Zum Auftakt der Jazz- und Klassiktage gab’s Musik und Mahnungen
Mit „BeSwingtem Einkaufen“, Swingtanz und dem Trompeter Tomasz Stanko starteten die Tübinger Jazz- und Klassiktage. Beherrschendes Thema waren aber die städtischen Sparpläne beim Kulturetat.
Tübingen. „Wenn die Jazzclubs der Stadt gefährdet sind, sind die Jazz- und Klassiktage gefährdet“ – feierliche Eröffnungen klingen anders. Festival-Organisator Sven Gormsen hatte aber etwas klarzustellen am Samstag beim Eröffnungskonzert: 50 Prozent weniger Geld für „Jazz im Prinz Karl“ und den „Jazzclub“, wie die Stadt es vorsieht, seien der falsche Schritt. Eigentlich müsse Tübingen als Tourismusmagnet seine Kulturszene hegen und pflegen: „Das ist ein Pfund, mit dem die Stadt wuchern kann“, sagte Gormsen.
Kaum einer der Gäste im ausverkauften Saal des Landestheaters hatte von den Auseinandersetzungen noch nicht gehört – am allerwenigsten Erster Bürgermeister Michael Lucke: „Ich fühle mich wie in der Höhle des Löwen – aber wo bin ich das derzeit nicht?“, fragte er in seiner Begrüßung. Dabei falle die vorgesehene Kultur-Kürzung moderat aus, verglichen etwa mit denen beim städtischen Personal, wo 60 Stellen wegfallen sollen. Gewiss könne man beim geplanten Jazz-Gespräch mit OB Boris Palmer „über alles reden“. Nun sei er aber gekommen, „um Musik zu hören“.
Die Musik folgte – und wie: Jazz-Trompeter Tomasz Stanko und seine vier Kompagnons boten einen sphärischen Jazz-Sound, der von entrückten Klangwelten bis hin zu Percussion-Schauern und ekstatischen Trompetensoli alles bot (siehe Konzertbericht) – ein Abend mit reichlich Beifall.
Straßenmusik als Test für Funktionskleidung
Los ging es mit dem Festival aber schon morgens: „Beswingt einkaufen“ hieß es wie schon die Jahre zuvor in der Altstadt. Die Sax & Phon company der Tübinger Musikschule zog durch die Gassen. Wo sich die zwölf Musiker versammelten, reckten die Passanten die Köpfe – trotz Nieselregens. „Wir wollten unsere Funktionskleidung ausprobieren“, witzelte eine Bläserin. Front-Saxer Wolfgang Lindenfelser ergänzte: „Das ist sozusagen unser Cold-Up.“ Immerhin: Regenmuffeln entlocke ihre fetzige Musik ein Lächeln.
Linda Kyei sang beim „BeSwingt Einkaufen“ am Samstag mit ihrem „Sunny“ in der Espressobar „Primer Express“ gegen das miese Wetter draußen an. Bild: Faden
Viele Läden boten Jazzprogramm. In der Silberburg sang und basste Dirk Amon mit Matthias Reimold und Philip Flottau. Waiting for Tom nennen sie sich. Mit Jazz, Blues und Ragtime sorgten sie für kuschelige Enge in dem Laden. Bei Rimpo spielte Just like Jazz so, dass mehr Leute zwischen den CD-Auslagen lauschten als in eben diesen stöberten. Chef Klaus Reihle nahm’s gelassen: „So sind auf jeden Fall mehr Leute als sonst da.“ Mit Musik ließ sich das Wetter ertragen. Noch am späteren Nachmittag klang der Evergreen „Sunny“ aus dem Café „Primer Express“. Man kann sich Gute-Laune-Wetter auch herbeijazzen.
Auf dem Holzmarkt versuchte die „Rainbow Dance Factory“ aufs Neue, 300 Tänzer zum Rekord zu animieren. Auf dem Altstadtpflaster wurde eifrig gesteppt und geswingt – doch das Wetter war zu garstig. „Das ist schade“, sagte Organisatorin Hazelle Kurig. „Aber irgendwann bekommen wir es hin, Stepper sind hartnäckig.“ Laut Unterschriftenliste waren es 175 Tänzer beim „Swinging in the Rain“ – 42 mehr als 2009.
„Take five“ mit Funk und ein Eisenbahn-Blues
Für die Jüngeren hatten Wolfgang Lindenfelser und vier Musikschulkollegen am Sonntagmorgen ihren „Jazz für Kinder“ am Start. Auch dieses Mal war der Große Saal des Landestheaters voll belegt. So spielte das Quintett den Jazz-Standard „Take Five“ als Funk oder „Auf der schwäb’schen Eisenbahne“ als bluesige Ballade. Die Kinder erzählten, was sie an Besonderheiten gehört hatten. Auch mancher Erwachsene frischte seine eigenen Jazz-Kenntnisse auf.
Am Abend folgte das Kooperations-Konzert der Württembergischen Philharmonie Reutlingen und der Tübinger Musikschule in der Martinskirche. Eine tolle Kooperation, meint Gormsen: Ein Mix zwischen Nachwuchs und Profis, Tübingen und Reutlingen. Er wünscht sich künftig mehr Mut, Neues auszuprobieren, Programm eigens für das Festival zu kreieren und nicht das vorhandene Repertoire aufzubereiten. Der Club Voltaire mache vor, was an Innovation möglich ist. „Er hat kleine, feine Juwelen ins Programm gestreut“, lobte Gormsen.