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Ein Grenzüberschreiter

Nach 35 Jahren spielt Hector Martignon demnächst wieder in Tübingen

Ich habe ihn 1978 auf der Hochzeitsparty von Freunden kennengelernt. Unermüdlich spielte der damals 19-Jährige auf dem altersschwachen Klavier im Club Voltaire. Heute zählt Hector Martignon zu den ganz großen Jazz-Pianisten und lebt in New York. Am 7. März tritt der Kolumbianer im Sparkassen-Carré mit den „Latin Jazz All“ auf.

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Eigentlich wollte Hector Martignon Ingenieur werden. In seiner Geburtsstadt Bogota studierte er nach der Schule Physik. Doch sein Traum war Europa und die Musik. Zuerst landete er bei einem Onkel in Italien, die Heimat der opera in musica.

„Ich hatte eine gute Zeit in Tübingen“: Heimkehrer Hector Martignon.Agenturbild „Ich hatte eine gute Zeit in Tübingen“: Heimkehrer Hector Martignon.Agenturbild

Weil seine ältere Schwester in Tübingen Mathematik studierte, setzte er sich in den Zug gen Norden. Bei seiner Ankunft regnete es, er konnte nur zwei Worte Deutsch „Auf Wiedersehen“ und wollte so schnell wie möglich wieder weg. „Aber ich habe mich in Tübingen verliebt“ – in die Stadt und in seine erste Frau. Hector heiratete, die Tochter kam hier zur Welt.

Heidi Haug ist Gründerin der Agentur „Storymaker“, einstige DKP-Stadträtin (und Ehefrau des ... Heidi Haug ist Gründerin der Agentur „Storymaker“, einstige DKP-Stadträtin (und Ehefrau des Musikers Roberto Santamaria. Archivbild: Metz

Ein großes Glück waren die Klavierstunden bei Robert Alexander Bohnke. Der Pianist und Hochschullehrer merkte schnell, dass in dem jungen Kolumbianer ein großes Talent steckt. Bohnke wuchs beim Großvater von Felix Mendelssohn Bartholdy auf. „In einer solchen Familie atmest du täglich Musik“, erinnert sich Hector. „Der Unterricht bei Alexander Bohnke war für mich wie eine Erleuchtung.“

Ein Klavier

per Autostop

Ende der 1970er Jahre gab es in Tübingen eine große Latin-Gemeinde. Die Stadt war voller Solidarität für das neue Chile des Sozialisten Allende und für die Revolution der Sandinistas in Nicaragua. Hector Martignon wurde eingeladen, bei dem Musikprojekt „Canto General“ mitzumachen. Die Texte kamen aus dem gleichnamigen Gedichtzyklus des chilenischen Dichters Pablo Neruda, die Musik komponierte der Grieche Mikis Theodorakis. Das erste Konzert in der Neuen Aula war brechend voll.

Hector hatte ein Klavier organisiert und auf der Straße einen LKW angehalten, der das gute Stück zur Uni fuhr. Später holte ihn Theodorakis für die Aufnahme nach Stuttgart, mit 120 Stimmen, sein erstes Album.

„Ich habe in Tübingen immer offene Türen erlebt.“ So trampte er jedes Wochenende zurück, nachdem er an der Hochschule in Freiburg mit dem Studium der klassischen Musik angefangen hatte. Den Schwarzwald kennt er wie seine Klaviertasten.

Nach dem Hochschulabschluss blieb er noch vier Jahre in Deutschland, spielte Salsa rauf und runter. So habe er die kubanische Sprache gelernt. Bis er schließlich in New York landete, der Hauptstadt der Musik, des Jazz vor allem. Hector kannte bereits viele Musiker und hatte sofort Arbeit.

In den 80ern war New York im Latin-Fieber; die ganz Großen engagierten den großen, schlanken Kolumbianer, der virtuos und mit dem richtigen Timbre spielte: Salsa-Queen Celia Cruz, der Trompeter Arturo Sandoval, der King of Conga Mongo Santamaria, Onkel des Wahl-Tübingers Roberto Santamaria, der jetzt Hector Martignon als Mitglied seiner Latin Jazz Stars-Band engagierte.

Martignon spielte sich in die erste Liga. Als Direktor des Ray Barretto-Sextetts und von Don Byron tourte er durch die ganze Welt. Paul Simon nahm ihn unter Vertrag für sein Musical The Capeman. Sein Album The ForeignAffair kam unter die zehn besten Jazzalben des Jahres 2000, und 2008 wurde Refugee als bestes Latin-Jazz-Album für einen Grammy nominiert. Bis heute stand er drei Mal auf der Awardliste..

Das Publikum begeistert er mit virtuosen Improvisationen, in die er auch schon mal Bachsche Klangkaskaden einstreut oder James-Bond- Filmmusik anschlägt. Martignon ist ein Grenzüberschreiter, ein Jazzmusiker mit klassischem Fundament. Das Russische Philharmonie-Orchester ließ sich von ihm eine komplette Aufnahme dirigieren. Er schwingt leichthändig von Balkan-Folklore zu afrokubanischer Rumba, saugt unterschiedlichste Einflüsse und Stilrichtungen in sich auf und bleibt doch immer in den Traditionen des Latin Jazz tief verwurzelt. Bei einem Titel wie „Theorema“ baut er gar Erkenntnisse aus seinem Physikstudium in die Kompositionen ein.

Mit Roberto Santamaria verbindet ihn nicht nur die Begeisterung für die Musik seines Onkels. Der Percussionist Mongo Santamariawar von den 1960ern bis zur Jahrtausendwende der Inbegriff von Latin. Er brachte einen Mix auf Funk, Soul, Jazz und afrokubanischen Rhythmen hervor, der mit „Watermelon Man“ die Hitparaden eroberte.

Beim Konzert am kommenden Donnerstag, 7. März, tritt die Band von Roberto Santamaria in einer internationalen Spitzenbesetzung auf. Aus New York reist der Trompeter Michael Mossman an, auch Altmeister und Ex-NDR-Bigband Posaunist Joe Gallardo ist dabei. Mit dem Kubaner Leandro Saint Hill kommt ein Funky-Mann mit Saxophon dazu, zudem zwei junge kolumbianische Talente. Als Special Guest wird Dizzy Krisch auf seinem Vibraphon mitgrooven, der sich auf den Ausflug in die Latinwelt schon riesig freut.

Vor dem Konzert wird Hector einen Espresso im Hanseatica zu sich nehmen – wie früher. „Ich werde in Erinnerungen schwelgen, wenn ich über den Marktplatz gehe. Ich hatte eine gute Zeit in Tübingen.“Heidi Haug

Info: Storymaker organisiert gemeinsam mit der Kreissparkasse das Konzert.

02.03.2013 - 08:30 Uhr

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