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Vier Zeilen Kafka

Vorschau auf Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg

Im Januar immer wieder ein Muss für Bibliophile: Die weitgehend zeitgleichen Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg. Beide mit Tübinger Beteiligung.

 
Georges Truberts Stundenbuch für den Gebrauch von Troyes – bei Tenschert in Stuttgart für 480 ... Georges Truberts Stundenbuch für den Gebrauch von Troyes – bei Tenschert in Stuttgart für 480 000 Euro.

Ludwigsburg/Stuttgart. In der ehemaligen Residenzstadt versammeln sich zur 24. Antiquaria in der Ludwigsburger Musikhalle (gegenüber dem Bahnhof) vom 28. Januar bis 30. Januar insgesamt 52 Aussteller, davon 45 aus Deutschland. Aus Tübingen ist das Antiquariat Bader aus der Wilhelmstraße dabei, das diesmal unter anderem zwei zusammengebundene Reisebeschreibungen von 1666 und 1664 anbietet: Während die Abenteuerfahrt des päpstlichen Soldaten Matthias Pfuel die Korsarenkriege und einen Vesuvausbruch dokumentieren (unter anderem auf fünf großen Kupfertafeln), nahm der Augsburger Arzt Hieronymus Welsch an unterschiedlichen Feldzügen teil. Das Doppel-Reisebuch soll 4000 Euro bringen.

Der früheste jemals in den Handel gelangte Brief Martin Luthers aus dem Jahr 1518 kostet 280 000 ... Der früheste jemals in den Handel gelangte Brief Martin Luthers aus dem Jahr 1518 kostet 280 000 Euro.

Wertvolle alte Bücher aus Tübingen selbst findet man in Ludwigsburg eher am Stand des Antiquariats Kretzer (Bibliotheca Theologica), das sich auf protestantische Theologie, Theologiegeschichte, Reformation und Pietismus spezialisiert hat und neben Johann Albrecht Bengels Hauptwerk „Gnomon Novi Testamenti“ (1742 in Tübingen bei Schramm erschienen) auch Christoph Matthäus Pfaffs „Acta et scripta publica ecclesiae Wirttembergicae“ (1720 in Tübingen bei Johann Georg Cotta erschienen) im Angebot hat. Außerdem noch die Tübinger Ausgabe der bedeutendsten orthodoxen Dogmatik, Johann Gerhards 22-bändige „Loci Theologici“, die Johann Friedrich Cotta (der Professor und Kanzler, nicht der Verleger) ebenfalls bei Johann Georg Cotta herausbrachte. Dieses Schmuckstück soll 2900 Euro einbringen.

Der reisende Zahnzieher Sallot, genannt Eisenhelm, den André Gill 1867 lithographierte, wurde ... Der reisende Zahnzieher Sallot, genannt Eisenhelm, den André Gill 1867 lithographierte, wurde wegen Mordes angeklagt, aber freigesprochen (bei Goyert in Stuttgart für 240 Euro).

Gemessen an Stuttgart ist Ludwigsburg aber doch immer der kleinere Bruder geblieben. Dort startet die 49. Stuttgarter Antiquariatsmesse, im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz, zwar erst einen Tag später, also am 29. Januar, endet dafür aber auch erst am 31. Januar. Insgesamt 80 Antiquare, Autographen- und Graphikhändler kommen hier diesmal zusammen; im Unterschied zu Ludwigsburg nicht nur aus dem europäischen Ausland, sondern auch aus Übersee.

Von Carl Einstein und George Grosz herausgegeben: Die politisch-satirische Wochenschrift „Der ... Von Carl Einstein und George Grosz herausgegeben: Die politisch-satirische Wochenschrift „Der blutige Ernst“, in Ludwigsburg für 3800 Euro.

Aus Tübingen sind nur zwei Antiquare dabei. Norbert Banzhaf, der sein Geschäft vor einiger Zeit ins Französische Viertel verlagert hat, weist im Messekatalog der begehrten Objekte vor allem eine „sehr seltene einzige Ausgabe“ von Hans Wilhelm Schoeffer von Dietz‘ Fechtkunst-Beschreibung aus, mit 670 (!) Kupferstichen versehen und nur mit vier weiteren Exemplaren nachgewiesen. Das Werk kostet bei ihm 12 000 Euro.

Das Antiquariat Heckenhauer vom Tübinger Holzmarkt hat diesmal neben einem späten Farbholzschnitt von Erich Heckel („Ziegelei“, 7800 Euro) eine interessante Holzschnittmappe von Conrad Felixmüller (11 800 Euro) in der Katalog-Auslage. Von Felixmüller gibt es übrigens auch ein Kinder-ABC, dass der Künstler zusammen mit seiner Frau Londa für die Familie des Malerkollegen O.K. Döbrich verfertigte und eigenhändig kolorierte. Das rare Exemplar ist am Stand von Abeceda, München, auf 13 500 veranschlagt.

Stuttgart bietet zwangläufig mehr Kostbares, aber auch Kurioses. Die mithin wertvollsten Stücke sind bei Tenschert zu finden: Zwei prachtvoll illustrierte Stundenbücher aus dem späten 15. Jahrhundert, die 480 000 beziehungsweise 300 000 Euro bringen sollen. Knapp darunter liegt mit 280 000 Euro ein „als Testament formuliertes Bekenntnis“, das der Reformator Martin Luther als Signal der Standhaftigkeit seinen Wittenberger Freunden um Melanchthon sandte, am Tag bevor er sich 1518 in Augsburg den Ketzervorwürfen stellen musste. Das Wiener Antiquariat Inlibris und Autographenspezialist Kotte präsentieren die Preziose gemeinsam.

Die von Albert Einstein so gepriesene größte intellektuelle Leistung der Geistesgeschichte, nämlich Isaac Newtons „Philosophiae naturalis principia mathematica“, ist bei Schumann für 250 000 Euro zu haben. (Etwas günstiger, nämlich für 6900 Euro, gibt‘s in Ludwigsburg bei Lorych einen eigenhändigen Brief, in dem der in Scheidung lebende Einstein mit seiner Frau um das väterliche Besuchsrecht ringt.) Das Renninger Fons Blavus Antiquariat hat nicht nur Johann Valentin Andreaes Augenzeugenbericht von der Zerstörung der Stadt Calw im dreißigjährigen Krieg zu bieten, 1793 in Tübingen auf deutsch erschienen bei Heerbrandt (1200 Euro), sondern auch Joachim Camerarius‘ Ausgabe der Aesopschen Fabeln, in dem Tübinger Druck von Gruppenbach bislang unbekannt (1600 Euro).

Des weiteren in Stuttgart: Ein „sprechendes Bilderbuch“ (um 1910, für 1800 Euro) und ein ganz wundersamer Guckkasten um 1800 (88 000 Euro). Der „einzige deutsche Brief, den Frederic Chopin jemals schrieb“, stammt bis auf die Unterschrift wohl gar nicht von Chopin, sondern womöglich von Felix Mendelssohn Bartholdy (auch nicht schlecht). Das behauptet jedenfalls das niederländische Antiquariaat Forum und will 7700 Euro dafür. Und wer für vier Zeilen von Franz Kafka, auf einer Postkarte an Max Brod, 14 500 Euro ausgeben möchte, immerhin 3625 Euro pro Zeile – bitte sehr: Bei Kiefer am Stand 53. wit

09.01.2010 - 08:30 Uhr
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