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Bis die Abrissbirne kommt

Hanna und Ava Smitmans wohnen Countdown fürs „Leerraumprojekt“ im Wennfelder Garten

Tübingen. Noch waren sie nicht massenhaft da, aber in den letzten Tagen kamen sie denn doch so nach und nach: Die Noch- oder ehemaligen Bewohner des Wennfelder Gartens. Zur Kunst. Tatsächlich aber geht es hier mindestens genauso um alltägliche Lebenskultur, die weichen muss und kurz vorher nochmal erkundet, festgehalten wird.

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Mit einem forschenden und verspielten Blick, nicht frei von Nostalgie, aber auch politisch motiviert. Denn immer mehr preiswerter Wohnraum verschwindet zugunsten teurem Neubau oder teurer Sanierung.

Hanna (links) und Ava Smitmans im Kunstmondlicht vor schöner, alter Tapete und verrutschtem ... Hanna (links) und Ava Smitmans im Kunstmondlicht vor schöner, alter Tapete und verrutschtem Blumenbild. Bild: Franke

Das spielt also mit in diesem ästhetischen Programm, das Hanna und Ava Smitmans schon seit Jahren an verschiedenen Orten verfolgen: Verlassene Räume. Und die menschlichen Spuren darin. Vor zwei Jahren durften sie, die GWG war so freundlich, für dieses Projekt in eine leerstehende Wohnung im Wennfelder Garten einziehen, haben einen Blog im Internet eingerichtet, mit Bewohnern gesprochen, fotografiert, gezeichnet, im Dachboden gestöbert, an Tapeten gezupft, also Wandarchäologie betrieben, aus Fenstern geblickt und sich überlegt, wer da früher rausblickte und was man früher von hier aus sah, sie haben Wissenswertes über die Vergangenheit des Viertels erfahren (zum Beispiel dass ein Quellbrunnen stand, wo heute eine Bushaltestelle steht), sie haben Weihnachten gefeiert und die ersten Vögel im Frühjahr gehört. Sie kamen nicht nur kurz hereingeschneit. Sie waren da, sind es noch.

„Jedes Haus besteht aus Traumwelten. Demnach ist das Haus für die Gedanken, Erinnerungen und Träume des Menschen einer der ganz wesentlichen Integrationsmächte“, zitiert Hanna Smitmans Gaston Bachelard. Nach seinem Körper und seiner Kleidung ist der Raum, ist die Wohnung der nächst größere Radius, dem der Mensch seinen Ausdruck verleiht.

In dieser Wohnung nun finden sich: Wunderbare alte Tapeten, an einer Stelle kommen sogar drei Schichten zum Vorschein. Türschilder. Bordüren. Bilder, die auf dem Dachboden gefunden wurden. Eine Kommode, die im Wennfelder Garten draußen stand und wohl aus einer der Wohnungen stammt. Es wird geboten: Eine Diashow mit wechselnden Blicken aus Wennfelder Fenstern. Stadtarchiv-Fotos aus der Stadtviertelentstehung in den 50er Jahren. Ein sich teilweise aufs Viertel erstreckender Lage- und „Verteidigungsplan“ der französischen Armee. Zeichnungen von Ava Smitmans, die sich den Blick auf ein Treppenhaus zum Motiv nahm und davon ausgehend eine Serie verschiedener Annäherungen und Abstraktionsgrade anfertigte. Eine Klang- und Lichtinstallation, die Leben in eines der ehemaligen Zimmer bringt – und scheinwerferdickes Mondlicht. Immer auf der Suche nach den Schatten der Wennfelder Viertelvergangenheit.

Auch die ersten beiden Porträtfotos sind zu sehen. Denn man kann sich fotografieren lassen und von seinen Wennfelder Garten-Erlebnissen erzählen. Nur noch ein paar Tage. Dann kommt die Abrissbirne.Peter Ertle

Info: Bis Freitag, 25. Januar täglich von 15-18 Uhr im Wennfelder Garten, Eisenhutstraße 52.

23.01.2013 - 08:30 Uhr

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