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Klirren ums Haus

Werner Spies las aus noch unveröffentlichten Memoiren

Zum Fälscherskandal um Wolfgang Beltracchi sagte er nichts. Er wollte auch nur eine kleine Auswahl aus seinen noch unveröffentlichten Memoiren lesen. Allerdings aus einem momentan achthundert Seiten umfassenden Skript. Daher werde es wohl etwas länger dauern als eine gewöhnliche Lesung, kündete Werner Spies in der Kunsthalle an.

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Peter Ertle
Werner Spies, 74-jähriger Grandseigneur der Kunst, las – auch etliche ehemalige Mitschüler ... Werner Spies, 74-jähriger Grandseigneur der Kunst, las – auch etliche ehemalige Mitschüler waren gekommen.Bild: Metz

Tübingen. Alles andere hätte einen auch gewundert. Denn Werner Spies ist kein Mann fürs Gewöhnliche. Als er, als Deutscher, zum Direktor des Centre Pompidou gekürt wurde, sei das unglaublicher gewesen als die Wahl Benedikts zum Papst sagte der geschäftsführende Kurator Daniel Schreiber in seiner Einführung, und Götz Adriani nannte ihn einen Freund und langen Weggefährten. Mutig habe er das gefunden, als der liebe Werner damals, mit Anfang zwanzig nach Paris aufgebrochen sei. Wie man weiß, lernte er dort um viele Jahre ältere Künstlergößen wie Samuel Beckett, Nathalie Sarraute oder den Kunstsammler Daniel-Henry Kahnweiler kennen, wurde Kunstkenner, Kulturschriftsteller, Feuilletonist, Autor maßgeblicher Werke über Max Ernst und Picasso, Ausstellungsmacher – seine vielfältigen Funktionen, Verdienste und Auszeichnungen können hier nicht alle aufgezählt werden, kurz: Ein berühmter Sohn seiner Geburtsstadt Tübingen und der Stadt seiner Kindheit und Jugend, Rottenburg. Für die Tübinger Kunsthalle organisierte Wener Spies die große Max-Ernst-Ausstellung, eine Picasso- und eine Warhol-Schau. Zuletzt war er allerdings in die Schlagzeilen geraten, weil er der Fälscherclique um Wolfgang Beltracchi Echtheitszertifikate für tatsächlich gefälschte, angebliche Max-Ernst-Gemälde ausgestellt hatte.

Werner Spies fing ganz vorne an, in der Kindheit in Rottenburg, dort war er untertags noch spazieren und wehmütig geworden, weil es die Häuser und Plätze seiner Jugend so nicht mehr gibt – dafür hat er sie ja nun aufgeschrieben. Schon nach den ersten Zeilen wurde klar, dass diese Memoiren das Genre der Autobiographie zum Roman- und Gleichnishaften hin übersteigen. Auch hier beginnt es mit einer Vertreibung aus dem Paradies, hebt es doch an mit frühen Natureindrücken im Garten vor dem Haus, in dem eines Tages ein aus der Haftanstalt ausgebrochener und sich dorthin flüchtender Häftling von der Polizei erschossen wird.

Die nächsten beiden Motive bilden – zeitlich ein Sprung nach vorn – der Tod des Vaters und – in der Zeitenfolge wieder etwas zurück – der Tod der Mutter, bei dessen Schilderung Spies die Stimme bebt. Auf diesen Auftakt von Natur und Tod folgt das Auftauchen der bösen Stiefmutter, Vaters neuer Frau, und ihre drakonischen Erziehungsmethoden. Der jugendliche Werner Spies liest Schuld und Sühne, will Märtyrer werden und hat es mit bigiotten und begehrlichen Mönchen zu tun. Hundert Zuhörer lauschten im unteren Raum, der derzeit ja mit sämtlichen Plakaten der Kunsthallenausstellungsgeschichte „tapeziert“ ist. In dieses Ambiente passte der gewaltige Sprung zur ersten Begegnung mit Pablo Picasso gut. Dass Picasso sonst nie jemanden einlässt, dass es ein Sonne-glänzender Tag ist mit Panoramablick übers Meer und der Wind alles um Picassos Haus herum zum Klirren und Klappern bringt, dass Picasso ihn zuerst gar nicht wahrnimmt, so vertieft ist er in seine Arbeit – all das liest sich wie von einem Romanautor erfunden, um die Bedeutung der Begegnung auch angemessen zu unterstreichen.

Wunderbare Anekdoten über einen Hausbrand bei Max Ernst und Picassos umtriebige Witwe Jacqeline folgen. Aber die Lesung ist einfach zu lang, die Stimme von Werner Spies versagt immer öfters, so sehr, dass sie nach der Lesung geschont werden muss. Nichts mehr zu Beltracchi. Von den Zuhörern hat ihn aber auch niemand gefragt. Warten wir also auf die Autobiopgraphie. Bis die erscheint, kann es noch etwas dauern.

29.11.2011 - 08:30 Uhr

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