Das erste Deutschland-Konzert des Klang-Chamäleons seit vielen Jahren
Er war schon etliche Jahre nicht mehr da, und nun gab er auch nur ein Deutschland-Konzert: Prince auf der Berliner Waldbühne.
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ULRICH RÜDENAUER
Prince kanns noch immer, wenn er denn will. Foto: Privat
Berlin Es ist nicht so, dass der letzte verbliebene Hochadelige des Pop es langsam angehen ließe: Keine zwei Stücke, und die zigtausend Zuhörer in der Berliner Waldbühne stehen, streben gen Bühne und recken die Arme in die Höhe.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich alte Nazi-Stätten im Sinne der Popmusik umfunktionieren lassen in eine riesige Partyzone, wo die Masse zwar auch gewaltig sich nach einem Willen richtet und macht, was man ihr dort vorn auf der Bühne vortut, aber letztlich doch groovend dem Wahnsinn und der Liebe huldigt, unter deren gutem Stern der ganze Zinnober steht: "Let"s Go Crazy" heißt der Refrain, nach dem hier getanzt wird, und in der Berliner Abenddämmerung stellt sich Prince zunächst als der Rock"n"Roller vor, der er eben auch ist: eine kräftig geschüttelte, stark süchtig machende Melange aus Chuck Berry und Little Richard. Fast, als hätte er geahnt, dass Peter Kraus im Publikum sitzen würde, fast als hätte er dem ehemaligen Teenieschwarm mit dem schmissig hüftschwingenden Beginn eine Freude machen wollen.
Aber wer ist Kraus gegen Prince? Eine Fußnote in der Geschichte des Pop gegen ein Standardwerk: Prince hat an die 1000 Songs geschrieben, daraus lässt sich an so einem Best-Of-Abend mit beiden Händen schöpfen. Knapp 1000 Lieder, etliche davon Klassiker - "1999", "Little Red Corvette" oder "A Love Bizarre" spielt er ebenso wie "Nothing Compares 2 U", "Kiss" oder "Purple Rain", ganz am Ende, als sich am Berliner Nachthimmel tatsächlich ein paar Regenwolken tummeln.
Wie im Übermut leistet es sich Prince, unter die eigenen ein paar fremde Klassiker zu streuen und damit nicht nur auf Traditionslinien zu verweisen, sondern auch seine Ebenbürtigkeit zum Ausdruck zu bringen. "Crimson and Clover" von Tommy James and The Shondells spielt er mit dieser unsagbar lasziven Lässigkeit, "Spanish Castle Magic" von Jimi Hendrix als Hommage an jenen Gitarristen, der ihn wohl am tiefsten beeinflusst haben dürfte. Kein anderer in der Nachfolge von Hendrix hat eine solch erotische Beziehung zu seinem Instrument aufgebaut wie Prince.
Seine Mitmusiker - allen voran die Perkussionistin Sheila E. - sind auf der Höhe des Geschehens, halten eine Spannung und spielen differenziert, wo es notwendig ist, und kraftvoll, wo es in die Beine gehen muss. Natürlich gibt es jene funkig dahinwummernden Passagen, die in den 90ern, als Prince seinen Namen aufgab und der Beliebigkeit in seiner Musik Tür und Tor öffnete, oftmals nervtötend waren, nun aber massiv ins kollektive Rhythmusbewusstsein fahren: Das Publikum fühlt die Korrespondenz von Herzschlag und Beat und muss sich drauf einschwingen.
Fast eine kleine Ewigkeit von zweieinhalb Stunden geht das so. Prince hat den Berlinern bei seinem einzigen Deutschlandkonzert, dem ersten seit acht Jahren, gegeben, was sie wollten: die größten Hits der 80er, 90er und Nuller-Jahre. Und trotzdem klang jedes Stück ganz neu und unverbraucht, weil der Star sich seinem Material nähert wie ein Jazzmusiker: Er improvisiert darüber, denkt es weiter und neu. So machen Sommerabende an WM-freien Tagen Spaß!