Dass die Kuschelsahne ein Kulturphänomen ist, mag nicht jedem sofort einleuchten. Doch zu Zeiten, in denen die Kochkunst die höchsten kulturellen Weihen erhalten hat, kann daran gar kein Zweifel bestehen. Außerdem gebietet sich die Einreihung der Kuschelsahne unter die Kulturphänomene schon aufgrund der Alliteration Ku-Ku: Kulturphänomen Kuschelsahne. Der wahre Grund aber besteht in einem anderen Detail: Dem Umstand ihrer Namensgebung.
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Peter Ertle
Auch eine Wandlung: Vom Himbeertraum zur Kuschelsahne.Bild: Agentur
Damit kommt jener Mann ins Spiel, der die Kuschelsahne in Tübingen populär gemacht hat – vermutlich ohne es selbst zu wissen.
Wir müssen etwas ausholen: Es war auf einer Party in Tübingen. Eine Schüssel mit rot-weiß schaumig schimmerndem Inhalt erregte Aufsehen. Auf Nachfrage erklärte die Gastgeberin, dies sei die bekannte Kuschelsahne. Seit der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel diesen Nachtisch vor wenigen Jahren einmal bei einem Fest serviert habe, kursiere er ständig zu den verschiedensten Anlässen. Es sei eine einzige Erfolgsgeschichte. Als Nachtisch sei die Kuschelsahne immer eine sichere Nummer. Mir persönlich erscheint das insofern glaubhaft, als ich ihn nun selbst schon zum dritten Mal bei einer Einladung serviert bekam. Dass der Nachtisch postwendend Kuschels Namen erhielt, muss an zweierlei liegen: Zum einen an der unzweifelhaften Bedeutung von Karl-Josef Kuschel. Zum anderen an der Bedeutung des Worts „kuscheln“.
Warum ist man da eigentlich selbst noch nicht drauf gekommen: Was tut die Sahne im Mund? Sie kuschelt. Nun wird Karl-Josef Kuschel den Nachtisch ja nicht selbst serviert haben mit dem Hinweis, es gebe nun Kuschelsahne. Oder ist das vorstellbar? Nein. Viel eher wird er gesagt haben: „So, meine lieben Gäste: Zum Nachtisch gibt es heute Himbeertraum.“
Karl-Josef Kuschel: Große Verdienste in der Verbreitung der Kuschelsahne.
Ja, Himbeertraum. Denn als ich bei meiner dritten Begegnung mit der Kuschelsahne den Nachtisch erblickte und ausrief: „Ah, auch da gibt’s also Kuschelsahne!“, entgegnete mir die Gastgeberin nach einem Moment der Irritation: „Ach, Sie meinen den Himbeertraum!“ Zu ihr war die Kunde der Kuschelsahne also noch gar nicht vorgedrungen. Auch solche Menschen gibt es noch.
Dass ausgerechnet ein intellektueller Theologe namensgebend und stilbildend in die Stadtgeschichte der Partynachtische hinein wirkt, ist meines Erachtens ein zwar lokales aber seiner Bedeutung nach gar nicht zu unterschätzendes Kulturphänomen. In einer anderen Stadt wäre es völlig undenkbar. So was passiert nur in Tübingen.
Nun drängen sich Fragen auf: Sollte ein Theologe weltlichen Genüssen nicht skeptischer gegenüber stehen? Eines von Kuschels Büchern trägt den Titel „Gott liebt es, sich zu verstecken“. Ist es denkbar, dass Gott sich auch in der Kuschelsahne versteckt? Und wo hat Kuschel das Rezept her? Vielleicht von Thomas Mann? Eines von Kuschels Büchern trägt den Titel „Weihnachten bei Thomas Mann“. Ist es denkbar, dass Kuschel bei der Recherche zum Buch auf das Rezept stieß? Gab es an Weihnachten bei den Manns Himbeertraum? In den der kleine Golo in einem unbeobachteten Moment mit seinem Kinderpatschhändchen hineinplatschte, während er verzückt schrie: „Imbääaaauuumm! Imbääaaauuumm!“
Man muss dazu sagen, dass der Himbeertraum von Form, Farbe, ja der gesamten Anmutung seines Auftritts her durchaus in den großbürgerlich-repräsentativen Rahmen des Hause Manns und also in die Küche von Frau Katja Mann passt. Inge Jens müsste so was wissen. Auch sie könnte das Rezept also an Karl-Josef Kuschel weitergegeben haben, der ja seinerseits ein Buch über Walter Jens geschrieben hat. Das passt alles zusammen!
Wie dem auch sei. Vielleicht fasziniert Karl Josef Kuschel an diesem Nachtisch, dass ungefähr so viele ihm zugrundeliegende Rezepte kursieren wie es Bibelauslegungen gibt. Zumindest beim Himbeertraum ist das der Fall, wie ein Blick ins Internet zeigt. Manche fügen sogar Schokoküsse oder Nüsse hinzu, was für die Kuschelsahne einem Sakrileg gleichkommt. Wie leicht man doch von der Kuschelsahne zum Sakrileg kommt! Auch da zeigt sich eine Nähe zwischen dem Nachtisch und der Theologie. Nun aber zum Grundrezept für die Kuschelsahne. Es lautet, zumindest bis zum Widerruf ihes Namensgebers:
Zutaten: 2 Becher Sahne, 2-3 Tüten Vanillezucker, 2 Pakete gefrorene Himbeeren, eine große Dose Schaumgebäck (Baisers, Marengen).
Und so wird’s gemacht: Zuerst die Sahne mit dem Vanillezucker steifschlagen. Dann das Schaumgebäck zerkleinern und schließlich in einer Schüssel schichtweise zuerst Schaumgebäck geben, dann Himbeeren, dann die Sahne, dann wieder Schaumgebäck und immer so weiter. Total einfach. Und ab in den Kühlschrank. Am besten schmeckt der Nachtisch, wenn die Himbeeren ganz leicht angetaut, aber im Kern noch gefroren sind. Guten Appetit!