Geld negiert die Welt: Sternheims „1913“ als Stück der Stunde, aber nicht am LTT
Tübingen. Zuerst das Positive. Das LTT, das wegen des Abstecherverkaufs seine Spielpläne ja viel früher festlegen muss als die meisten anderen Theater, hat mit Carl Sternheims „1913“ jetzt punktgenau ein hochaktuelles Stück ins Repertoire gelupft. Dramaturgisch eine Sternstunde. Weniger funkelnd dagegen die Umsetzung. Ein flauer Abend, bestenfalls eine laue Mondnacht.
Zur Zeit haben auf den Bühnen vorwiegend Dramen Konjunktur, die sich mit dem Weltwirtschaftsdesaster und seinen einschneidenden Folgen für jedermann beschäftigen. Dazu gräbt man Zolas hellsichtige Finanzzocker-Kolportage „Geld“ aus, spielt Elfriede Jelinek oder besinnt sich auf den guten alten Sternheim, der vor hundert Jahren den galoppierende Wahnsinn ökonomischer Fehlleitungen und Fehlleistungen in eine artgerecht verknappte Sprache goss.
Die Sucht nach dem Geld
Sternheims Maske-Tetralogie „aus dem bürgerlichen Heldenleben“ kann wie ein zerrbildhafter Rückspiegel eingesehen oder aber wie ein Brennspiegel auf die Zukunft gerichtet werden. Der Zyklus handelt vom Aufstieg und Fall der Familie Maske, vor allem dessen Protagonisten Christian – ausgehend von einem Lustspiel der Selbstsucht („Die Hose“), über die Machtposse des Emporkömmlings („Der Snob“) bis hin zum großen Endspiel eines Global Players des Eigennutzes, der schließlich aber selbst zum Spielball wird (eben „1913“). Diese wilhelminische Soap Opera um die Maske-Dynastie hat vor knapp sechs Jahren schon einmal Volker Lösch fürs Stuttgarter Staatsschauspiel aufbereitet.
Ihnen ist, als hätt der Himmel die Erde still geküsst: Wilhelm (Johannes Schön, links), Ottilie (Britta Hübel) und Christian Maske (Patrick Schnicke, rechts) werden vom Schumannschen und Eichendorffschen Zauber überwältigt. Und von Danny Exnars (vorn) Orgelspiel. In Carl Sternheim „1913“ am Landestheater. Bild: LTT
Das LTT begnügt sich mit dem Schlussakkord „1913“, auch um die Parallelen zur heutigen kritischen Lage besser herauszuarbeiten. Drumherum kracht die Welt aus den Fugen, zerren Bankenkrise, Hellenen-Pleite und heillose Börsenwetten an den blanken Nerven. Im LTT heißt es: „Wie überall ist auch bei uns fiebernden Gehirnen einzig die internationale Sucht nach dem Geld affichiert.“
Die Habsucht als stärkste aller Süchte: Familienpatriarch Christian Maske, den Patrick Schnicke am LTT allerdings eher mit dem dynamischen Fluidum eines Pastor Fliege ausstattet, versucht den Kreis seiner Lieben für die Dressurakte des Raubtierkapitalismus fit zu machen. Seine Tochter Ottilie etwa, mit Britta Hübel ein liebenswert wonneproperes Herzchen, zwingt er, das überlebensnotwendige Gefühl der „Gier“ mal so richtig rauszulassen. Das hat was von Urschreitherapie in der Toskana.
Wie viel Merckle wär in Maske?
Beim Erstgeborenen Phillip scheinen dagegen Hopfen und Malz des erklärten Erzkapitalisten verloren: Raffaele Bonazza gibt den verlorenen Sohn des Maske-Firmenimperiums als einen manierierten, manikürten Prinzen aus dem Reiche Popo, mit stets eingeknicktem Unterkörper, als müsse er Pipi: Eine Karikatur, zu der wohl zu viele Prince-Videos (oder Oskar-Werner-Filme) geguckt wurden.
Ralf Siebelts Inszenierung wirkt ein bisschen wie die Regierung Merkel inmitten der Griechenlandkrise: unentschlossen, zaghaft, abwägend und ohne allzu klare Vorstellungen. Die in ihrer Verdichtung wuchtigen Wahrheitssätze des Sternheim-Schauspiels („Von nichts tönt das Tagesgespräch als vom Eigentum. Es schreit der Reiche um Schutz für das Erworbene, der Arme will Privilegien, die ihm ein bequemes Leben sichern. Auf materiellen Besitz einseitig festgelegt, schein die Nation höhern Aufschwungs unfähig.“) erhalten zu wenig Gewicht oder Tragfähigkeit, verpuffen in einer um den inneren Zusammenhalt kämpfenden Aufführung.
Die hält höchstens ein paar lustige Nummern parat. Gotthard Sinn darf sich als Modezar Karl Lagerfeld verkleiden, um den Taugenichtsen und Tunichtguten Philipp und Prinz Oels (der Stuttgarter Schauspielstudent Felix Banholzer als Gast) stylishe Manieren zu lehren. Ottilie übt sich im Brustschwimmen in Papas Geldspeicher, den Bühnenbildnerin Hannah Landes zum gigantischen Schwimmbassin, gefüllt mit Wertpapieren, umfunktioniert hat: Mit Sprungbrett und mittenmang einem Mammon-Altar, der gelegentlich erklommen wird. Onkel Dagobert aus Entenhausen lässt grüßen.
Rüstungs- und Finanzmagnat Christian Maske, den man vielleicht als eine frühe Adolf-Merckle-Figur deuten und darstellen könnte, hat im Grunde nur zwei ebenbürtige Gegenspieler. Erstens: Maskes andere Tochter Sofie, die dem Vater nachkommt und ihm auf ureigenem Geschäftsterrain knallhart Konkurrenz macht: Theresa Langer spielt sie entsprechend stählern-zickig und zielstrebig.
Und ewig wummert die Hammondorgel
Und zweitens: Ein Nationalrevolutionär namens Wilhelm, gespielt von Johannes Schön, der in Maskes Diensten allzu Wahres mit flackerndem Savonarolablick ausspricht („Auf legalem Weg geht der Betrug vor sich. Die Nation gesetzmäßig geplündert von den wenigen Verwaltern ihres Vermögens.“)
Am Ende aber kaufen sich die Maskes auch diesen Widersacher. Durch den zweistündig-pausenlosen Abend begleitet eine Randfigur die müde Maskerade. Sie legt anfangs einen Schalter um, damit eine vorsintflutliche Hammondorgel mabusehaft wimmern und wummern kann: Danny Exner ist der verlässliche Musikant mit stimmungseintrübenden Einschüben, für die Jojo Büld als musikalischer Leiter verantwortlich zeichnet.
Irgendwann stimmt Exnar dann zart und behutsam Robert Schumanns und Eichendorffs „Mondnacht“ an („Es war als hätt‘ der Himmel/die Erde still geküsst“). Und für einen Moment lang hält die Zeit auch still, marthalert es gewaltig auf der LTT-Bühne. Ein Innehalten, das wohl an die Entstehungsgeschichte von „1913“ erinnern soll: „Der innere Anlass dazu“, schrieb Gattin Thea Sternheim damals ins Tagebuch, „wurde ihm das Schumann-Eichendorff’sche Lied ‚Mondnacht’“.
Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs hatte der Germanist und Dichter Ernst Stadler die Maske-„Komödien aus dem bürgerlichen Heldenleben“ so erklärt: „Ihre Summe ergibt, von einem kühlen und leidenschaftlichen Geist umrissen, das Gesicht dieser Zeit. Das Chaotische unserer Epoche, Zusammenstürze noch eben gültiger Überliefrungen, Anarchismus aller Werte, mühselige Behauptung eines nicht mehr Geglaubten durch Wort und Geste. . .“ Das wäre ein Ansatz, ein Ziel gewesen für „1913“ am LTT.
Ernst Stadler kehrt übrigens in Sternheims Stück wieder, mit Friedrich Nietzsches Vornamen ausgestattet. Dieser Stadler, gespielt von Christian Dräger, ist ein Weggenosse des Gelegenheits-Aufrührers Wilhelm und am Ende der einzige, der tapfer verkündet: „Ich finde den Weg!“ Und Exnar wühlt noch mal kräftig in der aufheulenden Hammondorgel. Der einzige Lustmord an diesem Abend. Matter Applaus.
Info
Weitere Vorstellungen von „1913“ am Landestheater Tübingen: m heutigen Samstag, 8. Mai, sowie am 15. Mai und am 10., 11., 18., 19., 24. und 26. Juni.
Unterm Strich
Carl Sternheims Schauspiel „1913“ ist ein echtes Wertpapier. Das Landestheater hat zwar seinen Bühnenraum mit Pfandbriefen, Anleihen und Geldscheinen vollgepflastert, dass Erzkapitalist Dagobert Duck seine helle Freude hätte. Doch die Aufführung selbst bleibt merkwürdig unentschlossen und uninspiriert. Ein eher schwacher Saisonabschluss der Abo-Reihe am LTT.