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Reisegedichte und berühmte Kollegen

Gibt es eine neue Tübinger Literaturzeitschrift?

Bis zum Sommer konnte man Tim Holland in der Tübinger Buchhandlung Gastl antreffen. Inzwischen studiert der 23-Jährige am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

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DOROTHEE HERMANN
Tim HollandBild: Sommer Tim HollandBild: Sommer

Tübingen. Die renommierte Leipziger Autorenschmiede residiert in „einer schönen alten Jugendstilvilla“, direkt hinter dem Bundesverwaltungsgericht, erzählt Tim Holland, eben auf Weihnachtsbesuch bei der Familie in Mössingen. Um am Literaturinstitut angenommen zu werden, müssen die jährlich rund 600 Bewerber/innen eine Mappe mit eigenen Texten einreichen. 30 bis 50 von ihnen gelangen ins Auswahlgespräch. 15 werden genommen. Der Schwerpunkt Lyrik vereinzelt noch weiter – auf acht Mitstudierende. Offiziell ist der Studiengang „ein modularisierter Bachelor“ für Literarisches Schreiben.

Die Gedichte für seine Mappe verfasste der 23-Jährige in seinem WG-Zimmer auf Waldhäuser-Ost, morgens vor der Arbeit – bevor er mal um 9 Uhr, mal um 10.30 Uhr in der Tübinger Buchhandlung Gastl anfing, wo er nach dem Abitur eine Buchhändlerlehre absolvierte. Ihm gefiel das der Belletristik zugeneigte Sortiment, die geisteswissenschaftliche Orientierung an Musik und Philosophie, und er mochte die Kolleg(inn)en. „Ich hab’ mich da wohlgefühlt.“ Das konnte jeder spüren, der dem einnehmend souveränen Lehrling als Kunde begegnete. Holland sagte sich damals: „Dann hast du eine abgeschlossene Berufsausbildung und verdienst dein eigenes Geld.“

Schreiberfahrung hat Holland schon lange. Mit zwölf oder 13 Jahren begann der Gymnasiast „mit ganz tollen gefühlvollen Gedichten“. Um nicht nur für sich zu schreiben, tauschte er sich in Internetforen aus. Auch „Freunde mussten herhalten“ als erste Kritiker. Er las Rilke, Celan und Hölderlin, „ohne sie ganz zu verstehen“. Beim Schreiben verbindet der 23-Jährige uraltes Handwerk und Technologie. „Der erste Gedanke kommt immer auf Papier, mit dem Bleistift.“ Eine erste Vollversion druckt er am Computer aus, um weitere Korrekturen mit Bleistift vorzunehmen. Er hat das Gefühl, „am Bildschirm weniger zu sehen“.

Kurz nach der erfolgreichen Buchhändler-Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer in Reutlingen im Sommer 2010 fand sich Holland beim Leipziger Auswahlgespräch vor einer kleinen Kommission wieder, darunter die Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel („Tristanakkord“) und Josef Haslinger („Opernball“), beide sind Professoren am Literaturinstitut. Sie wollten sehen, „ob der, der vor ihnen sitzt, zu den Texten passt, die er eingereicht hat“.

Dass bekannte Schriftsteller als Dozenten fungieren, „die aus persönlicher Erfahrung sprechen können“, begeistert Holland. Doch er spürt auch Nachteile: „Die sitzen da mit ihrer ganzen Persönlichkeit – und auch mit ihren Vorlieben.“ Entsprechend subjektiv kann das Urteil über Texte der Nachwuchsautoren ausfallen. „Man muss sehen, was man davon annehmen kann – wem man vertraut, wem man die eigenen Gedichte vorlegt.“

Derzeit ist der Lyriker Norbert Hummelt Gastdozent in Leipzig. „Er ist phantastisch, wenn es um die Genauigkeit der Bilder geht“, sagt Holland und betrachtet das Hummelt-Seminar als „eine Schule des Blicks“, als eine Art Feineinstellung des Handwerkszeugs. „Ob man das später übernimmt, ist etwas anderes.“

Im „Grundlagenmodul Lyrik – Erzählen im Gedicht“ sollen die Studierenden „narrative Strukturen“ in Gedichten von Ted Hughes, T.S. Eliot und Gottfried Benn herausarbeiten. Das Lehrprogramm folge „dem ganz persönlichen Kanon“ von Hummelt. Bei der aus Stuttgart stammenden Bachmann-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff (zuletzt: „Apostoloff“) übt der angehende Lyriker „atmosphärisches Schreiben“. Vor allem für seine Kommilitoninnen sei das Signal wichtig, dass „da eine starke Frau sitzt“. Die Dozenten seien „sonst eher ein Männerhaufen“. Für die Studierenden – „eine kleine Mehrheit Frauen“ – gelte das aber nicht.

Demnächst sollen Gedichte von Tim Holland in einer neuen Tübinger Literaturzeitschrift herauskommen, die „Trashpool“ heißen wird. Im Spätsommer, zwischen Tübingen und Leipzig, machte er eine ausgedehnte Reise durch Südosteuropa. In der postjugoslawischen Teilrepublik Montenegro notierte er unter dem Titel „montenegro, ulcinj, house american style“: „wir lagen in den betten der einheimischen / in den dachkammern und kellernischen geborgen / in geblümten taschentüchern schliefen wir fest. / dem kranken mann nahmen wir das bett come with me / it’s a beautiful house, american style. (. . .)“.

Was sich dahinter verbirgt, dass der kranke Mann sich eine Doppelexistenz in den USA und Montenegro aufgebaut hat, lässt das Gedicht offen.

31.12.2010 - 08:30 Uhr

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