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Wiedersehen nach 28 Jahren im Sudhaus

Kult-Band Familie Hesselbach wiedervereinigt

Nach ihrer Auflösung im Jahr 1985 stehen die sechs Musiker von Familie Hesselbach nächste Woche wiedervereint auf der Sudhaus-Bühne. Drei Bandmitglieder sprachen mit dem TAGBLATT über die achtziger Jahre – Zeiten als die Kassette noch das wichtigstes Medium war, es statt Applaus Kartoffelsalat gab und die Toten Hosen beim Fußball verloren.

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Moritz Siebert

Tübingen. Es war im Jahr 1981, als sich sechs Musiker in der Gaststätte Marquardtei trafen, um eine neue Band zu gründen. Das genaue Datum ist nicht mehr bekannt. „Es muss irgendwann im Frühjahr gewesen sein“, glaubt Axel Recht, der heute Kommunikationsleiter der Messe Stuttgart ist. „Kalt war es aber noch“, erinnert sich Klaus Roth, heute Abteilungsleiter beim Roten Kreuz in Nürtingen. Über den Stil war man sich einig: Etwas neues, ein Gegengewicht zum „Tübinger Müsli-Mainstream“ sollte es sein. Nur der Name fehlte.

Abschiedskonzert der Familie Hesselbach im Oktober 1985 im Zentrum Zoo: Fast 28 Jahre später, am ... Abschiedskonzert der Familie Hesselbach im Oktober 1985 im Zentrum Zoo: Fast 28 Jahre später, am 2.März, gibt es ein Wiedersehen im Sudhaus. Archivbild: Metz

Das Verfahren zur Abstimmung über den Band-Namen tüftelte Keyboarder Handke Hesselbach aus. Jedes der sechs Mitglieder durfte einen Vorschlag machen. Zwei Wahlgänge gab es und null bis drei Punkte durften für die Vorschläge vergeben werden.

Es klappte nicht. Irgendwann, der Verzweiflung schon nahe, rief einer dazwischen: „Dann heißen wir halt Familie Hesselbach!“ Vielleicht war es die gleichnamige Fernsehserie, die damals lief, vielleicht der Name des Keyboarders, was den Geistesblitz auslöste. Vier Mitglieder fanden den Namen jedenfalls okay. Der Rest fand es sogar gut.

Das wichtigste Medium war damals die Kassette. Das erste Tape der Familie Hesselbach von 1982, „Froh zu sein“, war schnell sehr beliebt. „Eigentlich war das der Durchbruch der Band“, glaubt Recht heute. Die Musik-Zeitschrift Spex besprach die Gruppe jedenfalls euphorisch, ihre Musik und ihr Outfit: „Familie Hesselbach ist die einzige deutsche Gruppe zur Zeit, bei der Sommeranzüge und Krawatten überhaupt nichts peinliches haben.“

„Sich optisch von der Müsli-Masse abzusetzen, das war einfach“, blickt Hesselbach zurück. Musikalisch war das schwieriger. In den frühen achtziger Jahren, schrieb Oliver Fuchs 1995 im TAGBLATT, gab es zwei Gegenbewegungen zur Hippie-Kultur in Tübingen. Proll-Punks und Studi-Punks mit New-Wave-Einschlag. In einer Sache waren sich beide Bewegungen einig: Man hasste die „singenden Sozialarbeiter“. Die Familie Hesselbach zählte zu den Studi-Punks (Hesselbach: „Immatrikuliert waren wir alle irgendwie.“). Bereits im Herbst 1982 konnte sich die Band Studiotermine für Schallplatten-Aufnahmen im auf Volksmusik spezialisierten AVC-Studio in Illertissen sichern. Trotz der Fußball-WM, die die Band im Sommer vom Proben ablenkte, kam eine Auflage von eintausend Stück zustande. 8000 Mark investierte die Band. Funk, Pop, Punk, Jazz, Wave oder Ska – eine ganze Palette an Stilen tauchen in Platten- und Konzertbesprechungen der Band auf. Handke Hesselbach würde die Musik „Ur-NDW“ nennen, die von Punk und New Wave beeinflusste NDW. „Das ist alles im Untergrund entstanden“, erklärt er. Und zwar noch lange bevor Peter Schilling oder Nena berühmt waren, Musiker mit denen die Hesselbachs natürlich auch nicht gemeinsam genannt werden wollen. Die Derbheit des Punk und eine wilde Bühnenshow standen immer im Vordergrund.

Wenn man sie heute nach legendären Konzerten fragt, erinnern sich Hesselbach und Co etwa an Crailsheim. Anfang der 1980er Jahre spielte man dort gemeinsam mit den damals noch unbekannten Toten Hosen. Im Vorfeld gab es ein Fußball-Spiel. „Wir haben 7:2 gewonnen“, erinnert sich Roth. Die Toten Hosen würden das heute noch abstreiten. Oder 1984 in Berlin: Ihren Auftritt beendeten die Hesselbachs mit einem ruhigen Stück. Das Publikum dankte das mit einem gellenden Pfeifkonzert und Flaschenwürfen. Erst die Hauptband des Abends, die damals ebenfalls noch unbekannten Ärzte konnten die Stimmung wieder heben. „Mit Kartoffelsalat wurden die trotzdem beworfen“, sind sich Roth und Recht sicher. „Punks sind eben nicht tolerant“, kommentiert Hesselbach.

Ihre letzte Platte mit dem symptomatischen Titel „Der Untergang des Hauses Hesselbach“ nahm die Band 1985 auf. „Die Studienzeit war vorbei“, sagt Recht, „alles bröckelte auseinander.“ Hesselbach: „Irgendwie war auch die Zeit für diese Musik vorbei“. Man sei aus der Sache aber ganz gut rausgekommen, meint Recht und Roth ergänzt: „Wir hatten am Ende keine Schulden.“ Ihr Abschiedskonzert im Oktober 1985 lockte nochmals 300 Fans ins Zentrum Zoo. Danach verstreuten sich die Hesselbachs im ganzen Bundesgebiet. 1990 folgte ein kurzes Revival-Konzert und 1997 traf man sich für ein paar Songs auf dem 40. Geburtstag des Bassisten.

Nur sporadisch hielten die Familien-Mitglieder zueinander Kontakt – bis Recht 2011 einen Anruf von Roth erhielt. Studierende der Merz-Akademie Stuttgart planten die Wiederveröffentlichung eines Stuttgarter Stadt-Samplers von 1982. Am besten gefielen ihnen darauf die Lieder der Familie Hesselbach, die 1982 im Stuttgarter Club Mausefalle aufgenommen wurden. „Der Tempel der neuen Musik in Süddeutschland“, schwärmt Hesselbach heute noch.

Dann stand plötzlich auch die Überlegung im Raum, ob man die „Re-Issue“ nicht mit einem Konzert begleiten könne. Tatsächlich wurden alle Musiker ausfindig gemacht. Handke Hesselbach kramte sein altes Casio-Keyboard raus, das 1990 zum letzten Mal im Einsatz gewesen war. Es funktionierte noch. Die wiedervereinte „Familie“ mietete einen Übungsraum und „guckte mal, ob es noch geht“.

Auch die alten Lieder tauchten bald wieder auf. Nicht auf Papier, aber irgendwo im Gedächtnis versteckt. „Das geschah alles subroutinemäßig“, so Hesselbach. Ein erstes Wiedervereinigungs-Konzert gaben sie im November vergangenen Jahres im Stuttgarter Club Zentral. Rund zweihundert Gäste waren gekommen. „Ein gesetztes Publikum“ nahm Handke wahr, das aber „trotzdem nicht bewegungslos“ war. Die einzigen jüngeren im Publikum waren die Töchter von Gitarrist Roth. Trotzdem musste die wiedervereinte Familie Hesselbach nachher feststellen: „Geil war das jetzt schon.“

Info: Die Tübinger Kultband Familie Hesselbach und das Stuttgarter Elektro-Duo Heute spielen am Samstag, den 2. März, um 20.30 Uhr im Sudhaus. Karten (12 Euro) sind über www.sudhaus-tuebingen.de, unter 07071 934 439 und an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.

23.02.2013 - 08:30 Uhr | geändert: 23.02.2013 - 09:16 Uhr

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