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Derb, frech, zynisch

Jacques-Brel-Liederabend in der Tonne

In diesem Punkt waren sich Heiner Kondschak, Bernhard Mohl und Chrysi Taoussanis wohl einig: Eine rein musikalische Würdigung reicht nicht hin – ein Jacques-Brel-Liederabend erfordert eine Performance.

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MoRitz Siebert
Artikelbild: Jacques-Brel-Liederabend in der Tonne

Tatsächlich sind weder der Musiker Mohl noch Allround-Talent Kondschak für diesen Part zuständig, was man vielleicht erwartete. Taoussanis mimt den Sänger und singt beinahe alle Lieder. Überzeugend erfasst die Tonne-Schauspielerin die Derbheit, den Zynismus und die Melancholie des belgischen Chansonniers.

Das Gastspiel „Ich will Gesang, will Spiel und Tanz“ hatte bereits Anfang Oktober am Reutlinger Theater in der Tonne Premiere und Uraufführung. Aber auch noch bei der zweiten Aufführung bestand weitaus mehr Interesse an Karten, als die Spielstätte im Spitalhof Platz bietet.

„Monsieur Kond-Jacques“ und „Monsieur Brel-hard“, wie Taoussanis dem Publikum ihre Band vorstellt, bleiben im Hintergrund. Sie sind für Background-Gesang, Rezitation und Instrumentalbegleitung verantwortlich.

Was Taoussanis an Stimme fehlt, macht sie mit ihrem dramatischen Auftritt wett. Dass sie die Brel-Chansons ausschließlich in den bald nach dessen Tod salonfähig gewordenen deutschsprachigen Nachdichtungen von Werner Schneyder singt, tut der Show auch keinen Abbruch. Im Gegenteil, die Texte sollen verstanden werden, denn es geht nicht nur um die Musik. Zwischen den Liedern zeichnen Taoussanis, Kondschak und Mohl in humoristischen Einlagen und mit Zitaten aus Brels Briefen das Leben des Chansonniers von seiner „grauen Kindheit“ in der belgischen Bourgeoisie bis zu seinem in Misanthropie verfallenen Lebensabend nach: „Rede mit meinem Arsch, mein Kopf ist krank!“ – einer der letzten überlieferten Sätze des großen Barden.

Mit dem musikalischen Programm würdigen sie Brel in all seinen Facetten. Da ist zunächst der Frauenschwarm. „Mit einer seiner Zweitfrauen ist er sogar zehn Jahre lang zusammen“, informiert Taoussanis. Tief greifen die drei Interpreten ins ausladende Repertoire an Liebesliedern: „Madeleine“, „Mathilde“ oder das „Lied der alten Liebenden“. Sie stellen Brel als den Feind der Bourgeoisie und der Bigotterie vor, den politisch Aktiven und Sympathisanten der neuen Linken. Auch Brel in seiner ganzen Derbheit kommt nicht zu kurz, etwa mit der sehr authentisch wirkenden Interpretation von „Amsterdam“.

17.10.2011 - 08:30 Uhr

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