In Tübingen nimmt das Interesse am Groß-Event SWR-3-Livenacht ab. Dieses Jahr waren 1500 weniger Nachtschwärmer als 2010 in den Clubs und Bars unterwegs.
Anzeige
mORITZ sIEBERT
Tübingen. Die Enttäuschung bei den Verantwortlichen war zwar deutlich, trotzdem zog Tina Kugler vom Veranstalter werk:b ein positives Resümee: „Der Abend war gelungen. An der Stimmung kann es nicht gelegen haben.“
Weniger gut besuchte Kneipen bei der Tübinger Livenacht
Schon am frühen Abend bildeten sich auf dem Marktplatz, am Lustnauer Tor, am faulen Eck und auf der Neckarbrücke kleine Grüppchen. Man fachsimpelte, welche Acts man nicht verpassen sollte und wie ein Programm mit insgesamt 18 Livebands und DJs in 16 verschiedenen Locations auf den drei Partymeilen zwischen Lustnau, Haagtor und Blauer Brücke logistisch am besten zu bewältigen sei.
Den Abend erst mal ruhig angehen, war ein guter Tipp. Möglichkeiten gab es dafür ausreichend. Cover-Songs boten das deutsch-amerikanische Akustik-Duo Crime & Passion im S’Urige oder auch die Formation Undercover III in der Contra-Eventbar. Wer Selbstgemachtes suchte, war mit Maximilian Mengwasser im Zimmertheater gut beraten. Der Songwriter bat sein Publikum erstmal, man möge ihn doch bitte so euphorisch begrüßen als wäre er Klaus Meine von den Scorpions. Beim zweiten Anlauf klappte das auch und Mengwasser begann sein mit Liebesliedern gespicktes Programm. Die gute Laune der Tübinger Nachtschwärmer steckte den Songwriter schnell an: Der Titel „Während Du schliefst“ musste ausfallen, weil er zu ernst ist – Mengwasser war selbst längst in Partystimmung und schlug seinem Publikum lieber ein Experiment vor: Gemeinsames Songwriting. „Mein Zug fährt zurück nach Wien – deiner nach Berlin“, dichtete er und bat um die nächste Zeile. „Verdammt, ich lass dich ziehen“, schlug eine Zuhörerin vor: Für die Einen eine Herausforderung, für die Anderen eine Aufforderung: Weiterziehen!
Stimmung mit Le Boys
in der Marktschenke
Um 22 Uhr standen sich die Nachtschwärmer in der Marktschenke bereits gegenseitig auf den Füßen. Le Boys sorgten hier mit Songs von Elvis Presley bis Green Day für Stimmung. Von schräg gegenüber drangen schwere Blues-Riffs über den Marktplatz: Im Ranitzky heizte bereits Fast Eddy’s Blue Band ein. Mit tiefer verrauchter Stimme und enormer Leidenschaft mischt Eddy Wilkinson Blues und Soul mit Funkelementen.
Gegen 23 Uhr hatte sich die Altstadt gefüllt. In den teilnehmenden Bars außerhalb der Innenstadt bekam man davon aber nur wenig mit. Im Saints & Scholars verriet eine junge Kellnerin, es sei weniger los als an normalen Samstagen. Für sie bedeutete das weniger Stress, und dazu noch gute Unterhaltung mit Live-Musik. Die Band Neue Heimat bot Rocksongs, Klassiker und Oldies en masse – die Party mochte aber noch nicht so richtig in Gang kommen.
Noch weniger los war zur gleichen Zeit in der Cafe-Bar Glashaus in der Nauklerstraße. Mit Begleitmusik aus der Konserve und einem Übermaß an Hall und Pathos trällerte die charmante Sängerin Lena Nova vor einem knappen Dutzend Gästen Lieder verschiedenster Stilrichtungen. Auch im Club 27 in der Düsseldorfer Straße bot sich vor Mitternacht noch ein ähnliches Bild: Nur vier Tanzende. Nebelmaschine, Stroboskop, Neonlichter und SWR3-DJ Josh Kochhann gaben ihr Bestes – die restlichen fünf Gäste wollten aber einfach noch nicht auf die Tanzfläche. Die Bardamen langweilten sich noch, versicherten aber, es werde schon noch voll.
Im Asmara erkundigte sich DJ Tomix gegen ein Uhr nach dem Wohlbefinden der Tübinger Party-Gesellschaft. Hinfällig – natürlich ging es ihr blendend. Der Gewölbekeller war proppenvoll und der Dancefloor brannte. Ausgelassen tanzten die Meute zu Musik aus den 70ern und zu aktuellen Charthits.
Eine Alternative bot um diese Uhrzeit das Little-Italy mit einer Latino-Party. Die Salsa-Band Chico Diaz Salsaborrr erfüllte die Mühlstraße mit südländischem Flair. Zu feurigen Rhythmen und zauberhaften Melodien ließen die Gäste das Tanzbein schwingen. „Hier ist mehr los als einem gewöhnlichen Samstagabend“, freute sich Besitzer Francesco Cerio über die volle Bar.
Gegen zwei Uhr verlagerte sich die Party in die Locations außerhalb der Innenstadt. Shuttle-Busse sorgten für Erreichbarkeit. Im Blauen Turm legte Das-Ding-DJ Sandy auf, in der Coyote-Bar im Westbahnhof stieg eine Surf-Rock-Party mit den Kosmonauten. Um diese Zeit war aber auch in der Innenstadt die Party noch nicht zu Ende. Im Pfauen sorgte DJ Philow mit HipHop und Funk für gute Stimmung und auch im Ammerschlag brannte noch Licht.
Es hätte bereits eine Beschwerde von einem Nachbarn wegen Lärmbelästigung gegeben, informierte Fritz Blessing das Publikum. Während die Gäste skandierten, sie hätten den Nachbarn gerne gesehen, lächelte der Blues-Sänger nur verschmitzt und stimmte mit seiner Combo die nächste Nummer an: „Baby don’t you know I love you“.