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Auf zur Göttermorgendämmerung!

Schöpfungsgeschichte à la Luis Trenker: Der Tübinger Poetikdozent Raoul Schrott erzählt gern und viel

Dass Poetikdozenten mitunter über alles Mögliche andere sprechen als über Poetik, ist nicht neu. André Heller etwa hielt‘s genauso. Raoul Schrott tat dies allerdings am Donnerstag mit einigem Behagen.

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Wilhelm Triebold

Organisatorin Prof. Dorothee Kimmich hatte das Publikum im Auditorium maximum schon vorgewarnt. Auch wir Germanisten müssten nun tapfer sein und „auf die Zähne beißen, wenn Schrott anfängt“. Das war natürlich nett und kokett gemeint, sonst hätte die Tübinger Literaturwissenschaftlerin den Mann mit dem „Gestus eines Universalgelehrten“ (Kimmich) wohl kaum als Poetikdozenten eingeladen. Um es vorweg zu sagen: Raoul Schrott enttäuschte diese Erwartungen nicht.

Immer freihändig, aber manchmal auch mit den Händen in den Taschen: Raoul Schrott am vergangenen ... Immer freihändig, aber manchmal auch mit den Händen in den Taschen: Raoul Schrott am vergangenen Donnerstag im Audimax der Neuen Aula. Bild: Sommer

„Unterwegs nach Babylon – Spielformen des Erzählens“ war das Thema der diesjährigen Poetikdozentur, die morgen in Schwäbisch Hall mit einer Lesung von Christoph Ransmayr ihr Ende findet. Raoul Schrott hat zwischen Dada, Gilgamesch und Neurowissenschaft so ziemlich als Spielarten ausprobiert, ein Hansdampf in allen Gassen und Gattungen, mit allen Wassern gewaschen. Gelegentlich rümpft ein akademischer Spezialist die Nase und weist dem Quertreiber einen vermeintlichen wissenschaftlichen Fauxpas nach. Aber alles in allem kommt Schrotts Bildungsoffensive (populär, aber nicht zu populistisch) innerhalb der Literaturgemeinde gut an.

Raoul Schrott hat noch einen anderen Gestus kultiviert: den des treuherzigen Tiroler Bauernbubs. Man kann ihm eigentlich nichts übelnehmen, wie er da steht, die Pranken in den Hosentaschen vergraben, und einfach mal drauflos zu schwadronieren scheint. Von zurückliegenden Reisen an die Ursprünge der abendländischen Kultur und Dichtkunst, bei denen dem Poesie-Parsifal ein Licht aufzugehen scheint und sich Thesen bestätigen lassen, die er vorher so wohl noch nie aufgestellt haben dürfte.

Allem Anfang wohnt bekanntlich und hessemäßig ein Zauber inne. Also begab sich Schrott auf die Suche nach Plätzen, an denen alles begann. Da er schlecht den Ausgangsort der Genesis ausgucken kann (das muss ihn pfupfern!), begnügt er sich mit den Orten, an denen das Wort am Anfang stand. Zum Beispiel jenes Musen-Massiv hinter der syrischen Grenze, auf das sich Hesiod (und Franz Werfel in seinen „40 Tagen des Musa Dagh“) beziehen.

Eine tour d‘horizon mit scheinbar eindrucksvollem Bildungshorizont: Raoul Schrott kennt jede Ober- und Unter-Muse nicht nur beim Namen, sondern beinahe schon persönlich. Mitunter verliert er sich im Hundertsten und Tausendsten oder in der hethitischen Traumdeutung. Und gelegentlich schaut er verstohlen auf die Uhr („fünf Minuten hab‘ ich noch“), denn geplant ist sein Monolog auf exakt Fünfviertelstunden. Er hält das ein.

Danach wäre eigentlich eine wunderbarer Chance für eine angeregte Debatte gewesen. Ein paar Tübinger Altphilologen befanden sich im Saal, und hier an der Uni wurden vor Jahren auch die Messer gewetzt, als Schrott Troia nach Kilikien verpflanzte beziehungsweise Homer als griechischen Schreiberling und Eunuchen in assyrischen Diensten entlarvte.

Aber ach, die Diskussion fiel aus am Donnerstagabend. Schrotts Götterboten-Solo blieb unhinterfragt – dieser kalkuliert begeisterte Rausch an sich und an den Bergen der Göttermorgendämmerung. Was einen Sitznachbarn, seines Zeichens Rhetorikprofessor, zu einer halblauten Frage animierte: „Kennen Sie eigentlich Luis Trenker?“

gmehr zu Raoul Schrott und der Poetikdozentur im überregionalen Feuilleton.

15.12.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 27.12.2012 - 11:39 Uhr

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