Klangfarbenfrohe Einweihung der Sweetland-Orgel in Unterjesingen
Bis Sonntagmorgen um 9 Uhr arbeiteten die Orgelbauer der Schmallenberger Firma Oppel noch in der evangelischen Barbarakirche von Unterjesingen an der neuen Orgel. Dann konnte das Instrument im Festgottesdienst mit Franz Schuberts Deutscher Messe eingeweiht werden.
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Achim Stricker
Da steht das prächtige Stück, die Königin der Instrumente: Unterjesingens neue Orgel in der evangelischen Barbarakirche. Bild: Faden
seit 1996 hat die Barbara-Gemeinde auf eine neue Orgel gewartet. Nun ziert das historische englische Instrument mit seinem goldenen Pfeifenprospekt den Chorraum. Seine 13 Grundregister hat William Sweetland 1896 nach dem Klangideal der englischen Romantik ausgerichtet: kräftige, plastische Farben. Der bisherigen Orgel der Barbarakirche – ein neobarockes, spitz-obertöniges Stehle-Instrument – hatte es gerade an solchen grundtönigen, tragfähigen Registern gefehlt.
Ursprünglich stand die Sweetland-Orgel in der Zion Hill Church in Tisbury bei Salisbury. 1979 wurde sie in die dortige Methodist Church überführt. Bei der Renovierung hat die Firma Oppel das Instrument sinnvoll um acht Register erweitert, ebenfalls aus dem Pfeifenbestand historischer englischer Orgeln: Vor allem schärfer klingende Zungenregister wie Trompete und Trombone (Posaune).
Die Orgelweihe wurde mit einem Gemeindefest gefeiert. Eine schöne kleine Festschrift informiert kundig über die Sweetland-Orgel. Nachmittags fand für Kinder eine Orgelführung statt – mit der Ofterdinger Organistin Gilla Sauerbeck und ihrem Sohn Simon, verkleidet als „Orgelmaus“.
Die Stimme ruft
mit Messing-Ton
Dann stellte der Unterjesinger Organist Steffen Forschner das neue Instrument in einem einstündigen Konzert vor. Barocke, spätromantische und jazzige Stücke waren so gewählt, dass Forschner das ganze Klangpotential, möglichst viele Register und Farbkombinationen vorführen konnte. Gleich zu Beginn zeigte sich die durchdringende Klanggewalt des Pedals: Bei Johann Sebastian Bachs Fantasie und Fuge g-moll BWV 542 kam die Mixtur der Oberstimmen kaum gegen den mächtigen 16-Fuß-Trombone an. Die Trompete in Bachs Choralbearbeitung „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ hatte einen pastosen, massiven Messing-Ton.
Die gesamte dynamische Bandbreite lotete Forschner in Max Regers Introduktion und Passacaglia d-moll aus, in einem riesigen Crescendo vom zarten Hauch im Schwellwerk bis zum monumentalen Doppelpedal.
Wahlverwandtschaft
sogar zum Jazz
Buchstäblich zuhause war die Sweetland-Orgel in der englischen Spätromantik, etwa bei Percy Fletchers „Fountain Reverie“. Ideal passte die sensible, silbrige Transparenz von Oboe und Clarabella (große Flöte). Hier überzeugte die Klangdisposition noch mehr als bei der (neo-)barocken Polyphonie. Auch für die französische Spätromantik empfahl sich das Instrument. Eins der schönsten Register, die „himmlische Stimme“ Voix celeste, war in der „Prière à Notre-Dame“ aus Léon Boellmanns „Suite Gothique“ zu hören.
Die anglikanisch geprägte Klanglichkeit der Orgel zeigte eine frappierende Wahlverwandtschaft zum Jazz. Für fünf kurze Sätze aus Johannes Matthias Michels „Swing & Jazz Orgelbüchlein“, darunter die „Toccata jazzica“, schien sie wie gemacht. In Anlehnung an Bigband-Formationen ließ Forschner verschiedene Pfeifenchöre in kontrastierendem Wechsel erklingen. Gerade in solchen Zusammenstellungen dürfte die Orgel noch viel Potential haben, mit klaren Stärken im Harmonischen und Rhythmischen. Zumal im Schwellwerk verfügt sie über interessante, „solistisch“ einsetzbare Farben.
Zuletzt würdigte Steffen Forschner die englische Romantikerin noch augenzwinkernd mit Musik aus ihrer Entstehungszeit: mit Edward Elgars „Imperial March“ und einem zünftigen „Barrel House Inn“ samt Glissando über die gesamte Tastatur.
Info: Zur Finanzierung der Gesamtkosten von 102.864 Euro erbittet der Orgelfonds Spenden (Volksbank Ammerbuch, Konto 61085006, BLZ 641 813 97). Außerdem können nach wie vor Pfeifen-Patenschaften übernommen werden. Nähere Auskünfte über das Pfarramt, Organist Forschner (oder www.barbaragemeinde.de).