter ist I-Tunes, die Musikplattform des Mac-Herstellers Apple.
Mit dem hatten sich die Beatles bereits mehrfach vor Gericht getroffen, schließlich trägt ihre eigene Plattenfirma schon seit 1968 den gleichen Namen. Doch derzeit scheinen alle Querelen um die Apfel-Marke beigelegt. Der Weg für eine Internet-Vermarktung der Beatles-Songs ist also frei - sobald die EMI von ihren neuen alten Beatles-CDs genügend abgesetzt hat. Die Songs sind jetzt allemal auf dem technischen Stand für I-Pod-Nutzer. Und dank dem Medienhype um die neu gemasterten Beatles-Songs wissen nun auch die Kids, wie Beatles-Songs geklungen haben - oder zumindest fast.