1969 hat Gudrun Ensslin zusammen mit Andreas Baader die RAF gegründet. Die Wurzeln dieser Kriegserklärung an den Staat versucht Regisseur Andres Veiel in seinem Film „Wer wenn nicht wir“ freizulegen, der von heute an im Kino Museum zu sehen ist (und am morgigen Freitag ist Veiel dort im Kino anwesend). Ein Drittel des Films spielt in Tübingen, wo Ensslin und ihr Liebhaber Bernward Vesper Anfang der sechziger Jahre erste Schritte in die Politik unternommen haben.
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TAGBLATT: Herr Veiel, wenn Gudrun Ensslin und Bernward Vesper 1961 in Tübingen aneinander vorbei gelaufen wären anstatt ein Liebespaar zu werden – hätte es die RAF dann nicht gegeben?
Auf der grünen Wiese bei Hagelloch drehte das Filmteam um Andres Veiel (ganz rechts) im April vergangenen Jahres. Da entstand dieses Erinnerungsbild mit (von links) Ex-LTT-Schauspieler Michael Wittenborn, der Papa Ensslin spielt; mit August Diehl, Lena Lauzemis, Hanno Koffler, Henriette Nagel, Maria Victoria Dragus, Stefanie Groß, Greta Bohacek (unten), Anne Leppin, Gabriele Röthemeyer, Thomas Kufus, Imogen Kogge, Susanne Lothar, Judith Kaufmann und eben Andres Veiel.Archivbild: Sommer
ANDRES VEIEL. Solche einfachen Erklärungsmuster will ich mit dem Film aufbrechen. Wer warum in den bewaffneten Untergrund gegangen ist, und wer nicht, das beruht auf einem Ursachendickicht, das niemand völlig durchschaut und in dem sicher auch Zufälle eine große Rolle spielen. Man kann manches im Werdegang von Bernward Vesper und Gudrun Ensslin aus der Psychologie der Elternhäuser erklären, manches mit dem Versuch, die Körper aus dem starren Korsett der fünfziger Jahre zu befreien. Aber es gibt auch einen offenen Rest, der sich der Erklärung entzieht: ein Geheimnis, wenn man so will.
Haben Ensslin und Vesper Anfang der sechziger Jahre in Tübingen nicht das getan, was alle anderen Studenten damals auch getan haben? Was hat das mit der RAF zu tun?
Andres Veiel. Archivbild: Metz
Ganz im Gegenteil. Sie haben vieles vorweggenommen, was erst Jahre später Mainstream wurde. Das beginnt mit der Entdeckung eines Autors wie Hans Henny Jahnn, der damals ein völliger Außenseiter war. Und es geht weiter mit den sexuellen Experimenten, dem Ausprobieren der freien Liebe, der Entdeckung der Nacktheit als Moment der Befreiung – zu einer Zeit, als es noch den Kuppelei-Paragrafen gab. Die beiden gingen permanent an ihre Grenzen und haben sie auch überschritten.
Auch die politischen Einflüsse dieser Zeit werden gern unterschätzt, angefangen vom Algerienkrieg, wo zum ersten Mal eine Guerillabewegung erfolgreich war, bis zu den Schriften Herbert Marcuses. Da gab es ein langsames Einsickern der Option, dass gewaltsamer Widerstand legitim ist. Und zwar schon bevor Benno Ohnesorg erschossen worden ist.
Parallel dazu blickt der Film sehr ausführlich in die Elternhäuser Ensslin und Vesper.
Es wird ja immer behauptet, die RAF sei aus einem Kampf der Kinder gegen faschistische Eltern hervorgegangen. Das greift aber zu kurz. Im Film ist Bernward Vesper der einzige, der diesen Kampf führt, und der ist eben nicht in die RAF gegangen. Dagegen standen die Väter von Ensslin und Baader mit einem Bein im Widerstand gegen Hitler. Es scheint, als hätten die Kinder das als Auftrag empfunden, etwas zu Ende zu führen, das die Väter letztlich unterlassen haben. Aber Vorsicht: Die RAF mit dem Mama-Papa-Kind-Schema zu erklären ist falsch, wenn es monokausal in der Landschaft steht.
Bernward Vespers Vater Will war ein unbelehrbarer Nazi. Warum tat sich der Sohn so schwer, sich von ihm zu lösen?
In dem Film „Die Reise“ nach dem autobiografischen Roman von Bernward Vesper ist sein Vater ein repressives Monster, jähzornig, unberechenbar, gefühlskalt. Wenn man aber den Briefwechsel der beiden liest, spürt man eine Fürsorglichkeit und Zärtlichkeit, die mit diesem Bild überhaupt nicht übereinstimmt. Da habe ich gemerkt, warum Bernward diesen Menschen nicht einfach abstreifen kann: Er hat ihn geliebt.
Ensslin dagegen verachtet ihren Vater, weil er seinen Widerstand gegen Hitler nicht zu Ende gebracht hat. Zugleich bringt sie zusammen mit ihrem Geliebten in Tübingen die Blut-und-Boden-Lyrik Will Vespers heraus. Wie passt das zusammen?
Aber genau da wird es doch spannend. Warum hat sie das gemacht? Aus unternehmerischem Kalkül, um an Geld für sinnvolle politische Projekte zu kommen? Oder weil man, wie Vesper sagt, erst kennen muss, was man kritisiert? Oder ordnet sie sich ihrem Liebhaber unter, weil auch sie das Rollenmuster der fünfziger Jahre verinnerlicht hat, wonach die Frau nichts ist ohne den Mann. Ich mache dem Zuschauer viele, zum Teil widersprüchliche Angebote, auf die sich jeder seinen eigenen Reim machen muss. Die wahre, endgültige Geschichte gibt es in diesem Fall nicht - zumal ständig neue Erkenntnisse dazukommen. Vielleicht kommt in fünf Jahren Quentin Tarantino und erzählt alles noch einmal ganz anders.
Gudrun Ensslin ist im Kino meistens die eiskalte Ideologin. Sie zeichnen ein anderes Bild ...
Neue Bilder aus dem Tübingen-Film "Wer, wenn nicht wir"
Ich wollte sie in der Tat aus diesem Stereotyp herausholen, in das sie in den letzten Jahren im Zuge der Opferdiskussion wieder hineingeraten ist: Dass sie und die anderen RAF-Leute kriminelle, durchgeknallte Tötungsmaschinen waren. Punkt. Das war auch das Anliegen des Films „Baader-Meinhof-Komplex“: Zeigen wir mal, mit welcher Gnadenlosigkeit hier Blut vergossen wurde. Nach dem Warum wurde überhaupt nicht mehr gefragt.
Auf der anderen Seite gibt es durchaus ein Bedürfnis nach Ikonen, auch aus der RAF. Das führt dazu, dass man die Abgründe und die Zumutungen in den Biografien ausblendet und zum Beispiel Gudrun Ensslin zu einer neuen Jeanne d’Arc macht, ohne jede Widersprüchlichkeit. Ich habe versucht, weder in das eine noch in das andere Klischee zu verfallen, vielmehr menschliche Figuren mit ihren Stärken und Fehlern zeigen. Die die richtigen Fragen stellen und irgendwann die falschen Schlussfolgerungen ziehen.
Finden Sie Gudrun Ensslin eigentlich sympathisch?
Sie ist eine hochkomplexe Figur, die sich einer einfachen Zugänglichkeit entzieht. In ihren Briefen offenbart sie Vergewaltigungsfantasien. In ihr Tagebuch schreibt sie an Vesper: Ich würde alles für dich tun, sogar töten. Da kriegt man es mit der Angst zu tun, wenn man solche Sätze liest, aber man muss sich ihnen stellen. Um die Frage zu beantworten: Es gibt Momente, wo ich sie sehr mag, und andere, in denen sie mir sehr fremd ist. Inzwischen duzen wir uns allerdings.
Die Webseite zum Film schlägt den Bogen von ‘68 und der RAF zu heutigen Protestbewegungen. Inwiefern lässt sich das vergleichen?
Auch wenn derzeit nicht die Systemfrage gestellt wird, gibt es doch ein weit verbreitetes Unbehagen über den Zustand der Demokratie. Das zeigt sich zum Beispiel am Widerstand gegen Großprojekte wie Stuttgart 21. Aber auch die Tatsache, dass nach einer Bankenkrise mal eben 500 Milliarden Euro, das doppelte des Bundeshaushalts, an allen demokratischen Instanzen vorbei in einen Rettungsfonds fließen, hat die Legitimität des Systems beschädigt. Was passiert, wenn die nächste Blase platzt, kann keiner vorhersagen.
Und was kann die neue von der alten Protestbewegung lernen?
Offensichtlich ist, dass der Gewaltdiskurs der sechziger Jahre in die Irre geführt hat. Die Bewegung gegen Stuttgart 21 hat ja auch Gewalt von vornherein ausgeschlossen. Entsprechend sind die Versuche, sie am schwarzen Donnerstag zu kriminalisieren, ins Leere gelaufen. Ein zweites ist, dass man die Komplexität der Wirklichkeit aushalten muss, anders als ‘68, als alles auf ein Richtig und ein Falsch heruntergebrochen wurde. Unter dem Ballast der Vielschichtigkeit nicht die Kraft zu verlieren, Nein zu sagen – das ist heute die Herausforderung.
Mit Studenten von heute ist aber keine Revolte zu machen, oder?
1967 war das Resultat einer repräsentativen Umfrage, dass Studenten unpolitisch sind, sich nur mit sich selbst und ihrer Karriere beschäftigen würden. Fünf Monate später gingen Hunderttausende auf die Straße.
‘68 ist in Ihrem Film aber eine ziemlich unglamouröse, beinahe muffige Veranstaltung.
Ich misstraue den Bildern von der Erotik des Straßenkampfs. Es ist nur ein Teil der Wahrheit, dass es 1967/68 einen Aufbruch gab, der alle mitgerissen und euphorisiert hat. Liest man die Aufzeichnungen von Vesper aus dieser Zeit, wird aber auch eine große Verlorenheit und Einsamkeit spürbar. ‘68 taugt nicht zum Feelgood-Movie. Wer nach Erlösung sucht, ist bei mir im falschen Film.