Martin Walser las auf Einladung der Osianderschen Buchhandlung aus „Mein Jenseits“
Tübingen. Knapp vierhundert Menschen im Sparkassencarré. Für Martin Walser sind solche Zuhörerzahlen ganz normal, seit Jahrzehnten. 82 Jahre alt ist er mittlerweile und liest locker eine Dreiviertelstunde lang im Stehen aus der Welt seines Protagonisten, der „seit Jahrzehnten 63“ ist.
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Peter Ertle
„Wir glauben mehr als wir wissen“: Martin Walser am Dienstag im Sparkassencarré. Bild: Metz
Walser schreibt seit geraumer Zeit über ältere Männer, vor allem über deren Dilemma mit der Liebe. Dafür gehört ihm schon mal Respekt gezollt, leben wir doch in einer Gesellschaft, in der beschriebenes Liebesleben seinesgleichen meist unter das Verdikt „bäbä“ und „Wollen wir nicht so genau wissen“ fällt.
Ein Mangel, ein Bedürfnis, ein Fehl
Auch in der eben veröffentlichten Novelle „Mein Jenseits“ geht es um einen älteren Mann und die Liebe. Aber auch um einen älteren Mann und den Glauben, die Hoffnung. Um einen älteren Mann und die Kunst. Und weil das Alter ein Modus für die Begrenztheit des Menschen ist, geht es im Prinzip um die alterslose Menschheitstrias Glaube Liebe Hoffnung. Plus Kunst.
Das klingt groß, sehr allegorisch und etwas bildungsbürgerlich. Hat auch was davon. Andererseits ist Walsers Novelle klein und sehr bodenständig. Und doch auf eine erstaunliche Weise leicht, ironisch, ja fast als würde sie auf intelligente Weise mit Groschengenre und Kalenderweisheiten spielen. Das kommt ihr genauso zugute wie die Rückkehr Walsers zu den aus seinen früheren Romanen her bekannten Bodenseeorten sowie zu einer bewährten Figurenkonstellation: Hier der etwas verschrobene, sich zurückziehende Ich-Erzähler, dort der sportliche, bei den Frauen erfolgreiche Grobklotz. Das kennen wir aus „Ein fliehendes Pferd“. Und das war Walsers beste Novelle.
Nun, in „Mein Jenseits“ geht es um Augustin Feinlein, Chefarzt in der psychiatrischen Klinik in Scherblingen. Sein libidinöses, vom Forscherdrang zum Glauben tendierendes Hobby: Reliquien. Seine unerfüllte Liebe: Eva, die Eva aus Studententagen. Die ihn wohl auch liebt, schreibt sie ihm doch oft und versichert ihn ihrer Gefühle – die aber doch vielleicht eher platonischer Natur sind, denn verheiratet ist sie mit Dr. Bruderhofer. Und der wiederum ist ausgerechnet Feinleins jüngerer Kollege an der Klinik. Bruderhofer, der Feinlein seit Jahren bekämpft, zur Strecke bringen will. Am Ende wird Feinlein als Patient in seine eigene Klinik eingeliefert. Eine Komödienpointe. Echtes Ringen und rechte Entrücktheit (Die Novelle beginnt mit einem Zitat des Mystikers Jakob Böhme) sind irdisch gesehen halt nur: Überschnappen.
Walser – oder besser Feinlein – sieht das klar, hat sowieso ein dialektisches Verhältnis zur Welt, vor allem zum Glauben, wie einige der vielen Sprüche zeigen: „Glauben heißt, die Welt so schön zu machen, wie sie nicht ist.“ „Glauben heißt, Berge besteigen, die es nicht gibt.“ „Die Bedingung, die allen Glauben produziert, heißt Ausweglosigkeit.“ Feinleins Jenseits ist „ein Wunsch. Ein Mangel. Ein Bedürfnis. Ein Fehl.“
Gegen die Bruderhofers dieser Welt
Lauter vernünftige Einwände, die Feinlein sicher weiß, aber nicht glaubt, und er weiß auch: „Glauben heißt lieben.“ Und: „Glauben, was nicht ist. Dass es sei.“ Und: „Wir glauben mehr als wir wissen.“ Schließlich ist auch alle Kunst grundloser Mehrwert, macht erst der liebende Blick aus dem so Angeschauten den Geliebten. Alles irrational. Gilt aber, solange die Beteiligten den Glauben daran teilen.
Ist diese Novelle nun Ausdruck der hochkonjunkturellen „Rückkehr der Religion“? Ach was! Vielmehr äußert sich hier der alte Einruf der Künstler, Käuze, Weisen und geistig Armen gegen die Bruderhofers dieser Welt und ihre horizontlos zu nichts aufgeklärte Gescheitheit. Und sei es auch, Feinleins einziger Vorzug bestehe allein darin, dass er von seinen eigenen Täuschungen zumindest eine Ahnung hat.
Moderation gab es bei dieser Lesung nicht, auch keine Publikumsfragerunde. Dafür eine Signierstunde. Bei der Zahl der Signierwilligen dürfte sie an die Länge der Lesedauer herangereicht haben.