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Weinen mit dem Steuerberater

Autor Peter Licht sang über Saufen und Pressaft

Tübingen. Nicht ohne Weiteres als Programm zu nehmen ist der Titel der neuen CD von Peter Licht: „Ende der Beschwerde“, die er zusammen mit seiner Band am Samstagabend neben einigen älteren Songs und Texten vor rund zweihundert Hörer/innen im großen Saal des Sudhauses vorstellte.

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thomas ziegner
Peter Licht lässt sich nicht fotografieren, ist nicht im Fernsehen zu sehen, nur im Live-Kontakt ... Peter Licht lässt sich nicht fotografieren, ist nicht im Fernsehen zu sehen, nur im Live-Kontakt mit dem Publikum, wie im Sudhaus, zeigt er sein Gesicht.

Nachdem er die 68er auf der CD „Lieder vom Ende des Kaptalismus“ nachsichtig verabschiedet hatte („Danke für alles, ihr dürft jetzt gehen. Aber bitte ruft uns nicht an“), wird mit einigen der neuen Songs an kritische Impulse der Altvorderen angeknüpft.

Virtuos bewegt sich der Autor und Musiker Licht zwischen Pop-Klischees („wie ein fallender Stern“ heißt eine Zeile, Trockeneis- und Synthiewabern inklusive) und Formulierungen, die mühelos der negativen Anthropologie von Günther Anders („Die Antiquiertheit des Menschen“) zu integrieren wären: „Begrabt mein I-Phone an der Biegung des Flusses /und tragt meine Kundenprofile zur Freibank.“

Sparsam unterbrechen elektronische Klangschärfungen vom Keyboard-Computer das eingängige Elektropop-Tralala. „Konsumismus“ ist zwar nicht ganz toll, aber irgendwie auch okay. Komasaufen kommt vor, wird aber mit der schnöden Wendung relativiert: „Denn wer saufen kann, kann auch ausschlafen“. Beides aber, Konsumismus und Komasaufen, immunisiert nicht gegen die Verbiederung der Welt, die blitzartig in Empfehlungen wie „Weint mit dem Steuerberater“ aufscheint. Beiläufig wird der Terminus „Altersvorsorgeaufwendung“ Pop-Song würdig.

Flotte Texte, wie jener, der ihm 2007 den Publikumspreis des Bachmann-Wettbewerbs eintrug („Die Geschichte meiner Einschätzung des dritten Jahrtausends“), streut Licht zwischen den Songs ein. Höchst instruktiv prallen Kiffer- und Leistungssport-Mentalität in der Phantasie über Wett-Entspannen als olympische Disziplin aufeinander. Entlang der Aufgabe, morgens die Meerschweinchen zu füttern, entwickelt Licht eine Parodie auf systemtheoretische Verfahren. Es gelingen ihm Sätze, die die Vereinbarkeit der Diktion von Helge Schneider und Peter Sloterdijk beweisen. Nach der, „die Meerschweinchen sind ja nur die Spitze des Eisbergs“ landet der bald bei einer Reflexion über den gewiss bestehenden „Zusammenhang zwischen Adipositas und Kapitalismus“.

Mit Karl Valentin hat ihn die Bachmann-Wettbewerb-Jurorin Iris Radisch damals verglichen, während dem Juror Karl Corino das „Gaudiburschentum“ des Autors Licht suspekt war, ebenso wie seine konsequente Weigerung, sich fotografieren zu lassen. Licht, ein Pseudonym, weiß, dass er als Produzent und Performer naturgemäß Teil am Kulturbetrieb teilnehmen muss. Aber er bestimmt die Grenzen selbst.

Seine Biographie und sein Konterfei erklärt er souverän für „nebensächlich“. Das Wissen und das mediale Geschwätz über Frisur, Brille, Automarke und Lieblingswein mag er nicht. Es stiftet jene falsche Intimität und Vertrautheit mit „prominenten Prominenten“, die oft genug nur mehr Surrogat ist, unter dem Inhalt und Substanz des Werks verschwinden.

Anklänge an Brassens oder Degenhardt in Zeiten des Elektropop: Im Bemühen, der drohenden Verbiederung und Verblödung zu widersprechen, tauchen im Freizeit-Alltag an einem „hundsgewöhnlichen Safarinachmittag“ surreale Momente auf. „Wir ließen unsere Hirne ruhn“, heißt es da, und nach einer Dosis „Presssaft aus Purpursonnenkraut“ wird das Paar gewahr: „Über uns flog ein Archäopterix / Wir sahn ihm nach und sagten nix“.

Dem Genre des Poetry Slam mögen schnöde Verse des „Trennungslied“ entstammen, wie: „Michi trennt sich von Gitte / Denn er sucht seine Mitte“ und im Refrain wird ein merkwürdiges Happyend ersehnt: „Hauptsache wir sitzen am Ende alle im selben Heim / denn ohne die anderen Getrennten / möchten wir nicht alleine sein“.

07.11.2011 - 08:30 Uhr

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