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Geburt der Hardcore-Spießer und O-Saft-Punks

Seit 1981 gibt es Straight Edge

Wir können auch ohne Alkohol wütend sein. Das sagten sich die Protagonisten der Straight-Edge-Bewegung, die vor 30 Jahren entstand. Fans jener Punk- und Hardcore-Bands lehnten Bier, Drogen, sogar Kaffee ab.

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CLAUDIA REICHERTER
Artikelbild: Seit 1981 gibt es Straight Edge Minor Threat mit Ian MacKaye (links) und Henry Rollins (Mitte) 1980 beim DC Space Unheard Music Festival. Fotos: Susie Josephson/Dischord Records

"Ich bin ein Mensch genau wie du, aber ich hab Besseres zu tun als herumzuhocken und zu kiffen, (. . .) und mir weiße Scheiße die Nase hochzuziehen. - Klare Ansagen. Der Song, zu dem diese Zeilen gehören, ist 46 Sekunden kurz, und die Band, die ihn durch die Boxen jagte, bestand nur drei Jahre. Trotzdem hatte das vor 30 Jahren veröffentlichte Stück von Minor Threat tiefgehende Folgen für den Hardcore-Punkrock. Es löste eine weltweite Bewegung aus, die sich dem Songtitel entsprechend "Straight Edge" - abgekürzt SX oder sXe - nannte.

Artikelbild: Seit 1981 gibt es Straight Edge Die 1981 erschienene Platte der Teen Idles mit dem "X".

"Ich halte immer den Kontakt. Ich will nie eine Krücke brauchen. Ich kenne den geraden Weg." - Der gerade Weg, the Straight Edge, das klingt nach Christentum. Mit Religion hatte SX nicht nur über den Bostoner Roadie Reverend Hank Peirce etwas zu tun, der bei einem Konzert der Circle Jerks zu innerer Ruhe fand. Die von Minor-Threat-Sänger Ian MacKaye wütend herausgebrüllten Zeilen wurden von den Fans mit nahezu religiösem Eifer verfolgt.

Auch wenn der bei vielen wieder nachgelassen hat, wird deren Zahl in Deutschland noch auf eine fünfstellige Zahl geschätzt. "Ich verschwende keinen Gedanken an Speed"; "Ich lache beim Gedanken, Tabletten zu fressen, ich lache beim Gedanken, Klebstoff zu schnüffeln" - so das Credo des Straight-Edge-Evangeliums. Illegale und legale Drogen sowie Medikamente lehnen die Anhänger dieser von Washington DC (Bad Brains) und Kalifornien (Black Flag mit Henry Garfield, dem ehemaligen Teen-Idles-Roadie, der sich später Henry Rollins nannte) über Boston (SS Decontrol) und das restliche Amerika nach Europa schwappenden Untergrund-Bewegung ab.

"Ich rauch nicht, ich trink nicht, ich mach nicht rum", bekannte Ian MacKaye auch als Frontmann von Fugazi noch in "Out of Step". Al Barile von SS Decontrol spricht 1982 davon, dass es bei den Konzerten seiner Band keine Partys gebe, keiner trinke und rauche, "und wenn, dann besser hinter unserem Rücken". Zu den Verboten der O-Saft-Punks gehörten vermehrt auch Zigaretten, der Konsum von Kaffee und exzessiver Sex.

Warum? "Das ist was, das ich einfach nicht brauche" und "Zumindest kann ich verdammt nochmal denken", lauten MacKayes Antworten. Hardcorepunk startete als Gegenbewegung gegen Hippies, Progrock und Reaganregierung. Weil sie sowohl die Glam-Party-Mentalität als auch die destruktive Seite des Punk ablehnten, waren etwa Henry Rollins und Black Flag in der Lage, am Weihnachtstag 1981 schon um 8 Uhr morgens zu proben. Die Musik ging über alles und wurde unvorstellbar schnell, wütend, kompromisslos, ernsthaft, mit umwerfender Energie und frei von jeglicher instrumentalen Virtuosität betrieben.

SX kennzeichnete zudem eine Do-It-Yourself-Mentalität. So gründete MacKaye nicht nur nach Auflösung seiner ersten Band Teen Idles schon als 18-Jähriger seine eigene Plattenfirma Dischord Records, sondern bastelte zusammen mit Brian Baker für Minor Threat auch Plattenhüllen, malte Flyer und Plakate und organisierte Auftritte. Denn die Musikindustrie trivialisiere die Musik, indem sie den Konsum propagiere.

Wie der spätere Popstar Moby von der Hardcore-Band "Vatican Commandos" entschieden sich viele sXe-ler darüber hinaus für vegetarische oder vegane Ernährung und setzten sich für Tierschutz ein. Dazu waren Graffiti, Ladendiebstahl, Vandalismus und alkoholisiertes Autofahren tabu. Straight-Edge-Anhänger wurden so zu den Spießern unter den Hardcorepunks. Später wurden Konzertbesuchern schon mal Bierdosen und Zigaretten aus der Hand geschlagen. In Internet-Foren werden bis heute tolerantere Menschen beschimpft.

Schließlich wurde die Bewegung so radikal, dass sich die ursprünglichen Helden nicht mehr damit identifizieren konnten: Minor Threat lösten sich 1983 auf, Black Flag spielten 1986 ihr letztes Konzert und die Bad Brains wandten sich vermehrt dem Reggae zu. Deren Sänger Paul Hudson sinnierte schon 1983 in "How Low Can A Punk Get?", er sei wohl "lost in a crazy scheme that got strapped up in my dream".

27.12.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 27.12.2011 - 08:45 Uhr

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