Bekenntnis vor der Burse
Wie sich die Stadt mit Kunst im öffentlichen Raum schwer tut
Wie hält es die Stadt mit der Kunst im öffentlichen Raum? Ein Lehrbeispiel ist zur Zeit in der Altstadt zu betrachten – es geht um die Skulptur, die der Tübinger Bildhauer Johannes Kares auf den Bursaplatz stellen will.
Wilhelm Triebold
Nein, das ist noch nicht das Denkmal für Lotte Zimmer, sondern ein Ausstellungsstück des Bekleidungsladens in der Bursagasse, auf genommen vor einem Jahr und vor dem Umbau des Bursaplatzes. Aber man kann erahnen, wo die Skulptur von Johannes Kares ihren Platz finden wird: Ein paar Meter weiter hinten, linkerhand.Archivbild: Metz
Tübingen. Obwohl: Zu betrachten ist das „Denkmal für Lotte Zimmer“ in fußläufiger Nähe zum Hölderlinturm eben noch nicht. Der Künstler hat die Plastik in einer Gießerei bei München in Auftrag gegeben, wo derzeit ein 2,30 Meter hohes dreieckiges Gefäß aus Bronze entsteht. Es erinnert an die junge Frau, die den geistesverwirrten Dichter Friedrich Hölderlin jahrzehntelang im Turm am Neckar betreut und gepflegt hat. Kares: „Sie hat ihm praktisch den Hintern geputzt.“
Warum aber Lotte Zimmer und nicht lieber Hölderlin selber, der in Tübingen als sichtbare Erinnerungsgestalt lediglich mit einem marmor-klassizistischen Denkmal im Alten Botanischen Garten vertreten ist? „Ich finde sie wahnsinnig inspirierend“, blickt Kares auf jene Person, die ihr Leben aufopfernd den Bedürfnissen des hilflosen „Irren“, wie Psychiatriepatienten damals hießen, unterordnete. Das Bekenntnis zu Lotte Zimmers sei auch „ein demokratisches Bekenntnis“, findet der Bildhauer, der Ende der 70er Jahre aus Siebenbürgen nach Deutschland übersiedelte. Und ein „Bekenntnis zur Stadt Tübingen“ dazu.
Er war schon immer fasziniert von Lotte Zimmer: Johannes KaresBild: Metz
Der langjährige Tübinger Kares hat seine Werkstatt immer noch im Französischen Viertel, wenn er inzwischen auch hauptsächlich in Reutlingen wohnt. Die Verbundenheit zur Unistadt ist noch da, obwohl er das Gefühl nicht los wird, der Prophet gelte nicht so recht im eigenen Land beziehungsweise in der Stadt.
Johannes Kares ist ein durchaus anerkannter Bildhauer. In Pforzheim wurden sieben Millionen Euro in die Hand genommen, um mit ihm „das größte Skulpturenprojekt Deutschlands“ umzusetzen, woran er nicht ohne Stolz erinnert. Auch die monumentale stählerne Namenswand mit der seit fünf Jahren am alten Engelbergtunnel der Leonberger KZ-Opfer gedacht wird, stammt von ihm.
Kunst im beleuchteten, frequentierten Raum
In Tübingen hingegen gibt es noch kein sichtbares Wahrzeichen des Künstlers zu begutachten. Überhaupt tut sich die Stadt seit längerem schon schwer, Bildende Kunst im öffentlichen Raum zu etablieren. Seit Suse Müller-Dieffenbachs „Fahrradkönig“ am so genannten „Affenfelsen“ beim Nonnenmarkt oder auch Axel Mantheys Theater-Ensemble mit Königsmaske in der Unterführung zum LTT hat sich da zuletzt nur wenig getan, und gerade diese beiden schon etwas älteren Exempel mussten bereits einige Attacken von rüdem Vandalismus über sich ergehen lassen.
Vor zwei Jahren erinnerte die Stadtverwaltung in einer Antwort auf die Gemeinderats-Anfrage der AL/Grünen noch an zwei weitere Projekte, die wenigstens vorübergehend Kunst in den öffentlichen Raum stellten: Den „Kunstpfad“ (der allerdings mehr vor den Toren der Stadt zu finden war) und die Kooperation „Ein Kunstwerk für die Südstadt“. Ansonsten beklagte die Stadt ebenfalls mutwillige Beschädigungen und Zerstörungen und stellte einige Regeln dagegen auf: So sei „Kunst im öffentlichen Raum grundsätzlich dort zu platzieren, wo die Räume auch bei Nacht ausgeleuchtet und durch Fußgänger frequentiert sind.“
Die eingeforderte Dokumentation über die komplette Kunst im öffentlichen Raum in der Stadt vermochte das Kulturamt damals aber nicht zu leisten. Es sei „sehr personalintensiv, zeitaufwändig und mühsam, eine solche zu erstellen“, hieß es. Immerhin listete der Fachbereich dann sämtliche Tübinger Gedenktafeln auf, die dadurch zu Kunstwerken erklärt wurden.
Ansonsten gab und gibt es wenige Versuche, die eher von Privatpersonen als von der Kommune herrühren. So wurde im vergangenen Jahr ein Anlauf unternommen, als der WUT-Stadtrat, Kunstfreund und Bäckermeister Gottfried Gehr für eine Kares-Skulptur am Rand des Botanischen Gartens warb und dafür einen namhaften Betrag spendieren wollte.
„Ich mache Brote, Sie machen Kunst!“
Künstlerisch dreinreden wollte der Bäckermeister dem Bildhauer dabei nicht: „Ich mach Brote, Sie machen Kunst!“, lautete Gehrs Devise. Das Projekt, an dem sich auch die Tübinger Kulturstiftung beteiligen wollte, entwickelte sich dann in Richtung Lustnauer Tor, wo Kares gern auf der Steigung vor der „Wurstkuchl“ einen „Wasserschrein“ errichten wollte: Halb Häuschen, halb Brunnenanlage.
Das scheiterte damals schon am Veto des Oberbürgermeisters: Boris Palmer wollte diesen Fahrräder-Standort nicht preisgeben. Die Lotte-Zimmer-Skulptur hat dagegen allerbeste Chancen, demnächst aufgestellt zu werden. Dass sie kommt, „steht hundertprozentig fest“, ist sich der Künstler sicher, nachdem das Projekt bereits im Gemeinderat verhandelt wurde.
Inzwischen wurde auch der Standort festgelegt. Der Platz vor der Burse soll es werden, da waren sich die Verhandlungspartner länger schon einig. Bloß wo genau die Skulptur dann zum Stehen kommen soll, darüber stritten beide Seiten. Für Johannes Kares, der das Projekt im Vorfeld mit der damaligen Baubürgermeisterin Ulla Schreiber abgesprochen hatte – die ist halt nun nicht mehr da –, kamen vor allem zwei Stellen auf dem Bursaplatz in Frage. Beide ganz in der Nähe der insgesamt drei Platanen.
Am liebsten hätte es Kares gefunden, wenn das Denkmal im Schlagschatten der vorderen Platane, also näher zum Hölderlinturm und -garten, stehen würde. Aber doch weit genug in die Bursagasse hineinragend, um wahrgenommen zu werden. Die Stadt wiederum vertritt die Ansicht, das Kunstwerk müsse stärker in Richtung Mauer und Baumstamm gerückt werden. „Sie sagt, der Platz ist auch Veranstaltungsraum.“ Doch erst einmal ist der Bursaplatz für ihn ein kommunikativer Ort, der zur Zwiesprache mit dem Denkmal für Lotte Zimmer einlädt.
Jetzt einigte man sich auf einen Standort zwischen dem ersten und zweiten Baum, etwa zweieinhalb Meter von der Mauer entfernt. Für Kares dann doch „akzeptabel, machbar, vertretbar“. Fünf Modelle hatte er entworfen. Gewiss sei es „schwierig, eine Skulptur für eine Person“ zu schaffen, räumt der Bildhauer ein. Ihm schwebt ein „magisches Gefäß“ vor, mit einem Stecken versehen, an dem unauffällig ein Gewand hängt. „Ein Zauberstab“ beziehungsweise eine Antenne, der „Verbindung zwischen Himmel und Erde.“
Die Finanzierung sieht bislang 10 000 von der Tübinger Kulturstiftung und 15 000 Euro aus der Geldbörse von Mäzen Gehr vor. Schon das Gießen der Bronze kostet 15 000 Euro, „mir bleibt dann so gut wie nichts“, präzisiert Kares. Im Herbst soll die Plastik aufgestellt werden. Kares, der Feuerkopf, hadert immer noch ein wenig mit Umständen und Widerständen, auf die sein Projekt stieß. So wurde vorgeschlagen, das Denkmal im Innenhof beim Bürgerheim zu platzieren: „Da gibt es doch keinen Zusammenhang“, ärgert er sich.
In den städtischen Ämtern, grollt er Künstler, sehen manche offenbar „keinen Unterschied zwischen einem Kunstwerk, einem Müllkorb und einer Sitzbank!“