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Auf dass mein Haus voll werde

Tübinger Weihnachtsoratoriums-Zyklus

2006 wurde Bachs Weihnachtsoratorium an der Stiftskirche erstmals in der historisch authentischen Form von sechs Kantatengottesdiensten aufgeführt. Zum nunmehr dritten Zyklus, den Kantaten I und II an den beiden Christfesttagen kamen jeweils rund 1300 Gottesdienstbesucher.

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Achim Stricker

Tübingen. Wer zu knapp erst mit dem Glockenläuten eintraf, musste stehen. Auch in den Seitenschiffen und auf den Emporen blieb am Dienstag wie am Mittwoch kein einziger Platz frei. Die Tübinger Kantatengottesdienste genießen einen überregionalen Ruf, der allererste Weihnachtsoratoriums-Zyklus ist mittlerweile legendär. Niemand hatte damals mit einem Andrang von über 1400 Menschen gerechnet. Der Jugendchor der Stiftskirche war seinerzeit mit dabei. Nun, sechs Jahre später, hat Chorleiter Ingo Bredenbach zum diesjährigen Auftritt auch alle Ehemaligen eingeladen. So kam der erweiterte Jugendchor diesmal auf 45 Stimmen. An den Anfang des Zyklus stellte Bredenbach ein fast programmatisches Experiment. Der Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“ wurde zweimal musiziert: zu Beginn des Kantatengottesdienstes dezidiert langsam, abschließend beschleunigt schnell. Bach selbst schreibt nichts vor, im Barock leitete der routinierte Interpret das Tempo aus dem Gestus der Musik ab. Bredenbach erprobte die Bandbreite des Möglichen. Und tatsächlich zeigte der Chorsatz im ungewohnt gemächlichen, historisch aber gar nicht so unwahrscheinlichen Tempo plötzlich unvermutete Seiten. Bei den heute üblichen schnellen Tempi wirkt der Chor meist wie ein bloßer Vorspann, hier nahm er sich gebührend Raum. Ein majestätischer Schreittanz mit zeremoniell sich entrollenden Trompetenfanfaren.

Hier oben, wo Ingo Bredenbach dirigiert, sieht das noch relativ überschaubar aus. Tatsächlich ... Hier oben, wo Ingo Bredenbach dirigiert, sieht das noch relativ überschaubar aus. Tatsächlich strömten an den beiden Weihnachtsfeiertagen insgesamt 2600 Zuhörer in die Stiftskirche. Bild: Franke

Tenor Andreas Weller war auch bei den beiden vorherigen WO-Zyklen dabei, er verkörpert die Evangelisten-Partie geradezu. Wieder sang er auswendig, mit flammendem Verkündigungsgeist. Das Rezitativ „Nun wird mein liebster Bräutigam“ und die Alt-Arie „Bereite dich, Zion“ führte der Jugendchor in seiner an Bachs Thomanern orientierten Musizierpraxis wieder chorisch aus. Die Bass-Arie „Großer Herr“ sang dann allerdings doch Bariton Thomas Scharr, mit warmem Volumen und Ehrfurcht gebietenden Koloraturen.

Der Neutestamentler Hans-Joachim Eckstein gab seiner Predigt eine eindringlich politische Ausrichtung, mit kritischen Verweisen auf die Volkszählung oder die Leipziger Montagsdemonstrationen. An Weihnachten gehe es nicht um eine „oberflächliche Freude der Erfolgreichen und Sieghaften“, sondern um das „Ernstnehmen der eigenen Wirklichkeit“, einschließlich Verlusten und Nöten, Sorge und Tod. Sinnbildlich für den „Sieg der Unterdrückten“ stehe das Magnificat, der Lobgesang der Maria. Der transzendent obdachlos gewordene Mensch heute lebe in einer „Welt der Reduktion auf die eigenen Möglichkeiten und den eigenen Horizont“. Doch „das Wichtigste in unserem Leben können wir uns nicht selbst geben, das kann uns nur zugesprochen werden: dass jemand dafür einsteht, dass es gut ausgeht mit uns.“

Bei jedem Kantatengottesdienst wird Bachs Musik individuell in die Liturgie eingebunden. Am Zweiten Christtag schloss die Gemeinde häufig mit weiteren Strophen an die Choräle des Weihnachtsoratoriums an, so dass Kantate und Gottesdienst noch enger ineinander übergingen.

Auch hier musizierte die Tübinger Camerata viva (Konzertmeisterin: Magdalene Kautter) und empfing die Gottesdienstbesucher gleich mit einer überirdisch schönen Hirten-Sinfonia. Dirigentin Ann-Katrin Zimmermann hatte dafür ein ideales Tempo gefunden: schwerelos entrückt, zart wiegend und dabei sacht anschwellend. Insgesamt hatten die Tempi hier viel innere Ruhe und religiöses Gefühl. Hörbar war diese Haltung auch am gestalterischen Zugriff von Zimmermanns Kammerchor Ensemble subito. Tief empfunden Anneka Ulmers Alt-Arie „Schlafe, mein Liebster“, hymnisch inspiriert Andreas Wellers Tenor-Arie „Frohe Hirten“.

Stiftskirchen-Pfarrer Karl-Theodor Kleinknecht überließ Bach das erste Wort und machte in seiner Predigt auf Details der Kantate aufmerksam: die musikalische Annäherung von Himmel und Erde in der Sinfonia, die schnörkellos unverzierte Botschaft des Verkündigungsengels (Christine Reber, Sopran). Heiterkeit löste Kleinknecht mit Bachs Recycling-Verfahren aus: In der frühen weltlichen Herkules-Kantate war „Schlafe, mein Liebster“ einmal die Arie der Wollust. Bach hat nur wenige Wörter ausgetauscht und aus dem Aufruf zur Enthemmung wurde ein Wiegenlied fürs Jesuskind. Kleinknecht verwies aber auch darauf, dass sich im Wiegenlied bereits Ostern ankündigt: Schlaf und Erwachen, dort zum ewigen Leben.

Info: Die dritte Weihnachtsoratoriums-Kantate erklingt am Sonntag um 11 Uhr. Es musiziert die Kantorei der Stiftskirche unter Ingo Bredenbach. Hochschulpfarrer Michael Seibt hält Liturgie und Predigt.

26.12.2012 - 20:00 Uhr | geändert: 26.12.2012 - 20:23 Uhr

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