Gedenkfeier zum 150. Todestag an Friedrich Silchers Grab
Mehr als 80 Zuschauer fanden sich gestern bei der Gedenkfeier zu Friedrich Silchers 150. Todestag auf dem Alten Tübinger Stadtfriedhof ein.
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Wilhelm Triebold
Kranzgebinde mit Chorgemeinschaft: Die Silcher-Gedenkfeier gestern Mittag auf dem Tübinger Stadtfriedhof. Bild: Faden
Tübingen. „Ach du klarer blauer Himmel“ sang das als „Überraschungsgast“ angekündigte Dresdner Kaiserquartett, zum Quintett aufgestockt: Auch wenn die Sonne nur durchlugte durch den löchrigen Wolkenteppich und der frühherbstliche Wind die Friedhofsbäume zauste. Begonnen hatte die Feier an Friedrich Silchers Grab allerdings mit der gemischten Chorgemeinschaft Tübingen unter Eberhard Höngens Leitung und mit Silchers Lied „In der Ferne“, in dem es heißt:
„Hier in weiter, weiter Ferne,
wie’s mich nach der Heimat zieht,
lustig singen die Gesellen,
doch es ist ein falsches Lied“
Zuerst würdigte Oberbürgermeister Boris Palmer den „großen Sohn der Stadt“ und schaffte es dann immer wieder, den Blick auf manche Eigenheit zu lenken. Etwa darauf, dass ebenfalls ein Palmer vor nahezu genau 150 Jahren an Silchers letzter Ruhestätte das Wort ergriff (nicht Boris, sondern ein gewisser Professor Christian P.). Oder dass der junge Silcher ebenfalls eine Zeitlang in Geradstetten verbracht hat wie auch der junge Palmer (diesmal Boris P.). Fehlte eigentlich nur noch der Hinweis auf jene Rebsorte namens „Silcher“. Palmer schleppte dann, wie andere auch, einen Kranz herbei.
43 Jahre stand Silcher an der Spitze des Tübinger Musiklebens. „Von der Rente mit 67 hat er nichts gehalten“, mutmaßte Festredner Palmer. Und auch wenn der schwäbische Tonsetzer den heutigen Stuttgarter Bonatz-Hauptbahnhof (erbaut bis 1928) nicht gekannt haben dürfte, fand Tübingens Rathauschef doch mehr oder minder elegant den Dreh zur „Kulturtradition“ und zum „Erbe, das es zu bewahren gilt“. Silcher – postum ein Stuttgart21-Gegner?
Auch das Tübinger Schloss als Veranstaltungsort brachte Palmer noch unter: Denn schon Chorleiter Silcher nutzte dieses Areal für massentaugliche Gesangskonzerte.
Eckhart Seiffert wiederum, der Präsident des Schwäbischen Chorverbands, hob mit Silchers Volksliedern die „Kleinode, die zu Herzen gehen“, besonders hervor. Beispielhaft nannte er Silchers „Abschied“ („Muss i denn...“), das vermutlich aus dem Remstal stammt. Aber auch die „Loreley“, von vielen für ein „sagenhaftes Volkslied“ gehalten, lässt ganz romantisch „den deutschen Traum, der auf den Klippen des Rheins zerschellt“, aufleben, wie Seiffert sagte.
Der „Lindenbaum“, „In einem kühlen Grunde“, der „Gute Kamerad“ – allbekannte und weltweit auch angestimmte Silcher-Weisen. Sie pflanzten „eine Heimat in die Herzen seiner Mitmenschen“, fand Seiffert, der sie „mitteilungsfähig, weil sangesfähig“ werden ließ: „Wir ehren ihn, weil er die Sprache unserer Seele freimacht.“
Der dritte Redner schließlich umriss „das gewaltige Arbeitsfeld“, dem sich der erste Musikdirektor der Universität gewidmet hat. Denn Silcher beschäftigte sich mit dem gesamten akademischen Musikbetrieb in Tübingen ebenso wie mit einem Gutteil des sonstigen Sangeslebens in der Stadt. Dabei, so hielt der ehemalige Kulturamtsleiter und Honorarprofessor Wilfried Setzler besonders fest, kursierte der Spruch:
„Silcher war ein Demokrat,
und das in sehr hohem Grad.“
Gerade in der Laienchorbewegung, erklärte Setzler, gab es mit Silchers Aktivitäten eine „Keimzelle der bürgerlichen Emanzipation.“ Die politische Bedeutung des vielseitigen Musik-Reformers hob Setzler damit hervor.
Das Bläserensemble „Schwermetall“ steuerte zwei Sätze von Leo Hassler zu der Feier bei. Und das Kaiser Quartett sorgte für den Ausklang. Mit Friedrich Silchers Lied „Frisch gesungen“: