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Konzert in Dachau

The National und die Gesichter der Melancholie

"The National" sind Außenseiter, waren aber nie eine Underground-Band. Nun genießen sie den verdienten Erfolg: Weil sie sich stets treu geblieben sind.

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UDO EBERL

Dachau Mit Matt Berninger steht da ein Typ auf der Bühne, den man sich nackt, verloren und irre dreinschauend auch in den Schluchten seiner Wahlheimat New York gut vorstellen könnte. Der kalte Weißwein scheint ihm wichtiger zu sein als das Gesangsmikrofon. Er baut sich auf der kleinen Bühne, die in den Dachauer Rathausplatz eingepasst worden ist, den eigenen Psycho-Käfig, in dem er sich windet.

Später wird der Sänger von "The National" ausbrechen, singend durch 1800 Menschen rasen, um an der von Fans umsäumten Laterne mitten auf dem Platz den "Gene Kelly Scheiß" zu machen. Tanzen meint er, im Kreis herum, bis sich die Sinne drehen. Die Melancholie hat viele Gesichter, Berninger scheint sie alle zu kennen.

So verloren wie der Frontmann von "The National" zu sein scheint, können ansatzweise auch seine Texte klingen, doch sie berühren, greifen tief. Besonders in Verbindung mit der grandiosen Popmusik, die von dieser Band im Großstadtmoloch geschaffen wird und doch nach weitem Westen klingt. Vielleicht haben "The National" erst so spät gezündet, weil ihnen jegliches Popappeal abgeht.

Mit ihren vortrefflichen Alben "Alligator" und "Boxer" legten sie Grundlage für die ansteigende Erfolgskurve, mit ihrem noch etwas komplexerem, wenn auch nicht griffigerem jüngsten Werk "High Violet" fahren sie nun die Ernte ein. Glücklich sehen die Brüder Aaron und Bryce Dessner, die weit mehr als nur die Gitarristen der Band sind, in Dachau aber meistens nur dann aus, wenn die hübsche St. Vincent, die bereits im Vorprogramm überzeugen konnte, am Mikro steht oder sich die Gitarre umhängt. Zu weit weg scheint Matt Berninger, der unberechenbare Faktor im Kreis der Könner, an diesem Abend zu sein, stimmlich bisweilen daneben. Das passt nicht zu den perfekten Songs, die mit Bläser-Verstärkung plattenreif vorgetragen werden.

Dennoch ist auch dieses Freiluft-Konzert in Dachau ein unvergessliches, denn die Emotionen sind greifbar. Selbst aufkeimende Unzufriedenheit wird von diesen Musikern in Noten gepackt, und daraus entsteht ein besonderes Gemisch. "The National" sind eine der wichtigsten Bands unserer Zeit und live ein Erlebnis - immer und immer wieder.

17.07.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 17.07.2010 - 08:35 Uhr
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