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Der göttliche Komeedenstadl

Wenn dich der arme Teufel holt: Ein schwäbischer „Brandner Kaspar“ als springlebendiges Volkstheater

Immer diese Außendienstmitarbeiter! Zu nichts zu gebrauchen. Ihre Aufgaben verrichten sie liederlich und unvollkommen. In der Lindenhof-Theaterscheuer schleicht hinterrücks so ein fehlgeleiteter Angestellter im abgerissenen Bestatter-Outfit durch die Zuschauerbänke heran, und schnell wird klar, dass hier ein ganz armer Teufel seinem Beruf nachgeht. Er wird ihn die nächsten zweieinhalb Stunden fordern, überfordern, überwältigen.

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Wilhelm Triebold

Melchingen. Der Boanlkramer, wie Freund Hein hier auf gut Bayerisch heißt, soll den angegrauten Jagdhelfer Brandner Kaspar abholen und ihn über die ewigen Jagdgründe hinaus immerhin direkt nach ganz oben ins Paradies befördern. Was nicht so einfach ist. So will es das wohl bekannteste bajuwarische Volkstheater-Kleinod, das viel über die Seele des katholisch gefestigten süddeutschen Menschenschlags verrät: Gehn möchtn’s scho, aber dobleibn wär aa ned übel.

Anstelle vom Weltgeist weht hier der Kirschgeist, um geschluckt zu werden: Brandner Kaspar (Stefan ... Anstelle vom Weltgeist weht hier der Kirschgeist, um geschluckt zu werden: Brandner Kaspar (Stefan Hallmayer, rechts) hat mit dem Boanlkramer (Oliver Moumouris) Gevatter Tod zu Gast, der irdischen Gelüschten nicht abgeneigt scheint.Bild: Lindenhof

Der Brandner Kaspar ist so einer. Er meint, es sei noch zu früh, um endgültig abzutreten, und sowieso die falsche Jahreszeit dafür. Deshalb übertölpelt und übertrumpft er diesen armen Teufels-Kerl, der sich zum Kirschgeist-Kippen und zum Zocken einnistet.

Ein bodenständiges Spiel vom Nichtsterbem des bauernschlauen Mannes, ein geerdetes, verdrehtes Jedermännle. In Bayern, wie gesagt, ist der „Brandner Kaspar“ sehr beliebt. Hier nun die schwäbische Version, mit bewährtem bayerischen Regie-Import (dem Schwäbisch Haller Festspielintendanten Christoph Biermeier) und ebenso erfahrenem Melchinger Schwankpersonal. Das hat mit der „Arche Konrad“ einen ähnlich metaphyischen Brüller im Programm, da ist der eingeschwäbelte „Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben“ nur konsequent.

Biermeier inszeniert das Stück als einen aufgeräumten göttlichen Komeedenstadl, von dessen Rändern und Kanten es sich gut in menschliche Abgründe blicken lässt. Der Abend, der gut sieben Wochen nach der Balinger Uraufführung nun Melchinger Premiere feierte, hat Höhen und Tiefen, ist gerne komisch, mitunter klamaukig, manchmal gar anrührend.

Denn der Brandner Kaspar ist auch eine tragische Gestalt. Die Lebenslust weicht nach und nach der Melancholie, der Schicksalsergebenheit, dem Überdruss. Den Tod hat er zwar reingelegt. Doch wofür lohnt es sich, nun ewig (oder wenigstens ein bisschen länger) zu leben? Stefan Hallmaier spielt diesen Anteil des in die Jahre gekommenen Taktierers und Teufelspaktierers Kaspar mit verzweifelter Bitternis, nimmt ihn da ernst genug.

Hinter der Hütte lockt das Paradies

Sein Gegenspieler Boanlkramer (oder Knochenkarle in der schwäbischen Übertragung) unterliegt aber nur vordergründig. In Melchingen ist er mit Oliver Moumouris sensationell gut besetzt: Ein halbgarer Teufelsbraten; das Mienenspiel eines herzleidenden Kapuzineräffchen verbirgt nur notdürftig, wie gerne er selbst einer von denen wäre, die er holen muss.

Ein Außenseiter, hüben wie drüben, oben wie unten, und Moumoris spielt diese verlorene Randexistenz als ein zartes, fast zärtliches armes Teufelchen und wie eine Nestroyfigur. Dazu ein bisschen Michael Mittermeier und Urmel aus dem Eis – man möchte ihn knuddeln oder beschützen. Bis auf ein paar Stellen, in denen Moumouris diesem Teufelchen (und dem Äffchen) dann doch zu sehr Zucker gibt, eine runde Sache.

Boanlkramer und Brandner Kaspar sprechen vor einer putzigen Jagdgeschirrhütte dem Kirschwasser zu, und flugs lässt sich die Bühne (von Claudia Rüll Calame-Rosset) wie ein Wetterhäuschen ins rückwärtige Paradies verwandeln.

Wobei: So wie es ein Vorhölle geben soll, gibt es eben auch ein Vorparadies. In Melchingen ist dies eine possierliche Himmelsbehörde, eine der Seligkeit amphitryonesk vorgeschaltete Amtsstube, in der die Anträge und Akten all jener armer Sünderlein verwaltet werden, die sich Einlass und Ablass erbitten. Petrus, der himmlische Pförtner und Leitzordnungshüter, führt hier mit einer kreglen Truppe akribisch Buch, aber kein besonders strenges Regiment. Gerd Plankenhorn gibt ihn als barock-jovial orgelnden Gemütsmenschen mit Zügen eines Landtagspräsidenten und allerlei Brusttönen der Überzeugung oder auch Übertreibung.

Ihm zur Seite ein Rauschgolderzengel (Alexis Schvarzman, zuvor im irdischen Leben ein tüchtiger Tagelöhner) und zwei himmelskommunardisch fidele, engelsgleich ausstaffierte Helfershelfer (als seliger Berthold: Linda Schlepps, als noch seligerer Achamer: Berthold Biesinger). Sie ziehen wahrlich alle Sündenregister. Biesinger poltert sich zudem eindrucksvoll als bürgermeisterlicher Geizschreihals durchs Stück, Linda Schlepps hat’s als Bäuerin Theres im Kreuz und streckt das Kruzifix wie ein Lorgnon vor sich her. Und Neuzugang Constanze Klemenz liefert eine patente Brandner-Enkelin ab.

Insgesamt also eine veritable „Komeede“ und eine ganze Reihe fröhlicher (Witz-)Figuren rund ums naturtrübe Melancholiker-Duo. Dass sie allesamt, älleweil mehr schwäbisch schwätzen und lieber Lellebebbl, dei Gosch oder Grasdaggl sagen statt eines entsprechenden bayerischen Idioms, zählt bald schon nicht mehr. Klaus Herzfeld hat dazu eine balkanisch vertrackt vertaktete Musik mit ein paar Liedern und Couplets geschrieben, die Klaus Rother mit den Schauspielern einstudiert und exekutiert hat. Hier hört man tatsächlich den Tod nahen, so traktiert er, wahrlich kein Teufelsgeiger, seine Saiten.

Für den Brandner Kaspar hingegen steht fest, wenn er am Ende die Posaune ansetzt: Sie bläst noch nicht zum jüngsten Gericht.

Info: Die ursprüngliche Melchinger Premiere musste verschoben werden. Weitere Vorstellungen sind am heutigen Freitag, am morgigen Samstag sowie am 14. und am 15. Februar. Im Juli und August wird „Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben“ dann ein Dutzend Mal auf den Freilichtspielen im Haller Globe Theater gespielt.

25.01.2013 - 08:30 Uhr

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