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Der California-Effekt

Gotthard-Sänger Steve Lee über Palmen, Posen und die Schweiz

Von der Presse weitgehend links liegen gelassen genießt die Schweizer Hardrock-Band Gotthard einen hervorragenden Ruf unter den Fans. Wir sprachen mit dem Sänger Steve Lee.

 
Steve Lee (vorn in der Mitte) spielt am Freitag mit Gotthard bei Rock of Ages.Archivbild: Agentur Steve Lee (vorn in der Mitte) spielt am Freitag mit Gotthard bei Rock of Ages.Archivbild: Agentur

Hallo Steve. Ihr seid dieses Jahr zum zweiten Mal nach 2006 bei Rock of Ages dabei. Wie gefiel es Euch damals?

Das letzte Mal war schon ganz toll. Wir sind ja nicht so ’ne alte Rockband – dort können wir uns an unseren Idolen messen.

Dazu gehören zweifellos Deep Purple, Ihr habt ja zu Beginn Eurer Karriere deren „Hush“ gecovert ...

die können uns fast nicht mehr sehen, so oft waren wir mit ihnen auf Tour! Zuletzt waren wir zusammen im Dezember in Frankreich. Das ist natürlich eine Chance für uns: Auf der gleichen Bühne, vor fast gleichem Publikum. Darauf sind wir stolz.

Ihr geltet als DER Hardrock- / Heavy-Metal-Export aus der Schweiz. Fühlt Ihr Euch wohl in dieser Schublade?

Die deutsche Presse hat uns in die härtere Ecke getrieben. Eine Überschrift lautete: Die harten Götter. Heavy vom Feinsten waren wir nie. In der Schweiz gelten wir als Balladen-Band. Wir sehen uns eher in der Classic-Rock-Ecke und halten es mit den Scorpions – es müssen schöne Melodien dabei sein.

Ihr habt Euch mit der ‘97er Live-Platte DeFrosted,die viele akustische Elemente enthält, aus der Heavy-Schublade gelöst. Wie ging es weiter?

1999, zur Mitte unserer Karriere, hatten wir eine Pop-Rock-Phase. da haben wir uns noch gesucht. International kamen unsere Platten „Open“ und „Home Run“ etwas komisch an, auch wegen unserer langsameren Lieder wie unserer Nummer-Eins-Ballade „Heaven“.

Danach wurdet Ihr wieder rockiger. Gab es eigentlich außer Krokus – in den 70ern und 80ern – und Euch jemals harte Bands aus der Schweiz?

Als wir Anfang der 90er anfingen, waren Hardrockbands an zwei Händen abzuzählen. In der Schweiz gibt es viele Bands, die Mundart-Musik machen. Mittlerweile gibt es gute Hardrock-Bands: Shakra und Crystal Ball sind am Kommen, die haben in der Schleife von Gotthard eine offene Tür gefunden. Ich finde es gut, Konkurrenz zu haben.

Euer Bandname ist genial: Man weiß sofort, wo Ihr herkommt und was für Musik ihr macht. Was bedeutet das Gotthard-Massiv für Euch?

Wir haben das zweite T in unserem Bandnamen umgedreht, um den Berg und die Band zu unterscheiden. Abgesehen davon: Auf den Schweizer Straßenschildern wird überall Werbung für die Band gemacht – Du musst halt auf den Gotthard, wohin Du auch willst.

Ihr stammt von der Südseite, richtig?

Wir wohnen alle im Tessin, außer Marc Lynn, unser Bassist, der wohnt in Luzern. Unsere Basis war immer im Tessin. Die Band gibt es seit fast 20 Jahren. Wir müssen uns für das Jubiläum noch was einfallen lassen.

Wieviel hat das Tessin mit dem Rest der Schweiz zu tun?

Es ist eine andere Welt: Man spricht italienisch. Man ist irgendwie abgesondert von der Welt. Da wird man nicht abgelenkt. Da wachsen Palmen ... irgendwie ist das der California Effect.

Steve Lee ist doch bestimmt ein Künstlername, oder? Eigentlich heißt Du doch Stefano Leonardi, oder so.

(lacht) Nein, so einen haben wir schon in der Band! (Gitarrist Leo Leoni, d. Red.) Ich bin eigentlich Deutsch-Schweizer, aber ich bin zweisprachig aufgewachsen und in Lugano zur Schule gegangen. In meinem Pass steht Stefan. Meine Eltern sagten aber schon Steve zu mir. Lee ist mein richtiger Name. Mein Urgroßvater hatte irgendetwas mit England zu tun. Den Namen gibt es in der Schweiz aber öfter.

Zu einem echten Hardrocker gehören die Bühnenposen. Was sagst Du denen, die das peinlich finden?

Die Posen gehören zu unserer Art von Musik. Damit drückt man gewisse Attitudes aus. Die kommen ganz spontan. Es ist ein Ausdruck der Spielfreude.

Ihr habt insgesamt zwölf Alben veröffentlicht. Waren alle gut?

Die „Open“ würde ich gerne nochmal aufnehmen und neu produzieren. Unser damaliger Produzent Chris von Rohr wollte uns radiotauglich machen – wir wollten rocken. Wir haben das Album damals gebraucht, um den nächsten Schritt zu machen.

Was wird man von Euch bei Rock of Ages hören?

Wir haben über 120 Songs, wir wechseln unser Programm schon mal während der Tour und spielen einiges auf Zuruf. „Hush“ ist natürlich ein must. Da fällt mir noch was zum letzten Rock of Ages ein: Da haben wir ja mit Uriah Heep gespielt. Uriah Heep war das erste Konzert,das ich von meinen Eltern aus sehen konnte. Ich war 13 und bin mit einem Freund mit dem Zug nach Basel gefahren. Bei Rock of Ages kam Mick Box auf mich zu und fragte mich ganz höflich, ob er ein Foto von mir machen dürfe. Ich habe ihm gesagt: Eigentlich bist Du schuld, dass ich Musik mache. Es war so ein Kompliment, dass der mich das fragt, das war das Größte!

Die Fragen stellte Michael Sturm

28.07.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 28.07.2010 - 12:44 Uhr
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