Vor 20 Jahren starb der Tübinger Künstler Ugge Bärtle
Heute vor 20 Jahren ist der Bildhauer und Lithograph Ugge Bärtle gestorben. Ein schönes Buch erinnert an ihn.
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Wilhelm Triebold
Der Tübinger Bildhauer Ugge Bärtle, wie ein Hausbewohner, der verstorbene Fotograf Wolf-Dieter Nill, ihn sah.
Tübingen. Noch zu seinen Lebzeiten wurden die Weichen für das Privatmuseum gestellt, in denen nun ein Gutteil seines Gesamtwerks zu sehen ist. Man wird sich allerdings beizeiten Gedanken machen müssen über dieses Kleinod mit dem verwunschenen Skulpturengarten, in dem der Alte vom Föhrberg – im Atelier des elterlichen Hauses in der Herrenbergerstraße 12 – immerhin 41 Jahre gewirkt hat. Wenn die Stadt Tübingen über ein Hesse-Museum nachdenkt, das die vier Lehrjahre des späteren Nobelpreisträgers konservieren soll, darf auch die Frage erlaubt sein, wie es um das Erbe des bedeutendsten Bildenden Künstlers, den Tübingen vorzuweisen hat, künftig bestellt sein wird.
Aber noch ist es nicht so weit. Ugge Bärtles Tochter Eva Scharlowski kümmert sich um den künstlerischen Nachlass, und dass er zugänglich bleibt. Mit vereinten Kräften, denn auch die Kunsthistorikerin Barbara Lipps-Kant steht ihr als kundige Ugge-Bärtle-Kennerin zur Seite. Lipps-Kant hat nun auch einen Beitrag zu Katharina Scharlowskis Buch „Ich mach mich jetzt ans Werk“ beigesteuert, in dem sie sich mit Ugge Bärtles künstlerischer Sprache beschäftigt.
Katharina Scharlowski ist die Enkelin Ugge Bärtles. Die Sprach- und Literaturwissenschaftlerin, die heute freischaffend als Dichterin in Freiburg lebt, hat in der Vergangenheit manches Gedicht ihrem Großvater zugeeignet und bereits im Ugge-Bärtle-Haus vorgetragen. Die jetzt vorliegenden Erinnerungen an den Bildhauer sind eine liebevolle Hommage, die vielleicht eine Spur zu pathetisch am Anfang die Bilder der Kindheitstage im Monat September aufscheinen lässt: „Es sind dies die Landschaften meiner Kindheit“, heißt es da, „es sind dies die Gemälde meiner Ahnen.“
Doch dann sind es Momentaufnahmen, Beobachtungen, Eindrücke, mit denen Katharina Scharlowski bleibende Erinnerung evoziert. Indem sie etwa beschreibt, wie Ugge Bärtle seinen Tag begann. „Morgens aßen wir Käse und Roggenbrot,“, hält sie mit wachen Kinderaugen fest, „dessen Laib er gegen die Brust haltend schnitt. Tee tranken wir und brachen gegen 10 Uhr auf in den Ateliergarten.“
Katharina Scharlowski sucht Empathie, Einfühlung. „Es roch nach Terpentin und Druckerfarbe, feuchtem Ton und nassen Lappen, Kreide und Staub.“ Der Blick folgt neugierig und forschend der Hauptperson: „Opa trug seinen grauen Hut und seine Cordjacke.“ Das Morgenritual sieht vor, dass er irgendwann auf dem Sofa Platz nimmt, „vor dem ein mit unzähligen Papierfetzen voller Zeichnungen und Blättern belegter Tisch stand, und zog aus seinen verbeulten Hosen einen Tabakbeutel, aus der Jackentasche die Pfeife und stopfte sie. Er steckte sie an und zog einige Male an der bald brennenden Pfeife. Er überdachte das zu beginnende Tagwerk.“
Das ist ebenso schlicht wie naheliegend beziehungsweise näherbringend. Katharina Scharlowskis Beschreibungen erwecken zu neuem Leben, lassen Bilder entstehen vom betagten Bildhauer. „Danach ging er wieder in den Garten, an den Stein, den er gerade bearbeitete, und so war den Tag über sein Hämmern zu hören, das nur noch unterbrochen wurde, wenn er einem zwitschernden Vogel lauschte oder als meine Großmutter ihn mittags aus dem Küchenfenster unterm Dach des blaugrauen Hauses zum Essen rief.“
Zahlreiche Abbildungen schmücken dieses Erinnerungsbändchen, das im Tübinger Attempto Verlag erschienen ist.
Info: Katharina Scharlowski, „Jetzt mach ich mich ans Werk“. Attempto Verlag , 80 Seiten, 29,90 Euro