Tübinger Galerien blicken auf Glückszwänge und rätselvolle Schrift-Bilder
Tübingen. Schon die Farbe des Plüsch-Häschens irritiert: Es ist neongrün.
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DOROTHEE HERMANN
Vom Fischtoast über die Bananenrolle bis zur Kohlduschhaube: Birgit Dehns skurrile Bildwelten in der Künstlerbund-Galerie. Bild: Metz
Noch mehr befremdet, dass es auf einer dieser schwarzen Supermarkt-Pappschalen drapiert ist, als sollte es demnächst gebraten und verzehrt werden. Die Bilder von Birgit Dehn besitzen eine fast haptische Gegenständlichkeit. Tritt man näher heran, sieht man, dass noch die durchsichtige Plastikfolie, die sich über dem Häschen spannt, gemalt ist wie das helle Gitter, auf dem das ganze Arrangement lagert (im Kühlschrank?).
Nach der neuesten Forbes-Liste ist der Inder Anil Ambani sogar nur noch auf dem 36. Rang mit schlappen 13,7 Milliarden Dollar: Hol‘s der Teufel!
Mit entschlossenem, ja wütendem Blick scheint das seltsame Kuscheltier gegen die Begrenzung seiner Situation anzurennen. „Glücks-Diktate“ heißt denn auch Dehns aktuelle Ausstellung im Künstlerbund. Mit fotorealistisch inszenierten (Spielzeug-)Tieren – es können auch Gemüse oder Christbaumkugeln sein –, macht die Künstlerin, Jahrgang 1967, die Absurdität gewisser Alltagssituationen und eher erstickender Beziehungskonstellationen drastischer sichtbar, als wenn es sich um Menschen handelte.
Das Häschen ist das Mittelstück einer Dreier-Serie „Wa(h)re Liebe“. Es hat zwei Leidensgenossen, ein Bärchen linkerhand und ein Entenküken rechts. Ein Triptychon der Verstümmelung, durch Käuflichkeit, Verfügbarkeit oder Zärtlichkeit? Ins Vergnügen am abgründigen Humor der Künstlerin mischt sich ein leises Erschrecken.
Das Schaf mit dem nassen Fell („. . . und die Frisur hält“) aus der fünfteiligen Serie „Tierporträts“ ist noch schlechter dran als der Hund im donnernden Wurst-Regen oder die gut genährte Katze mit dem auffallend gepflegten Fell. Sie posiert vor einer rosa Tapete mit dicken weißen Schaumzucker-Mäusen, die in symmetrischen Mustern angeordnet sind. Der Titel lautet „Sara Lee“ oder „Des Guten zuviel“. Die Harmlosigkeit mancher Farben – Himmelblau, Rosa – scheint die Künstlerin geradezu genüsslich einzusetzen.
Info
Bis 10. April, Metzgergasse 3, mittwochs bis freitags 15 bis 18 Uhr, samstags 11 bis 14 Uhr.
Einem Text sein Geheimnis und seine Kostbarkeit zurückzugeben – diese Aufgabe stellt sich der Pariser Künstler Didier Mutel angesichts der schier unbegrenzten elektronischen Vervielfältigung von Druckerzeugnissen. Wenn der 38-Jährige einen literarischen Text mit eigenen Radierungen oder einem Schriftbild nach den Regeln der Buchdruckerkunst anreichert – er arbeitet unter anderem mit Bleilettern, Photogravüre oder Kupferplatten –, wird dieser wieder Unikat und graphisches Kunstwerk zugleich, wie derzeit in der Tübinger Galerie Druck & Buch zu sehen ist.
Mutels Version von „Alice’s Adventures in Wonderland“ blättert sich vor einem auf wie ein Regenbogen, nur mit noch verschwenderischerer Farbigkeit und delikaten Zwischentönen, etwa einem cremigen Pink. Den reproduzierten Original-Illustrationen von John Tenniel gibt Mutel eigene Zeichnungen bei, wie einen Kommentar aus der Jetztzeit.
Stets schafft er unverwechselbare, prägnante Schriftbilder, eine Typographie, in die man sich am liebsten hineinbegeben, die man am liebsten sogleich Buchstabe für Buchstabe abtasten, also lesen möchte. Neben diesem ästhetischen Reiz sind Mutels Schrift-Bilder gleichermaßen durchlässig für das Entsetzliche, Unvorstellbare. So sprengt die Doppelgesichtigkeit von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ die per Kupferdruck erzeugte (formale) Ebenmäßigkeit. „Das Unheimliche, Bedrohliche bricht typographisch in den Text ein“, sagt die Galeristin Susanne Padberg.
Mutel hat auch eine politische, pamphletistische Seite. Namen von einer früheren Forbes-Liste der Milliardäre dieser Welt kombinierte er mit Motiven aus einem Holbein-Totentanz. „Die Toten tanzen mit den unterschiedlichen Gewerken“, sagt die Galeristin. Denn sterben müssen am Ende alle, ohne Unterschied.
Info
Bis 30. April, Bachgasse 15, donnerstags und freitags 11 bis 19 Uhr, samstags 10 bis 14 Uhr.
Die Malerin Anja Schneider-Keipert befasst sich mit einer Form der Intimität, die kaum einmal öffentlich wird. „Das eine vertraute Gesicht“ nennt sie ihre Bilder und Zeichnungen über ihre Schwangerschaft und das erste Lebensjahr ihrer Tochter, die derzeit im Tübinger Kunstamt zu sehen sind. „Erst während des Arbeitsprozesses ist mir aufgefallen, wie selten Kleinkinder und Säuglinge in der Kunst in Erscheinung treten“, schreibt die 29-jährige Künstlerin, die im Steinlachtal lebt.
Schneider-Keipert verbindet graphische Abstraktion und detaillierte Studie, verwendet Stempel und montiert Fotos in ihre Bilder. Am meisten frappieren die Arbeiten, auf denen die Beziehung zwischen Kind, Mutter oder Vater nicht eindeutig ist. Mehrfach begegnet dem Betrachtet das Doppelmotiv einer hochschwangeren Frau vor dem Spiegel an einem nicht weiter bestimmten Ort. Den hochgewölbten Bauch entblößt, das Gesicht bräunlich, im Schatten, schaut die eine wunderbar gelöst drein.
Ihr Pendant hingegen, das Gesicht weiß vor Anstrengung oder vor Unsicherheit, wirkt beinahe verzweifelt. Mit vielfältigen Geweben und Mustern umgibt die Malerin den Schlaf von Vater und Babytochter mit Farbe und Struktur. Welche Textur die gemeinsame Zukunft haben wird, ist noch offen.
Info
Bis 27. März, Doblerstraße 21, donnerstags und freitags 17 bis 19 Uhr, samstags 13 Uhr bis 16 Uhr.