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Passionierte Gehversuche

Sing-Bach-Kinder, Chor und Zimmertheater

Das gab es in der Form noch nie. Das Projekt „Leidenschaft – Passion 2013“ vereinigt im kommenden März vier Konzerte zur vorösterlichen Leidensgeschichte mit einer Zusatzpremiere im Zimmertheater: Zum 90. Geburtstag von Walter Jens wird dessen Judas-Plädoyer von 1975 auf den Spielplan gelupft.

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Wilhelm Triebold

Tübingen. Der Kirchenmusiker und Chorleiter Ingo Bredenbach knüpft gerne Kontakte, auch über den rein musikalischen Horizont hinaus. Zur Passionszeit hat er ein Paket geschnürt, das sich hauptsächlich um die Bachsche Johannespassion dreht. Bredenbach verknüpft dabei einige „Gehversuche“, wie er es nennt, zu einem großen Guten und Ganzen: Zu gleich mehreren Konzerten samt Singbewegung und theatralischem Vorspiel.

Na, wer will denn da gleich an die FDP denken? Giotto di Bondones Fresko vom Judaskuss in der ... Na, wer will denn da gleich an die FDP denken? Giotto di Bondones Fresko vom Judaskuss in der Arenakapelle in Padua entstand Anfang des 14. Jahrhunderts und dient nun auch zur Illustration des Projekts „Leidenschaft“. Archivbild

Die Johannespassion von Johann Sebastian Bach, vor 288 Jahren komponiert, ist in Tübingen schon häufig erklungen. Doch so grenz- und generationsüberschreitend dürfte das noch nie passiert sein. Bredenbach kommt dabei sehr zupass, dass mit der engagierten Kinderchorleiterin Friedhilde Trüün die Spezialistin schlechthin vor Ort ist für die Fähigkeit, die kindlichen Bedürfnisse nach Klang und Gesang mit dem Werk Johann Sebastian Bachs zusammenzuspannen.

Friedhilde Trüün Friedhilde Trüün Archivbild

Dass dies geht, das hat Friedhilde Trüün bereits des öfteren bewiesen. Für ihr anstehendes Sing-Bach-Projekt mit Drittklässlern gab es im mittlerweile dritten Zulauf über 500 Anfragen, doch „wir können nur 250 Schülerinnen und Schüler nehmen“, bedauert Trüün. Sie ist zuerst einmal Mittlerin und Multiplikatorin, um interessierte Lehrkräfte anzuleiten und zu begleiten, wenn sie mit den Kindern leicht gängige Bach-Melodien einüben.

Ingo Bredenbach Ingo Bredenbach Archivbild

Das funktioniert, bis hin zu der Frage: „Warum brummt der Brummer immer noch?“ Irgendwann, so Trüüns Erfahrung, brummt er auf den wuchtigen Wogen des Gesanges dann eben nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr dazwischen.

Christian Schäfer Christian Schäfer Archivbild

Friedhilde Trüüns praktische Anleitung zum Singen in ganz jungen Jahren zieht mittlerweile Kreise, Anfang Mai ist ihr Sing-Fest „Sing Bach“ mit Kindern von sechs bis zehn Jahren sogar im Hochkultur-Tempel des Landes, dem Baden-Badener Festspielhaus, zu Gast. Das Tübinger Mitsingprojekt für Grundschulkinder wird von der hiesigen Kirchenmusikhochschule in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt veranstaltet, außerdem ist beim Abschlusskonzert in der Stiftskirche ein Jazzensemble unter der Leitung von Frank Schlichter dabei.

Der Gächinger Kantorist und Semiseria-Anführer Schlichter hat außerdem gemeinsam mit Tilmann Jäger die Johannespassion so behutsam umarrangiert, „dass sich Johann Sebastian Bach nicht im Grabe umdreht“, wie Trüün meint. Den Grundschülern wird, ist sie überzeugt, mit solchen Projekten auch das Rüstzeug und ein Fundament für spätere Jahre mitgegeben.

Das gilt dann auch für das zweite Konzert, nämlich die „Johannespassion für Kinder“, wenn Bredenbachs Bach-Chor und Michael Gusenbauer das geistliche Meisterwerk „für Kinder von neun bis 99“ vorstellt: Ein Benefizkonzert zugunsten der Fördergemeinschaft „Hilfe für kranke Kinder“.

Dritte im Chor-Bunde ist die Motette, wenn Bredenbach unter dem Motto „Wir sind der Chor“ am 23. März aus passiven Zuhörerinnen und Zuhörern aktiv Singende machen möchte. Mehrere Hundertschaften werden dann erfahrungsgemäß die Stimme erheben – eine wahre Volksbewegung, die sich mit dem Weihnachtsoratorium bereits bewährt hat. Ein „Erläuterungskonzert“ dazu, das einige der groß angelegten Chorpassagen und sogar eine Arien anstimmen wird.

Bach-Chor und Camerata viva führen außerdem noch die Johannespassion in gewohntem Maß (und Stiftskirchen-Rahmen) auf; es gibt außerdem unter dem Label „Leidenschaft – Passion 2013“ mehrere Passionsandachten, die Matthäuspassion (und zwar die von Bachs Vorgänger Heinrich Schütz) sowie eine finale „Funeral-Music“-Motette. Die Bildende Kunst vertritt Hans Staiger, dessen Passions-Bilder ausgestellt werden. Und das Reutlinger Tonne-Theater gastiert mit dem (bereits auf der Stadthallen-Baustelle dargestellten) Abendmahlsszene nach Leonardo.

Womit wir beim Theater wären. Bredenbach holte das Tübinger Zimmertheater mit ins Boot, und der scheidende Intendant Christian Schäfer hat sich zum Inszenierungs-Schluss in Walter Jens‘ Judas-Apologie „Ich, ein Jud“ vertieft. Die Proben haben begonnen, Premiere dieses – teils räsonierenden, teils rehabilitierenden – Monologs über den klassischen Jesus-Verräter wird am 8. März sein, dem 90. Geburtstag des Autors und Rhetors Walter Jens. Zimmertheater-Schauspieler Endre Holéczy spielt dann vorerst einmal fünf Vorstellungen im März, doch wahrscheinlich wird die Produktion danach in den regulären Spielplan übernommen.

Judas, Benefiz, Johannespassion – eine Terminübersicht
Die Termine im Einzelnen:
„Judas!“ nach „Ich, ein Jud – Verteidigungsrede des Judas Ischarioth von Walter Jens“ hat am Freitag, 8. März im Zimmertheater Premiere. Weitere Vorstellungen am 13., 14., 23. und 28. März jeweils um 20 Uhr.
„Sing Bach – Johannespassion“, ein Mitsingprojekt für Grundschulkinder unter der Leitung von Friedhilde Trüün, ist am Samstag, 16. März um 15 Uhr in der Stiftskirche zu hören. Eintritt frei, Spenden willkommen.
Die „Johannespassion für Kinder“ beginnt am darauffolgenden Samstag, 23. März um 17 Uhr in der Stiftskirche. Der Tübinger Bach-Chor und die Camerata viva bestreiten unter der Leitung von Ingo Bredenbach dieses Benefizkonzert.
Ebenfalls am 23. März: Die Motette „Wir sind der Chor – Johannespassion – Sing Along“ um 20 Uhr mit Bach-Chor, Camerata viva und möglichst vielen sangeswilligen Bürgerinnen und Bürgern.
Am nächsten Tag, Sonntag 24. März, folgt um 17 Uhr in der Stiftskirche die reguläre Konzertaufführung der Johannespassion.
Von Montag, 25. März bis Donnerstag, 28. März, jeweils um 20 Uhr in der Stiftskirche: Passionsandachten zur Matthäus-Passionsgeschichte.
Am Donnerstag, 28. März und Samstag, 30. März spielt das Reutlinger Tonne-Theater jeweils um 17 und 18.30 Uhr im Stifts-Innenhof „Bin ich‘s? Leonardo ma(h)l in Szene“.
Am Freitag, 29. März wird von der Stiftskirchen-Kantorei in einer „Andacht zur Todesstunde Jesu“ Heinrich Schütz‘ Matthäuspassion gegeben.
Am Samstag, 30. März schließt eine Motette mit „Funeral Music“ das Projekt „Leidenschaft“ ab.


22.01.2013 - 08:30 Uhr | geändert: 22.01.2013 - 10:20 Uhr

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